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Gummo

 

Die Normalität des Absurden in der Provinz

 

Xenia, Ohio. Ein Tornado fegt durch die Stadt und fordert Menschenopfer. Ein Hund wirbelt durch die Luft und bleibt regungslos auf einer Fernsehantenne hängen.  

 

Die Medienöffentlichkeit richtete ihre Aufmerksamkeit das erste Mal auf Harmony Korine, als er als 19jähriger das Drehbuch für Larry Clarke's heißdiskutierten Film 'Kids' schrieb. 'Gummo' ist das Debutwerk des 23jährigen Regisseurs, der seine Kindheit in Nashville verbrachte, in dessen Vororten 'Gummo' gedreht wurde.

 

Ein Junge rüttelt am Maschendrahtzaun, der einen Tunnel über einem Skywalk bildet. Sein Oberkörper ist nackt und auf dem Kopf trägt er überdimensionale, rosarote Hasenohren aus gesteiftem Stoff.  

 

Korine wollte einen Ausschnitt Amerikas auf der Leinwand zeigen, der medial vernachlässigt wird, obwohl er ihm nicht nur weitverbreitet, sondern auch interessant erscheint. Entstanden ist der Film 'Gummo', der die Geschichte des kleinen Vorortes Xenias und seiner Einwohner erzählt.

 

Tummler und Salomon steigen in das Haus des Katzenjägerkonkurrenten ein. Unter dessen Schulheften liegen Photos, die ihn fröhlich in Dragqueenklamotten zeigen.  

 

Das Leitmotiv: Tummler und Solomon, zwei dürre Teens, strollen durch Xenia, auf der Suche nach Abwechslung und streunenden Katzen, deren Kadaver ihnen ein Restaurantlieferant für ein paar Dollars abnimmt.

 

'Gib mir das Shampoo. - Nein, das ist der Conditioner. Die andere Flasche.' Die Mutter wäscht Salomons Haare und kringelt sie letztendlich zu einer Moritzlocke, die in sich sinkend in der Luft stehen bleibt.  

 

Bilder des ganz normalen Alltags - Katzen, Einfamilienhäuser, spielende Kinder, bierbäuchige Väter, Straßen mit Stoßverkehr, Supermärkte und Teenagers in Parks - schaffen es doch nicht, ganz normalen Alltag zu vermitteln, und beim Kinopublikum will einfach nicht die Langeweile, die die Einwohner Xenias auf der Leinwand bekämpfen, aufkommen.

 

Auf einer Müllhalde spielen zwei Zehnjährige mit Plastikpistolen Cowboy. Als ein Junge mit rosa Hasenohren auftaucht, zielen sie auf ihn. Er spielt mit, stürzt, und bleibt regungslos liegen. 'Glaubst du, er ist wirklich tot?' 'Keine Ahnung, gehen wir lieber.'  

 

Sehen wir hier dokumentarisches Material, eingefangene Bilder, wirkliche Leute? Oder ist alles inszeniert, von Schauspielern dargestellt, nach einem zugrundeliegenden Drehbuch produziert?

In 'Gummo' radikalisiert Korine, was bei 'Kids' bereits Verwirrung und Unsicherheit stiftete: Der improvisierte Stil, der doch auf einem Skript basiert, die Schauspiellaien, die sich selbst zu spielen scheinen.

 

Sie hätte gerne größere Brustwarzen. Also klebt ihr ihre Schwester breites, schwarzes Klebeband über die nackten Brüste, das sie mit einem Ruck wieder herunterreißt. Zufrieden betrachtet sie sich im Spiegel.  

 

'Gummo's Episoden unterbrechen sich gegenseitig, setzen sich zu einem späteren Zeitpunkt wieder fort, passieren scheinbar simultan, wie eben die Ereignisse in Xenia. Ob die aneinandergereihten Szenen komisch, rührig, brutal, verspielt, verloren, oder wie-auch-immer wirken, die Collage erzählt vom ganz normalen Wahnsinn, von einer liebenswürdigen Schrägheit.

 

Die siamesischen Zwillinge sitzen in der Badewanne und plantschen. Das Video wurde ein paar Monate vor ihrem Tod gedreht.  

 

Fast alle Rollen sind mit Laienschauspielern besetzt, die Drehorte - Veranden, Keller, Wohnzimmer - blieben für das Shooting unverändert, was auch immer gerade herumlag, wurde liegen gelassen, was auch immer gerade an den Wänden entlangkrabbelte, ließ man weiterkrabbeln...

Um noch mehr Authentizität zu erzielen, wurde viel verwackeltes Video und Super8 als Stilmittel eingesetzt, das in seiner Konsequenz ein bißchen ermüdend und zwanghaft wirkt.

 

Die drei Schwestern fragen am Supermarktparkplatz alle Leute nach ihrer vermißten Katze Foot-Foot. Ein älterer Herr weiß, wohin sie sich verlaufen hat. Alle steigen in sein Auto ein und fahren los. Nach einigen Kilometern beginnt er, die Mädels zu befingern und sie flüchten kreischend in-the-middle-of-nowhere.  

 

Fine Line Features, eine Abteilung von New Line Cinema, das wiederum zu Time Warner (vereinigte Turner Broadcasting + Warner Bros) gehört, gilt als diejenige Division, die sich der riskanteren 'Low Budget'-Produktionen annimmt, die für hollywood'sche Verhältnisse recht hohen künstlerisch-experimentellen Anspruch haben. Vorangegangene Werke, die FLF präsentierte, waren etwa Altmans 'Short Cuts', Gus van Sants 'My own Privat Idaho', 'Shine' etc. In 'Gummo's Fall hat FLF wohl seine Aufgabe erfüllt, Jungtalente zu scouten, - die dann eventuell in Blockbusterproduktionen der Schwestergesellschaft (wie 'Spawn', 'Conspiracy Theory', ...) involviert werden könnten.

 

Tummler und Solomon brausen durch die City, während der Electric Hell Fire Club in ihren Ohren dröhnt. Doch die Vorstadt haben sie zu bald auf ihren klapprigen Fahrrädern durchquert und die Langeweile beginnt erneut.  

 

Filme, die die hintersten Winkel des 'kleinen Mannes' beleuchten, laufen oftmals Gefahr, unter sozialvoyeuristischem Beigeschmack zu leiden, die Dargestellten glauben etwas anderes zeigen, als vom Publikum wahrgenommen wird. Beim Dreh von 'Gummo' soll es zu einem Streik des Filmteams gekommen sein, weil es den Eindruck bekam, daß der Regisseur die Darsteller benütze, aber nicht respektiere. Korine, der die Seite Amerikas zeigt, wo er aufgewachsen ist, eine Seite, die aber in der Welt der kommerziellen Filmsettings nicht existieren darf, leistet jedoch durch die Mischung an Liebenswürdigkeit und Skurrilität der Filmcharaktere, die in 'Gummo' transportiert wird, Überzeugungsarbeit, daß er zwar mit der Kamera, aber nicht mit dem Zeigefinger auf sie zeigt.

 

Es regnet und stürmt. Zwei wasserstoffblonde Teengirls und ein Junge mit Stoffhasenohren blödeln in einem Swimmingpool herum, küssen sich abwechselnd lachend und tauchen sich gegenseitig unter.  

 

Das Rezept einer kleinen Infusion an Dokumentarischem zwecks Sinnesauffrischung ist ebensowenig neu wie das bewußte Einsetzen unterschiedlicher Bildträger oder das Ablehnen der linearen, 3-teiliger-Plot-Erzählweise oder Improvisation anhand von Skript.

 

Tummler macht dem anderen Typen klar, daß er keine Konkurrenz beim Jagen streunender Katzen duldet. Doch nachts legt der andere weiter Giftfallen aus.  

 

Korine wirft alle Möglichkeiten des Regelbrechens in einen Topf, rührt gut um, und vermittelt mit dem Freestyle-Endergebnis das Gefühl, daß hier jemand unbedingt einen Meilenstein in der Filmgeschichte produzieren wollte. Und tatsächlich gerät man auf der Suche nach einer Kategorisierungsschublade leicht ins Schleudern, denn das Entertainment Business, wie sich die kalifornische Filmindustrie nennt, bringt selten Vergleichbares hervor. Doch ist es nicht eher so, daß hier nicht ein innovativer Stil geboren wurde, sondern aus der Untergrund/ Zerobugdet-Filmszene in den Vertriebsolymp Hollywood gehievt wurde? Der "ganz normale Wahnsinn" also...?

 

Die Großmutter hängt am Atemgerät und stinkt. Tummler streichelt ihr über den Kopf. Sie ist wohl schon ein Weilchen lang tot. Der Schuß in ihren Fuß, der sie regungslos läßt, überzeugt ihn endgültig davon.  

 

Manu Luksch   25.11.1997

 

Bericht vom London Film Festival

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in:  telepolis

 

Gummo

USA 1997

Regie: Harmony Korine

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