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Halbe Treppe

 

Halbe Wahrheit

 

Das Milieu: grauer Plattenbau im Frankfurt/Oder zehn Jahre nach der Wende. Die Protagonisten: Ganz normale Leute, zwei Ehepaare um die Vierzig, die irgendwo zwischen Arbeitsalltag (Imbissbude, Parfümerie, Radiomoderator, Zoll) stagnieren und – frei nach Wolf Biermann – empfinden: „Das kann doch nicht alles gewesen sein“. Man ist mehr genervt vom Partner und dessen Unaufmerksamkeit, als noch verliebt in einander, und so ergreifen zwei der vier die Flucht in die nächstgelegene stimulierende Option: In das Abenteuer Fremdgehen. Ohne die Nähe, die in einer Ehe unvermeidbar ist, können Steffi und Chris füreinander so geheimnisvoll sein, dass es eben noch für eine Träumerei, eine Romanze, eine Verliebtheit und eine Illusion ausreicht.

 

All dies ist normal und alltäglich und verbürgt, und es passiert dauernd und überall. Auch die Reibereien, die Enttäuschungen, die Zusammenbrüche, die entstehen, wenn der Ehebruch entdeckt wird, kommen in „Halbe Treppe“ zum Ausdruck. Schön bei allem ist, dass niemand einen vorgefertigten Satz sagt, weil es höchstens ein Konzept, aber kein Drehbuch gab. „Halbe Treppe“ ist weitgehend improvisiert, und den Schauspielern ist anzusehen, wie sehr sie sich bemüht haben, ihre Figuren mit Leben zu füllen. Für die Dauer der Dreharbeiten sollen sie tatsächlich das getan haben, was sie im Film tun: Parfüm oder Currywurst verkaufen, sogar bei einem regionalen Radiosender den „Magic Chris“ markieren, berühmt für seine täglichen Horoskope und seine Gute-Laune-Sprüche. Method-acting im allerbesten Sinne also.

 

Vielleicht auch deshalb weiß „Halbe Treppe“ für lange Zeit wirklich zu fesseln, solange, bis sich das Gefühl einstellt, dass irgendwas hier nicht stimmt. Es gibt eine Schieflage. Je genauer die Schauspieler ihre Figuren entwickeln – und dazu haben sie im Film ausgiebig Gelegenheit – desto mehr scheinen sie sich von ihnen zu entfernen, oder desto mehr scheinen sie sie zu verharmlosen, reduzieren - ich will nicht sagen: klischieren, weil das ungerecht wäre. In anderen Worten: „Halbe Treppe“ ist anzumerken, dass er eigentlich nicht ganz von den Menschen handelt, denen er versucht nahe zu sein, sondern von denen, die sie darstellen. Und die, so sehr sie sich auch anstrengen, dem Volk aufs Maul zu schauen, spielen ihre Rollen einfach zu gut, zu sehr, als dass man ihnen die Ellen oder den Chris des Plattenbaus ganz abnehmen könnte. Ich hatte während des Films stets den Eindruck, dass dies die sehr guten Improvisationen von Theaterschauspielern seien - ohne zu wissen, dass tatsächlich das ganze Ensemble altgediente Theaterschauspieler sind, wie ich später herausfand. Ich sah also Theaterschauspieler, die Beziehungskrisen improvisieren, deren Bewältigungsstrategien und Lösungsversuche (man sitzt zu viert zusammen und diskutiert das Problem tatsächlich gemeinsam) mir nicht zu der Tristesse grauer Plattenbauten zu passen schienen. Es war mir, als handelten diese Psychodramen eher von denen einer anderen, intellektuelleren Schicht. Sie können ihre Herkunft nicht so ganz verleugnen, zu lebendig, zu beweglich und facettenreich ist das Mienenspiel, eindeutig zu theatralisch geraten sind übrigens die Augenblicke,  wenn der Radiomoderator und die Parfümverkäuferin während ihres Jobs an Liebeskummer leiden. Hier sind sie bei weitem nicht mehr die einfachen Menschen, die gerade das weitgehend nicht gelernt haben: ihre Gefühle nach außen zu tragen.

 

Deshalb vor allem bleibt „Halbe Treppe“ für mich ein interessanter Versuch in eine richtige Richtung, im dokumentarischen (Wackelkamera-) Stil der Wirklichkeit nahe zu rücken, die Richtung, in der Österreicher Ulrich Seidl mit seinem abgründigen „Hundstage" mindestens einen Riesenschritt weitergegangen ist: Der nämlich hat vermieden, Schauspieler zu engagieren, denen man ihren Beruf anmerkt, und zu zwei Drittel Laien-Darsteller ihr eigenes Leben spielen lassen.

 

Ich wünschte übrigens, das Miteinander in den grauen Bezirken unserer Republik, speziell nach dem Kaputtgehen von Ehen, würde sich immer so freundlich und tolerant gestalten, wie in „Halbe Treppe“. Aber auch hier scheint sich mir der Film von seinem Sujet zu entfernen. Diese Menschen sind zu harmlos, um real zu sein. Es gibt eine große Ausnahme, der Darsteller des Uwe Kukowski, Axel Prahl, hat mindestens zwei Glanzauftritte, in denen er mit jeder Faser den verletzten, verzweifelten, betrogenen und verlassenen Imbissbudenbetreiber verkörpert, so dass es einem den Atem verschlägt, und man direkt Angst bekommt. Einmal, wenn er vom Freund erfährt, dass er eine Affäre mit seiner Frau hat, und einmal als er seine Frau anfleht, bei ihm zu bleiben. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass er in einem Anfall von Verzweiflung seinen Nebenbuhler Chris erschlägt. Vermutlich verzichtete Prahl auf einen solchen Gewaltakt nur, weil eine Bluttat vor der Kamera äußert schlecht improvisiert werden kann?! Vielleicht hätte - zum Zweck der dramatischen Entwicklung - hier die Regie einschreiten müssen? Denn eine soche Wendung wäre plausibler, folgerichtiger gewesen – wie auch leider Eifersuchtsmörder oft folgerichtiger sind, als von ihren Frauen verlassene Pommesbudenbetreiber, die dann neben ihrem fettigen Job auch noch die nervenden Kinder am Hals und nichts besseres zu tun haben, als vor Läuterung und Nächstenliebe in ihrem Etablissement eine Band namens „17 Hippies“ (mit ihrem balkanischen Sound von Akkordeons, Banjos, Cellos und Drehleiern, Mandolinen und Nasenflöten) zum Tanz aufspielen zu lassen. Die ganze Pommesbude scheint am Schluß versöhnt mit einem schwierigen Leben, das doch immer einen Ausweg bereit hält, wenn man sich nur eine gewisse Offenheit und eine positive Einstellung bewahrt.

 

Die stumpfen, verschlossenen Augen der Statisten, die die Kamera am Ende von „Halbe Treppe“ einfängt, Augen von Alkoholikern und Arbeitslosen, diese Augen sprechen von anderen Wahrheiten.

 

Andreas Thomas, im September 2003

 

Halbe Treppe

Tragikomödie (D 2002, 105 Min., frei ab 12). Regie: Andreas Dresen. Mit Steffi Kühnert, Gabriela Maria Schmeide, Axel Prahl, Thorsten Merten u.a.

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