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Die große Illusion

 

 

 

„Die große Illusion“ von Jean Renoir ist ein Kriegsfilm, in dem der Krieg kaum vorkommt. Es gibt keine Schlachten, keine Bomben, ja nicht einmal einen wirklichen Feind. Trotzdem ist „Die große Illusion“ ein Film, der die Absurdität des Krieges bloßlegt, wie selten ein anderes Werk. Der Film entstand 1937, als der 1. Weltkrieg noch „der“ Weltkrieg war, klarsichtige Zeitgenossen wie Renoir den zweiten aber schon kommen sahen. Es gab bereits Filme über den 1. Weltkrieg, die das Grauen eindringlich vor Augen führten: „Im Westen nicht Neues von L. Milestone etwa, oder „Westfront 1918“ von G.W. Pabst. Renoir ging es nicht darum, nochmals die Schrecken des Grabenkrieges darzustellen, ihm ging es um die Menschen, die in diesem Krieg agierten, woher sie kamen, was sie wollten und was der Krieg aus ihnen machte.

 

Um es vorwegzunehmen, der Film zeigt nur gute Menschen und zwar auf beiden Seiten der Front. Er zeigt, dass all diese Menschen zuerst einmal Menschen sind, dann Angehörige einer Klasse und irgendwann später erst Vertreter einer Nation, dass die Nationalität eigentlich das letzte ist, was diese Menschen wirklich ausmacht. Doch eben als Angehörige verschiedener Nationen sollen sie sich gegenseitig umbringen. Dies ist eine Illusion, eine große Illusion und es ist nicht die einzige, die der Film uns zeigt. Obwohl wir keine wirklichen Schrecken zu Gesicht bekommen, ja vielleicht gerade deshalb, weil die Handlung des Films in einem fast schon freundlichen Umfeld voll gegenseitiger Rücksicht und wechselseitigem Verständnis spielt, gerade deshalb wirkt das Handeln dieser Menschen, dieses ernsthafte „Krieg Spielen“ so absurd. Nationalismus und Patriotismus werden hier als die leeren Hüllen, die sie sind, ad absurdum geführt. Dies erklärt, warum die Nazis als eine ihrer ersten Aktionen im besetzten Frankreich den Film verboten und versuchten, alle Kopien zu vernichten.

 

Der Film beginnt damit, dass die beiden französischen Offiziere de Boeldieu (Pierre Fresnay) und Maréchal (Jean Gabin) mit ihrem Flugzeug vom deutschen Major von Rauffenstein (Erich von Stroheim) abgeschossen werden. Wir sehen nicht die Attacke selbst, wir erfahren davon durch den Bericht von Rauffensteins, der in der Offiziersbaracke auf die Gefangenen wartet. Da es sich ebenfalls um Offiziere handelt und da de Boeldieu wie von Rauffenstein ebenfalls ein Angehöriger der Adelsklasse ist, behandelt der deutsche Major seine Gefangenen wie Gäste. Besonders de Boeldieu, dessen Cousin, den französischen Militärattache in Berlin er persönlich kennt, behandelt er mit ausgesuchter Höflichkeit. Man speist zusammen, bedauert den Vorfall und alle, Deutsche wie Franzosen, erheben sich als ein Kranz für einen gefallenen französischen Offizier vorbei getragen wird.

 

Anschließend werden de Boeldieu und Maréchal in ein Kriegsgefangenenlager für Offiziere gebracht. Dort wohnen sie mit vier weiteren französischen Offizieren, unter ihnen der Jude Rosenthal (Marcel Dalio) in einem Zimmer zusammen. Das Leben der Gefangenen ist alles andere als beschwerlich. Sie werden von den deutschen Bewachern höflich behandelt und können Dank der regelmäßigen Fresspakete, die Rosenthal von seiner reichen Familie erhält, in relativem Luxus leben. Die Zeit verbringen sie mit Kartenspielen, der Vorbereitung einer Theateraufführung und dem Graben eines Tunnels. Sie planen nämlich einen Ausbruch und haben zu diesem Zweck in ihrem Zimmer einen bereits viele Meter langen Stollen angelegt. Die Aktion muss absolut heimlich geschehen und die freigeschaufelte Erde wird jeweils am nächsten Tag unauffällig im Gefängnishof verteilt. Aus dieser Episode wird 30 Jahre später mit großem Staraufgebot der Film „Gesprengte Ketten“ entstehen.

 

Es fällt auf, wie oft Renoir im Film die Leitmotive Spiel und Theater anstimmt. Einer der gefangenen Franzosen ist Schauspieler und unter seiner Regie wird eine Theateraufführung vorbereitet, die Gefangenen proben Gesänge und Tänze und sie bestellen Kostüme und Requisiten. Einmal sehen wir eine Gruppe Gefangener eine Schneeballschlacht machen und selbst das Graben des Tunnels erscheint wie auch später diverse Ausbruchsversuche, eher wie ein sportliches Ereignis denn eine verzweifelte Rettungsaktion. Das ganze Lagerleben ist ein absurder Leerlauf, eine Art unfreiwillige Freizeitveranstaltung mit starren Ritualen. All diese Männer, die doch im Zivilleben ernsthafte Berufe ausüben, sind dazu gezwungen, ein absurdes Spiel namens Krieg zu spielen.

 

Dass dieses Spiel gleichzeitig blutiger Ernst ist, macht Renoir eher beiläufig deutlich. Neben dem Lager befindet sich eine deutsche Kaserne, in der Jugendliche zu Soldaten gedrillt werden. De Boeldieu kommentiert dies mit einem Satz der programmatisch über dem ganzen Film stehen könnte: „Draußen spielen die Kinder Krieg, während wir hier drinnen spielen wie die Kinder.“ Ganz in diesem Sinne wird später von Rauffenstein sagen „Meine Männer lieben es, Soldat zu spielen.“ Es sind kleine aber eindringliche Szenen mit denen Renoir uns ins Gedächtnis ruft, dass der Preis in diesem Spiel das Leben ist. Wenn die jungen Männer etwa fröhlich in die Kaserne einziehen, sehen wir eine alte Bäuerin, die ihnen mit tief traurigem Gesicht nachblickt und nur murmelt „Die armen Jungen“. Diese Realität des Krieges erscheint im Lagerleben in der Gestalt von Presseberichten über die Eroberung der Stadt Douaumont. Erst wird die Stadt von den Deutschen erobert, dann von den Franzosen zurück erobert und dann doch wieder von den Deutschen. Die Nachricht wird vom jeweiligen Sieger mit patriotischem Gesang gefeiert. Auch Siege erscheinen so als Illusion. Von der französischen Eroberung Douaumonts erfahren die Lagerinsassen bezeichnenderweise während der großen Aufführung, für die sie so lange probten. Das Theater wird unterbrochen und die Gefangenen singen zur Feier die Marseilles. Im Kontext des Films wirkt dies aber nicht unbedingt wie ein patriotischer Aufbruch, eher so als würden die Männer reflexhaft von einer Rolle in eine andere springen. Der patriotische Gesang erscheint so als Theater auf einer höheren Ebene. Eben spielten die Männer noch eine lustige Theaterrolle, jetzt spielen sie die Rolle französischer Patrioten.

 

Dass der Nationalismus eine Illusion ist, dass die Akteure dieses Krieges sich nicht vornehmlich dadurch unterscheiden, dass sie Deutsche oder Franzosen sind, wird immer wieder deutlich. Viel größer als die nationalen Unterschiede ist die Trennung, die sich aus der Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse ergibt. Renoir formuliert in seiner Autobiographie, „dass die Welt durch horizontale Grenzen unterteilt ist, statt in geschlossene Zimmer mit vertikalen Grenzen.“ Wenn Maréchal in Einzelhaft sitzt, gibt ihm sein deutscher Bewacher Zigaretten und eine Mundharmonika, um die Einsamkeit erträglicher zu machen. Wir spüren hier eine menschliche Solidarität unter einfachen Menschen, deren alltägliches Leben außerhalb des Krieges sich kaum unterscheidet und für die es nicht nachvollziehbar ist, warum der Leidensgenosse auf der Gegenseite ein Feind sein soll.

 

Diese Thematik wird im letzten Teil des Films vertieft. Nach einer Odyssee durch mehrere Gefangenlager, aus denen sie immer wieder vergeblich versuchten auszubrechen, werden de Boeldieu und Maréchal schließlich in die ausbruchssichere Festung Winterborn gebracht, wo sie wieder mit Rosenthal in ein Zimmer gelegt werden. Renoir fasst hier einen Zeitabschnitt von fast zwei Jahren in einer langen Bahnfahrt zusammen. Die Kamera schweift durch endlose Landschaften und fängt ab und zu das Schild eines Gefangenlagers ein, um die Stationen zu markieren. In Winterborn finden sie Major von Rauffenstein, der inzwischen Invalide ist und nicht mehr aktiv am Krieg teilnehmen kann, als Lagerkommandanten. Von Rauffenstein verbirgt seine schweren Verbrennungen unter Handschuhen, sein Körper, dessen Wirbel gebrochen sind wird von einem Stahlkorsett zusammengehalten. Doch seine Haltung ist unverändert. Er begrüßt de Boeldieu mit ausgesuchter Höflichkeit wie einen alten Freund.

 

Die beiden Angehörigen des Adels verstehen sich ausgezeichnet. Sie verstehen sich viel besser als mit ihren eigenen Kameraden, die einer anderen Gesellschaftsschicht angehören. Renoir macht hier nochmals ganz deutlich, dass die Trennung der Menschen nach Nationen nur eine Illusion ist, eine mächtige und mörderische Illusion zwar, aber doch nur eine aufgesetzte. So wie der einfache deutsche Wachsoldat instinktiv versteht, was in dem Arbeiter Maréchal vorgeht, der im Krieg einen Leutnant spielt, so verstehen sich von Rauffenstein und de Boeldieu. Sie sind Angehörige einer aussterbenden Kaste mit ganz eigenen Ritualen, was bildlich daran sinnfällig wird, dass beide ein Monokel tragen. Sie gehorchen einem Kodex von Ehre und Ritterlichkeit, der doch von der Wirklichkeit des modernen Krieges überholt wurde, sofern er denn jemals mehr war als eine leere Hülle. Doch auch diese Gemeinschaft der Ritterlichkeit, die Erich von Stroheim meisterhaft in der Gestalt von Rauffensteins verkörpert, entpuppt sich als Illusion, die nichts mit der Wirklichkeit gemein hat. Von Rauffenstein glaubt, dass de Boeldieu keinen Fluchtversuch unternehmen wird, da er doch sein Ehrenwort gab und eben diesen de Boeldieu wird er bei einer nur gespielten Flucht erschießen müssen. Hier erreicht die Absurdität ihre Spitze. Von Rauffenstein sieht sich von den Spielregeln des Krieges und von den Regeln seines Ehrenkodex gezwungen, auf den einzigen Menschen zu schießen, mit dem er sich angemessen austauschen kann und den er als Freund betrachtet.

 

Von Rauffenstein lässt sich von de Boeldieu sein Ehrenwort geben, nicht jedoch von einem Maréchal oder einem Rosenthal. Die Art wie er beider Namen ausspricht drückt einen unüberbrückbaren Abstand aus. „Ihre Namen sind so gut wie unsere“, sagt de Boeldieu und von Rauffenstein antwortet „Vielleicht.“ Beide Adligen sind sich bewusst, dass ihre Welt zum Aussterben verurteilt ist, und dass es eben dieser Krieg ist, den sie doch so pflichtbewusst führen, der ihr Ende besiegeln wird. „Weder Sie noch ich können den Lauf der Zeit aufhalten“, sagt de Boeldieu und Rauffenstein ergänzt: „Wer auch immer diesen Krieg gewinnt. Das Ergebnis dieses Krieges wird sein, dass man keine Rauffensteins und Boeldieus mehr braucht.“ Trotzdem hängen beide an ihrer Illusion und sind entschlossen sehenden Auges unterzugehen, gleichsam ihre Rolle zu Ende zu spielen. Es mag diese Einsicht sein, dass die Zukunft nicht seiner Klasse, sondern den Maréchals und Rosenthals, den Bürgern und Arbeitern gehören wird, die de Boeldieu dazu bringt, sich zu opfern. Mit seinem theatralisch langsam inszenierten Fluchtversuch lenkt er alle Aufmerksamkeit auf sich und ermöglicht es so Maréchal und Rosenthal tatsächlich zu fliehen. Es ist dies ein Akt der Selbstlosigkeit und doch auch ein Akt des Dünkels. Er, dessen übergeordnete Rolle im Krieg außer Zweifel steht, hätte im Zivilleben den Abstieg zu erwarten. Seine Familie ist verarmt, während die aufstrebende Familie Rosenthals dabei ist Schlösser zu erwerben. De Boeldieu inszeniert einen standesgemäßen Abgang und er bleibt seiner Rolle bis zum Tod treu. In einer anrührenden Szene sitzt von Rauffenstein am Sterbebett de Boeldieus. „Vergeben Sie mir“, bittet er. Und de Boeldieu antwortet ihm, dass er das gleiche getan hätte. „Deutschland oder Frankreich. Pflicht ist Pflicht.“ Für gewöhnliche Menschen ist es eine Tragödie im Krieg zu sterben, sagt de Boeldieu. „Für Sie und mich ist es eine gute Lösung“ („une bonne solution“). Von Rauffenstein hat das schwerere Schicksal, er muss weiterleben und zwar ein nutzloses Dasein („une existence inutile“). Das ist tragische Selbststilisierung. In dem Bewusstsein in der bürgerlichen Welt nach dem Krieg keine angemessene Rolle mehr spielen zu können, erscheint der Tod im Krieg als das bessere Geschick. Sterben aus Pflicht und Patriotismus? Es bedeutet wohl eher, die Illusion auf die Spitze zu treiben.

 

Doch Menschen wie de Boeldieu und Rauffenstein sind wohl zu keiner anderen Weltsicht fähig. Als Maréchal, der sehr wohl verstand, dass de Boeldieus Plan tödlich enden würde, eine Aussprache mit dem adligen Offizier suchte, wich dieser nur aus. Fast zwei Jahre waren Maréchal und de Boeldieu gemeinsam in Gefangenschaft und teilten das Zimmer. Trotzdem muss Maréchal feststellen, dass zwischen ihnen eine Mauer steht, nie fühlt er sich ungezwungen in der Gegenwart des anderen. Und als Maréchal schließlich resignierend festhielt: „Sie müssen alles anders machen“, antwortet de Boeldieu: „Ich bin derselbe wie meine Mutter und wie meine Frau.“ Die Trennung der Klassen scheint unüberbrückbar und der praktisch veranlagte aber kulturell ungebildete Maréchal stellt nur noch fest: „Es gibt nichts, was wir gemeinsam haben.“ Alles was zu sagen wäre, blieb ungesagt zwischen den beiden, es bleibt bei einem einfachen „Au revoir.“

 

Maréchal und Rosenthal fliehen zu Fuß durch Deutschland in Richtung Schweiz. Als sie halb erfroren und verhungert in einem Bauernhof Schutz suchen, treffen sie auf die deutsche Bäuerin Elsa (Dita Parlo). Elsas Mann ist vor Verdun gefallen, er ist tot, ebenso wie ihre Brüder: „Lüttich, Dünkirchen, Tannenberg - Unsere großen Siege“, sagt sie während sie auf die Fotos zeigt. Doch diese einfache Frau hasst nicht den vermeintlichen Feind, die Franzosen, sie hasst den Krieg und versteckt die beiden Flüchtlinge bei sich. Renoir kontrastiert hier die Beziehung der beiden adligen Offiziere Rauffenstein und de Boeldieu mit der Beziehung der einfachen Menschen Maréchal und Elsa. Obwohl beide die Sprache des anderen nicht verstehen lernen sie doch bald sich zu verständigen und es entsteht echte Zuneigung. Maréchal verspricht nach dem Krieg zurückzukommen und Elsa nach Frankreich zu holen.

 

Der Film endet versöhnlich. In der Gestalt Elsas und Maréchals scheint echte Völkerverständigung möglich, jenseits ritterlicher patriotischer Rituale. Und als Maréchal und Rosenthal an der Schweizer Grenze von einer deutschen Patrouille entdeckt werden, hindert einer der Soldaten den anderen am Schießen. „Mensch, hör auf. Sie sind in der Schweiz“, sagt er und der andere senkt sein Gewehr: „Desto besser für sie.“ Maréchal äußerst kurz vorher den Wunsch, der Krieg möge nur bald beendet und der letzte sein. Der Film endet so im Zeichen der Hoffnung. Renoir sagt in seiner Autobiographie: „Mein Hauptthema war eines der Ziele, die ich anstrebe, seit ich Filme mache: die Vereinigung der Menschen.“ Doch die Geschichte zeigte nur zwei Jahre nach Fertigstellung des Films, dass auch dies eine große Illusion war.

 

Siegfried König

 

Dieser Text ist nur erschienen in der filmzentrale

 

Die große Illusion

La Grande Illusion

Frankreich 1937, Regie: Jean Renoir, Buch: Charles Spaak und Jean Renoir, Kamera: Christian Matras, Musik: Joseph Kosma. Mit: Erich von Stroheim, Jean Gabin, Pierre Fresnay, Dita Parlo, Marcel Dalio, Julien Carette, Gaston Modot, Jean Dasté.

 

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