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Goldenes Gift

(Out of the Past)

 

 

Robert Mitchum verfällt Jane Greer und taumelt in eine kriminelle Verschwörung - einer der größten film noirs überhaupt.

 

 

Inhalt

 

Jeff Bailey (Robert Mitchum ) betreibt in einer Kleinstadt gemeinsam mit dem taubstummen Kid (Dickie Moore) eine Tankstelle und führt - sehr zum Unwillen ihrer Eltern und ihres Jugendfreunds (Richard Webb) eine Beziehung mit der biederen Ann (Virginia Huston). Eines Tages taucht ein Mann auf, der behauptet, Jeff zu kennen und verlangt, dass er sich wieder mit Whit (Kirk Douglas) trifft - einem mächtigen Gangsterboss. Bailey sieht sich gezwungen zu akzeptieren, zuvor gesteht er Ann die Wahrheit über seine Vergangenheit: Früher war er Privatdetektiv und sollte in Whits Auftrag Kathie Moffatt (Jane Greer) zurückholen - die hatte Whit 40.000 Dollar entwendet und ihm dafür eine Kugel im Körper zurückgelassen. Bis nach Acapulco führte ihn die Spur - und dort verfiel er der femme fatale mit Haut und Haar. Gemeinsam brannten sie durch - und wären wohl zusammengeblieben, hätte nicht sein Ex-Partner Fisher (Steve Brodie) sie zufällig wiederentdeckt. Um Whits Rache zu entgehen, tauchten sie unter - doch Fisher spürte sie auf. Im folgenden Streit erschoss Kathie Fisher - Jeff beseitigte die Leiche und die beiden trennten sich. Jetzt will Whit, der wieder mit Kathie zusammenlebt, nochmal Baileys Dienste in Anspruch nehmen. Er soll ihm helfen, Dokumente sicherzustellen, die seine Steuerhinterziehungen beweisen würden. Unter dem Druck, dass ihm ansonsten der Mord an Fisher in die Schuhe geschoben wird, willigt Bailey ein, doch er ahnt, dass auch an dieser Sache etwas faul ist...

 

 

Kritik

 

"How big a chump can you get to be? I was finding out." - Von Anfang an keinen Zweifel an der Auswegslosigkeit der Situation lässt Goldenes Gift, das Meisterwerk des unterschätztesten aller grossen amerikanischen Regisseure, Jacques Tourneur. Der Sohn des französischen Regisseurs Maurice, der selbst klassische Fantasiefilme inszeniert hatte, war Mitte der 30er nach Hollywood gegangen, wo er in den frühen 40ern für den b-picture-Produzenten Val Lewton einige der besten Horrorfilme aller Zeiten drehte, darunter den Klassiker Katzenmenschen und den noch besseren I Walked With A Zombie. Danach versuchte er sich mit großem künstlerischen Erfolg an anderen Genres; unter anderem auch am Krimi.

 

Den Höhepunkt dieses Schaffens stellt zweifelsohne Out Of The Past dar - der Originaltitel gibt schon eine Vorgeschmack auf die verschachtelten Zeitebenen des Films: Wenn die Spirale, der Strudel von Raum und Zeit, das heimliche Bild ist, das Hitchcocks Vertigo  zusammenhält, so ist es in diesem Fall das an Borges gemahnende, ausweglose Labyrinth. Dabei beginnt der Film in einem fast tänzerischen, witzigen Tonfall: Die Ankunft des Fremden im Nest Bridgeport (auch die beiläufige Schilderung dieser kleinstädtischen Enge trägt zum subversiv amoralischen Ton des Films bei) führt zuerst einmal zu ein paar gediegenen one-linern, mit denen sich das Stakkato an trockenem Witz in diesem Film einschießt. "It´s a mighty small world", sagt die Kellnerin in der Bar gegenüber, als der Fremde ihr erzählt, dass die Tankstelle auf der anderen Seite dem alten "Kumpel" Bailey gehört. "Or a mighty big sign", gibt der zurück. Auf dem Schild steht natürlich ein falscher Name, und ein "Kumpel" ist Joe (Paul Valentine) beileibe nicht. Die Erscheinungen sind trügerisch in Out Of The Past, und die Welten schier endlos: Kameramann Nicholas Musuraca, ein Meister des Chiaroscuro, erschuf hier Bilder, deren vielfältige Texturen bei einmaligem Ansehen gar nicht zu verarbeiten sind - Schatten und Details gewinnen ein Eigenleben, überladene Inneräume und lyrische Außenaufnahmen, oft von der auf- oder untergehenden Sonne in ein betörendes Zwielicht getaucht, das einen Hauch von Unwirklichkeit über die Vorkommnisse legt, machen neben Mitchums voice-over (einer der Hauptgründe diesen Film, wenn nur möglich, in der ungleich besseren Originalversion zu sehen) den existentialistischen Tonfall des Films aus.

 

Und tatsächlich ist der Plot von Goldenes Gift ein Beispiel der Effizienz von Hollywoodkrimis der Vierziger - aus einigen klassischen noir-Elementen (das Liebespaar auf der Flucht, die femme fatale, ein sarkastisch-knapper Tonfall) hatte Geoffrey Homes 1946 den Roman "Build My Gallows High" zusammengesetzt. Unter der ungenannten Mithilfe von Kollegen James M. Cain  (Autor von Klassikern wie Wenn der Postman zweimal klingelt und Double Indemnity ) verbesserte er den Krimi für die Verfilmung noch zusätzlich. Zum einen sind die Dialoge hier noch pointierter und witziger, zum anderen gelang es ihm, die Geschichte zu vereinfachen (indem er mehrere Figuren zu einer zusammenführte - so ist etwa der Part des Whit ein Konglomerat von verschiedenen Personen des Romans), zugleich wurde der wesentlich chronologischere Ablauf des Buchs zugunsten einer komplizierten Rückblendenstruktur aufgegeben, die das Gefangensein des Helden in seiner Vergangenheit noch betont. Und nicht zuletzt hatte er den gesunden Menschenverstand, den Namen der Heldin von Mumsie McGonigle in Kathie Moffatt zu ändern - ob der erstere Name der größten femme fatale der Filmgeschichte gerecht geworden wäre, ist zu bezweifeln.

 

Jane Greer spielt diese Frau von ihrem ersten, überirdischen Auftritt ganz in Weiß weg als Ikone der Sinnlichkeit und leiht ihr einen Körper, der jeden Mann entflammt, sowie einen Eisblock als Herz. Die erste Rückblende führt Mitchum auf ihre Spur - in eine traumgleich schöne Studiowelt, die sich als Acapulco ausgibt. Mitchum, einer der größten Schauspieler Hollywoods, der an der Oberfläche träge zu sein scheint (und dahinter eine feinfühlige Intelligenz im Spiel verbirgt) erweist sich ebenso als Idealbesetzung wie Greer: Sein selbstverständlicher Tonfall läßt die Erzählung die Balance zwischen lakonischem Witz und unterdrücktem Pathos halten (wie Paul Schrader es formulierte: "er erzählt seine Geschichte mit solch pathetischem Genuss, dass es offensichtlich ist, dass es keine Hoffnung auf irgendeine Zukunft gibt: Das einzige Vergnügen ist das Durchleben einer zum Scheitern verurteilten Vergangenheit"), sein Unterspielen nimmt der Traurigkeit des Films zugleich jeden Anstrich von Gefühlsduselei. Der dritte, Greer ebenso verfallen, ist Whit - Kirk Douglas spielt hier seine zweite Rolle, und es ist zugleich eine seiner besten. Stellte sich in seinem späteren Spiel gelegentlich die für Großproduktionen typische Routine ein, so ist er hier noch ein kaum unterdrücktes Energiebündel. Hinter seinem aalglatten Witz (der immer wieder in Wortgefechten, die durchgehend den Zitatenschatz bereichern, auf Mitchums cooleren, lebensmüden Zynismus prallt) steckt eine ungebändigte Brutalität, die gelegentlich in blitzartigen Bewegungen hervorbricht und einmal in einem schockierenden Schlag in Greers Gesicht kulminiert.

 

Doch es ist Mitchums in sich ruhende Performance, die den Tonfall des Films dominiert: Während sich die Zeitebenen des Films komplizieren, hält seine Gelassenheit die kreisende Erzählung mit beiden Beinen am Boden. Die Art, wie sich die Beziehung zu Greer entspinnt, ist typisch für den knappen Tonfall des Films. Die drückende Atmosphäre eine schäbigen Strandbar, ein erstes, spitzes Abtasten der Hauptfiguren, und in der Mitte ein klassischer Dialog am Roulettetisch, der sich auch als Ausblick auf den weiteren Film verstehen läßt:

Jeff: "This isn´t the way to play it."

Kathie: "Why not?"

Jeff: "´Cause it isn´t the way to win."

Kathie: "Is there a way to win?"

Jeff: "Well, there´s a way to lose more slowly."

 

Unvorhersehbar wie der Lauf der Roulettekugel ist auch das Voranschreiten des Films, in dem sich plötzlich Wendungen wie aus dem Nichts ergeben - und die Mitchum in hochspannende Zwickmühlen bringen. Und ebenso wie die Kugel bei einem getürkten Rad auf einem anderen Feld zu liegen kommen kann, erweisen sich diese Wendungen dann oft als von langer Hand geplant. Man will sie aber gar nicht verraten - ein Teil des Genusses von Out Of The Past ist, wie sich diese plötzlichen Überraschungen und Zeitsprünge zu einem geheimnisvollen Muster weben, in dem die Helden gefangen sind - so wie in den vieldeutig komponierten Bildern immer wieder Kreuze eine Ahnung vorauswerfen auf ein Ende, das selbst Arthur Penns Bonnie & Clyde  zahm wirken läßt. Hintendran erlaubt sich dieser Film die vielleicht schönste Filmlüge aller Zeiten - und endet wie er begonnen hat, mit der Figur des taubstummen Kid, der als einziger die Wahrheit in sich trägt und sie nicht preisgibt: Sie ist gefangen in der Erinnerung, die dieser Film als Labyrinth der verzweifelten Perfektion ausmalt.

 

1984 drehte Taylor Hackford ein Remake unter dem Titel Gegen jede Chance, das sich leider nicht im geringsten mit dem Original messen kann: Trotz expliziterem Umgang mit Sex bleibt das knisternde Zusammenspiel von Mitchum und Greer unerreicht, und ein paar wirre Trips machen noch keine Annäherung an den festverschlossenen Irrgarten, den die Erzählung des Originals formt. Erwähnenswert sind höchstens die Momente guten Schauspiels, in denen sich James Woods und Jeff Bridges wegen Raquel Welch in die Haare kriegen - und zwei Nebenrollen, die an die goldene Zeit des noir erinnern: Ein alter Richard Widmark als bösartiger Anwalt und niemand anders als Jane Greer selbst, die (wie später nochmal in der Twin Peaks-Serie), den Mut hat so alt auszusehen, wie sie wirklich ist. Wer zusätzlich zu Tourneurs Meisterwerk einen anderen Film sehen will, dem sei lieber Don Siegels  Die rote Schlinge von 1949 ans Herz gelegt, gewissermaßen die leichtfüssig-komische Variante von Out Of The Past: Jane Greer und Robert Mitchum unterziehen darin ihre Rollen einer amüsanten Revision.

 

Fazit: Eines der großen, perfekten Werke der Filmgeschichte: Idealbesetzung, atmosphärische Dichte und der unnachahmlich todessehnsüchtig-tänzerische Drive von Tourneurs Inszenierung suchen bis heute ihresgleichen.

 

 

Christoph Huber, 08.08.2000 

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei:  videoFREAK.net

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Out of the Past

OUT OF THE PAST

USA 1947. R: Jacques Tourneur B: Geoffrey Homes (= Daniel Mainwaring) nach seinem Roman „Build My Gallows High". K: Nicholas Musuraca. S: Samuel E. Beetley. M: Roy Webb. T: Francis M. Sarver; Clem Portman. A: Darrell Silvera; Albert S. D'Agostino, Jack Okey. Ko: Edward Stevenson. Sp: Russell A. Cully. Pg: RKO. Gl.- Robert Sparks. P: Warren Duff. V „von". L: 96 Min., sw. FSK.- 18. St: Dezember 1984. DEA: 1953. D: Robert Mitchum (Jeff Bailey), Jane Greer (Kathie Moffett), Kirk Douglas (Whit Sterling), Rhonda Fleming (Meta Carson), Richard Webb (Jimmy), Steve Brodie (Fisher), Virginia Huston (Ann), Paul Valentine (Joe), Dickie Moore (The Kid), Ken Niles (Eels).

 

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