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Gothika

 

Halle Berry in einem übersinnlichen Thriller von Mathieu Kassovitz

 

Filme, die ihr Genre schon im Titel tragen, schüren Erwartungen. Wenn ein Film GOTHIKA heißt, darf der Connaisseur des Abgründigen mit gewisser Berechtigung den morbiden Blick in eine von Wahnsinn und Tod überschattete Welt erwarten. Weil das Kino derart metaphysische Angelegenheiten allerdings nur indirekt verhandeln kann, greift der filmische gothic horror seit jeher auf die gleichen emblematischen Bilder zurück: Spukhäuser, knarrende Türen, anämische Frauen, Übersinnliches, schlechtes Wetter und mangelhafte Lichtverhältnisse. GOTHIKA dekliniert all diese Ingredienzien – penibel verfugt aus einer Tradition, die von der Schauerromantik bis zu THE SIXTH SENSE reicht – bis zum Überdruss durch.

 

Nun sind die bisherigen Filme von Dark Castle Entertainment (13 GEISTER, GHOST SHIP) nicht gerade durch Subtilität oder sorgfältige Inszenierung aufgefallen. Die Produzenten Joel Silver und Robert Zemeckis betrieben, freundlich formuliert, die Ausdehnung des Jerry Bruckheimer-Prinzips auf das Genre des B-Horrorfilms. Warum eine Geschichte erzählen, wenn man jede Menge digitale Zaubertricks, special-make-up und einen krachenden Soundtrack zu bieten hat? Die artifiziell überdrehte Hysterie, die der Franzose Mathieu Kassovitz (DIE PURPURNEN FLÜSSE) in seinem ersten amerikanischen Film kultiviert, gehört in die gleiche Kategorie. Herausgekommen ist immerhin der bisher ambitionierteste Film der Reihe. Statt special-make-up gibt es richtige Schauspieler. Und obwohl Logik und Plausibilität das letzte sind, wonach man hier fragen sollte, wird sogar versucht eine richtige Geschichte zu erzählen.

 

Es beginnt mit einer atmosphärisch dichten Exposition, die den Alltag der Kriminalpsychologin Miranda Grey (Halle Berry) in einer psychiatrischen Anstalt zeigt. Miranda spricht mit ihrer Patientin Chloe (Penélope Cruz), flirtet mit ihrem Kollegen (Robert Downey Jr.) und macht sich dann mit dem Auto auf den Nachhauseweg. Während der Fahrt steht plötzlich eine junge Frau regungslos auf der Fahrbahn. Als Miranda anhält und die Frau berührt, geht diese effektvoll in Flammen auf. Abblende. Miranda erwacht als Patientin in ihrer eigenen Anstalt – ohne sich an den brutalen Mord an ihrem Ehemann (Charles S. Dutton) zu erinnern, den sie begangen haben soll.

 

Der geschickten Mischung aus exzellenten Nebendarstellern und weiblichem Glamour in der ersten Reihe ist das Kalkül anzumerken. Expressive Gesten, strähnige Haare, blutunterlaufene Augen: Mit Mut zur Hässlichkeit empfehlen sich Halle Berry und Penélope Cruz fürs Charakterfach. Wieder einmal dient ein Horrorfilm als Starvehikel, um dem Publikum „gebrochene Charaktere“ im Unterhaltungskino zu präsentieren. Zumindest bei Halle Berry, die für ihre Rolle in MONSTER’S BALL den Oscar erhielt, ist dieser Aufwand nicht ganz nachvollziehbar.

 

Eine wissenschaftsgläubige Psychologin mit dem Unerklärlichen zu konfrontieren, das hätte überdies ein Stück spannendes Genrekino werden können. Mathieu Kassovitz interessiert sich aber nicht für Figuren und Konflikte, sondern vor allem für die Effekte, die man mit flackernden Leuchtstoffröhren erzielen kann. Und sein Kameramann darf sich rühmen, sämtliche Möglichkeiten, Menschen hinter Gittern mit der Kamera dekorativ zu umkreisen, weidlich ausgeschöpft zu haben.

 

Zunehmend aus dem Blick gerät dabei der Plot, dessen Verwirrspiel um Identität und Erinnerung nur zu Anfang an MEMENTO und LOST HIGHWAY erinnert. Die Wende zur übersinnlichen Geistergeschichte ist schnell vollzogen, und wo ein unruhiger Geist lauert, ist das ungesühnte Verbrechen der Vergangenheit meist nicht weit (wie zuletzt in ECHOES, BELOW und THE RING). Das Ganze mündet dann in eine Mörderjagd, die sämtliche Serienkiller-Klischees der jüngeren Filmgeschichte bemüht. In Kassovitz’ Filmwelt ist alles schon Zeichen und damit ewiges Déjà-vu, reflexhaft abrufbare Konvention. Postmoderne Genrefilme können (siehe KILL BILL VOL.1) einen ganz eigenen Reiz entfalten. GOTHIKA aber ist Wirkung ohne Ursache: Überwältigungskino, das kein Bewusstsein davon hat, warum es uns eigentlich überwältigen will.

 

André Götz

 

Viel Lärm um Nichts: Mathieu Kassovitz’ Geister- und Serienkiller-Thriller übt sich in der vollkommenen Veräußerlichung der Affekte. Halle Berry und Penélope Cruz spielen mit kalkuliertem Mut zur Hässlichkeit, aber gegen ein hysterisch überdrehtes Drehbuch und den unbedingten Stilwillen ihres Regisseurs kommen auch sie nicht an.

 

Dieser Text ist nur erschienen in der filmzentrale

Zu diesem Film gibt es im archiv der filmzentrale mehrere Kritiken

 

Gothika

USA 2003 - Regie: Mathieu Kassovitz - Darsteller: Halle Berry, Robert Downey Jr., Charles S. Dutton, John Carroll Lynch, Bernard Hill, Penélope Cruz, Dorian Harewood, Bronwen Mantel, Kathleen Mackey - FSK: ab 16 - Länge: 98 min. - Start: 11.3.2004

 

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