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Grüne Wüste

Still lächelnd sitzt Tatjana Trieb („Jenseits der Stille“) im Schulbus, was uns vermitteln soll: Hier hat ein Mädchen die große Krise ihres Lebens überwunden. Eigentlich hat sie nicht den geringsten Grund, sich zu freuen: Ihre Eltern haben sich getrennt und ihr einziger Freund ist an Leukämie gestorben. Es bleibt ihr buchstäblich nichts. Aber sie lächelt, und das muss daher rühren, dass sie „erwachsen“ geworden ist. So jedenfalls die allgemeine Lesart ihres Lächelns im Spiegel der Kritik.

 

Eigentlich aber war Katja von Anfang an erwachsen, sie und ihr Freund Johann, während beider Eltern es von Anfang an nicht waren. Stark und weise die Kinder, schwach und verantwortungslos die Eltern, allen voran Martina Gedeck, die hier Katjas nervöse, vornehmlich mit dem Unterleib denkende, Mutter gibt.

 

Dass Krebs Scheiße ist muß nicht besonders einfallsreich inszeniert sein, Sterben an Leukämie ist ein Selbstläufer im Kino, den Suspense und die Zuschauerträne kriegen Krebsfilme frei Haus. Eine Säule des Films steht somit, die andere, interessantere sind die abgebildeten Familienverhältnisse. Interessanter nicht deshalb, weil sie besonders interessant gestaltet sind, sondern weil sie Aussagen liefern über das, was sich bestimmte Erwachsene denken, was Kinder denken, wie Erwachsene sind.

 

Irgendwie zwischen einem Steckenbleiben in der sexuellen Revolution und einer bayerischen Provinzspießigkeit angesiedelt sind die Charaktere der Erwachsenen, ein Kunstprodukt also, weil dünnes, auf Liebeskummer und Liebesgier reduziertes Eltern-Personal schlicht so unecht und leblos wirkt, wie der Schnurrbart von Ulrich Noethen, wie sein halbherziges Rollen des R’s, damit wir merken, wenigstens ahnen sollen, er kommt vom authentischen Land. Die anderen Schauspieler versuchen erst gar nicht, mundartlich zu reden – besser ist das....

 

Konflikt ist also folgender: Die Erwachsenenwelt ist eine kaputte Welt. Erwachsene können nicht mit ihren Gefühlen, ihren Trieben und mit ihrer Verantwortung umgehen und zerstören deshalb die Familien. Sie sind als Frau grell geschminkt oder als Mann hilflos in ihren Abhängigkeiten, damit hat sich’s dann auch schon. Mehr gibt’s nicht im Leben von Erwachsenen. Die Kinderwelt allerdings ist die Welt der Phantasie, des Respekts, der Zärtlichkeit. Farblich wird im Film nicht nur gekleckert, sondern ganze Eimer verschüttet: Erwachsene sitzen in zwielichtigen, rotbraunen Zimmern und gehen sich entweder an die Wäsche oder an die Gurgel. Kinder sitzen in romantisch-verwunschenen Burgen, von Grün überwuchert, wie der Wald – so das Kind, und zärtlich und aufmerksam schaut sich das Kind in die langbewimperten Augen, um sich zu versprechen: später, wenn wir groß sind, werden wir berühmte Archäologen, und dann kommen wir in unser „Dorf“ (sie wissen selbst nicht, wo sie wohnen) zurück, und alle bewundern uns.

 

Der Film sei kitschfrei, steht es im Spiegel der Kritik. Mir fällt beim besten Willen kein besseres Wort ein für eine so grobe, nicht Schwarzweiß– sondern, Rotgrün-Malerei als „Kitsch“. Ach, habe ich schon erwähnt, dass zwischendurch ein Ritter auf seinem Pferd neben dem Auto hergaloppiert? Ich hasse phantasievolle Kinder, die von phantasielosen Erwachsenen ausgedacht worden sind...

 

Andreas Thomas

 

Dieser Text ist erschienen bei ciao.de und in der www.filmzentrale.com

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Kritiken

 

 

Grüne Wüste

D 1999. R: Anno Saul. B: Swenja Karsten. K: Gero Steffen. S: Ingrid Broszat. M: Marcel Barsotti . P: Trebitsch. D: Tatjana Trieb, Robert Gwisdek, Martina Gedeck, Ulrich Noethen u.a. 100 Min. Lichtmeer ab 25.1.01

 

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