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The Grandmother

 

 

 

 

Es ist die Welt des David Lynch, die wir hier betrachten. Nicht die unsere. Und auch wenn Lynchs Version der Welt ein beobachtendes Abbild der Realität ist, und mit dieser wohl mehr zu tun hat, als jeder Hollywoodfilm, so können wir doch alle froh sein, hier zu leben, und nicht dort drüben, in dem David Lynch-Universum. "The Grandmother", ein Kurzfilm mit der Dauer von dreißig Minuten, berichtet von dem Lynch-Universum in seinem unnachahmlichen, surrealistischen Stil.

 

"The Grandmother" ist ein Film über eine Familie. Die Eltern sind primitive Tiere in dem Körper von erwachsenen Menschen. Sie gehen auf allen Vieren, kommunizieren nur durch Bellen und Blaffen - und formulieren dabei nie ein Wort, das in einer bekannten Weltsprache wiederzufinden ist - und behandeln ihren Sohn, einen verhältnismäßig menschlichen Jungen, der immer einen Anzug trägt, mit Verachtung und Häme. Immer wieder wird der Junge von seinem Vater geprügelt und bestraft, da er anscheinend aufgrund seines Bettnässerproblems jeden Morgen einen orangenen Fleck auf dem weißen Laken hinterlässt. Der Junge flüchtet sich auf der Suche nach Geborgenheit und Liebe auf den Dachboden, wo er Dreck und einen Samen in ein leeres Bett einpflanzt. Hier wächst etwas Unwirkliches herauf, das schließlich eine Großmutter gebären soll, die sich um den Jungen liebevoll kümmert. Doch das Glück währt nicht lange, denn etwas scheint mit der Großmutter nicht zu stimmen.

 

In den farbigen Innenaufnahmen beherrscht die Farbe Schwarz das Geschehen um die Charaktere herum. Es gibt keine Wände, keine Decken, kaum räumliche Begrenzungen um die Familie herum, nur ein klaffendes Schwarz wölbt sich um den Jungen und seine animalischen Eltern. Obwohl die Szenen im Inneren farbig sind, sind sie nicht bunt. Die Koloration bleibt immer blass, unauffällig, ausgebleicht. Die handelnden Figuren sind bläulich-blass geschminkt, und selbst das schrecklich grüne Kleid der Mutter scheint ausgewaschen und verwelkt zu sein. Sehen wir Außenaufnahmen (ein Feld, ein Wald, ein Friedhof), sind diese in Schwarzweiß aufgenommen. Man mag denken, dass die Figuren in "The Grandmother" deshalb so blass sind, weil sie nie ihre Wohnung verlassen, aber vermutlich ist es eher so, dass die Sonne verweigert auf sie zu scheinen, auf diese Kreaturen zu scheinen, wenn sie ihre vertraute Umgebung verlassen - und genau das wird durch die Schwarzweißfotographie ausgedrückt.

 

Dieser Wechsel aus Kolor- und Schwarzweißfilm wird noch einmal gebrochen, durch eigentümlich kindliche Animationen. Lynch zeigt uns völlig von der physikalischen und maschinellen Logik abgekapselte Vorgänge, in denen scheinbar natürliche Strukturen entstehen, sich selber erschaffen und das Leben der Eltern beeinflussen. Diese völlig abstrakten Animationen, die gerade zu Anfang von "The Grandmother" gehäuft vorkommen, interpretieren oder verstehen zu wollen, scheint ein sinnloses Unterfangen.

 

Dialog gibt es, wie oben bereits angesprochen, keinen. Auch hören wir keinen "Live"-Sound. Alles, was die Figuren hier tun, wurde durch David Lynch neu vertont und verzerrt. Dass dadurch oft asynchrone Schreie, atonales Scheppern und andere erschreckend unnatürliche Geräusche zu Stande kommen, die den düsteren Ambientsoundtrack überlagern, unterstreicht die ab- und verschreckende Grundstimmung von "The Grandmother".

 

"The Grandmother" ist nicht leicht zu verstehen; ist aber andererseits unmissverständlich David Lynch. Auch wenn er uns hier eine Geschichte erzählt, die von einer asozialen Familie und Kindesmissbrauch, wird diese durch sein Experimentieren mit Form und Stil zu einem bizarren, fast offensiven Film, der seinen Beobachter dazu zwingt, sich von einem Versuch, das Gezeigte zu erfassen und in etwas Greifbares zu verarbeiten, abzulassen.

 

Björn Last

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei:  Mitternachtskino

 

The Grandmother

USA, 1970. Regie: David Lynch. Drehbuch: David Lynch. Produktion: David Lynch. Kamera: David Lynch. Musik: Tractor. Darsteller: Richard White (Junge), Dorothy McGinnis (Großmutter), Virginia Maitland (Mutter), Robert Chadwick (Vater). Schwarzweiß/Farbe. 34 Min.

 

 

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