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Glück in kleinen Dosen

 

Mit dem parzellierten (Un-)Glück amerikanischer Vororte setzt sich Hollywood seit längerem kritisch auseinander. Schon Nicholas Ray blickte zu Beginn von „... denn sie wissen nicht, was sie tun“ (fd 4852) mit Skepsis auf die Wohnstraße, in der sich Natalie Wood und James Dean kennen lernen. Im Verlauf des Halbstarken-Dramas wurde das pastellfarbene Technicolor-Idyll der Vorgärten, Bungalows und ihrer Bewohner folgerichtig in nächtliches Dunkel getaucht. Ein halbes Jahrhundert später scheinen in der US-Gemeinde Hillside die Schattenseiten restlos ausgemerzt. Wird es Nacht, leuchtet das sanfte Aquamarin der Swimmingpools; tagsüber dringt sonnenblumengelbes Licht in jeden Winkel. Die Nachbarin lächelt auf ihrer Sommerparty wie ein Honigkuchenpferd. Dann hängt sich ihr Sohn auf; die Nachbarin lächelt weiter, nur eine Spur gezwungener. Auch die Familie Stiffle sieht im Todesfall, der sich im Haus gegenüber ereignet, keinen Grund zum Grübeln. Nur der ältere Sohn Dean – er hat die Leiche seines Schulfreundes Troy gefunden – soll von den Vitaminpillen, die seine Mutter am Telefon vertreibt, auf Antidepressiva umsteigen, die sein Vater bereithält. Dr. Stiffle ist Psychologe und weiß, wie man Probleme löst. Wenn man überhaupt welche hat.

 

Ob die Erwachsenenwelt in Arie Posins bissigem Erstlingsfilm von Zigaretten und Alkohol auf Prozac oder Designerdrogen umgestiegen ist, wird nirgendwo direkt gesagt. Der Schluss liegt jedoch nahe, dass nicht nur die Jugend mit allerlei Betäubungsmitteln hantiert. Ein allgemein erhöhter Drogenspiegel würde die penetrant zur Schau getragene Lockerheit dieser Leute erklären. Posins satirischer Dreh besteht aber vor allem in der Umkehrung des Generationenverhältnisses: Die Eltern leben in kindlicher Unbekümmertheit und agieren häufig bar jedes Verantwortungsgefühls für den Nachwuchs, der andererseits erstaunlich fest auf dem Boden der Tatsachen steht (und folgerichtig auch ohne Gelbfilter gefilmt wird). Wie in jeder Stadt gibt es Drogen, Gewalt, Suizid; allerdings reagieren nur die Teenager auf die Bedrohungen des Alltags. Darin verstrickt sind sie freilich auch. Deans toter Kumpel Troy war der gewiefteste Drogendealer der Nachbarschaft; Dean, jugendlicher Außenseiter und der intelligente, abgeklärte Typ, gehörte zu Troys besten Kunden. Wären er und die hübsche, zu philosophischen Betrachtungen neigende Crystal nicht so sehr mit sich selbst beschäftigt, könnten sie sich ineinander verlieben, was dann auch irgendwann passiert. Wie Natalie Wood in Rays Klassiker, auf den sich Arie Posin mehrfach (und ironisierend) bezieht, muss sich Crystal zwischen zwei Parteien entscheiden. Denn zunächst gehört sie zur Clique um den coolen, skrupellosen Billy, der Deans Bruder entführen will, um Troys letztes Drogenpaket von Dean zu erzwingen. Nur kidnappt die Erpressertruppe den falschen Jungen, und dieser Charley ist ausgerechnet Spross des Gemeindepolizisten und künftiger Ziehsohn des Bürgermeisters – dessen Vorfreude, Charleys Mutter zu heiraten, sich in Grenzen hält. Ob das Verbrechen zu lokalpolitischen Verstrickungen führt? Eben nicht. Und das ist die Pointe: Von Charleys Entführung bekommen die Erwachsenen genauso wenig mit, wie sie einen Schimmer vom Drogenkonsum ihrer Kids haben.

 

Im Grunde ist das zum Heulen, aber bei Posin wird bitterer Witz daraus. Es verbirgt sich viel Zynismus und Kälte hinter der sommerlichen Attitüde des Films, der streckenweise wie eine Variation auf die Eltern-Kind-Thematik in „Der Eissturm“ (fd 32888) daherkommt, ohne die Tiefenschärfe von Ang Lees Anatomie zweier Familien zu erreichen. Selbst die „guten“ Kids – Dean, Crystal und Charley – haben für das, was ihnen widerfährt, meist nur ein Schulterzucken übrig, bevor sie sich letztlich doch gegen den rabiaten Billy und seinen schlaksigen Erfüllungsgehilfen Lee zur Wehr setzen. Im Zentrum steht Dean, gespielt von Jamie Bell, der es schafft, hinter der Abgeschlafftheit und Weltverdrossenheit seiner Figur einen Rest jugendlichen Zorns aufschimmern zu lassen. Man wünscht regelrecht, Dean würde seinen Vater, der ihn als Studienobjekt für seine Psychobücher benutzt, einmal beim Schlafittchen packen, wie es bei James Dean zu erleben war. Aber schon damals hatte man es mit einem „Rebel without a Cause“ zu tun – und in der schmucken Ödnis von Hillside, inmitten einer Friede-Freude-Hochzeitstorten-Gesellschaft, ist erst recht kein Anlass für Rebellion in Sicht. Statt auf den großen Sturm und Drang setzt Posin auf die kleinen, gemeinen Episoden und mobilisiert dafür ein gut aufgelegtes 19-köpfiges Darstellerensemble, als wäre es ein Film von Robert Altman. Um nur zwei Glanzpunkte zu nennen: Glenn Close gibt die zwanghaft muntere Mutter des Selbstmörders, die sich am Ende immerhin ihrer Unfähigkeit zu Trauern entwinden kann. Ralph Fiennes trottet als sphinxhaft lächelnder Bürgermeister Ebbs durch den Film und rätselt über Delphine, die er einfach überall zu sehen meint. Trugbild oder nicht: Am Ende zeigt sogar das Luftbild von Hillside die Gemeinde in Delphin-Form, ein eher platter Schlussgag, der wahrscheinlich auf das Delphin-Logo bestimmter Ecstasy-Pillen anspielt. Die Kritik an einer drogengefährdeten Gesellschaft bleibt – und die Gesamtwirkung eines leicht benebelten, seltsam dahinfließenden, auf hinterhältige Weise komischen Films. Billy Wilder, der den jungen Posin unter seine Fittiche nahm, hätte seine Freude daran gehabt.

 

Jens Hinrichsen

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-dienst

 

 

Glück in kleinen Dosen

USA / Deutschland 2005 - Originaltitel: The Chumscrubber - Regie: Arie Posin - Darsteller: Jamie Bell, Camilla Belle, Ralph Fiennes, Glenn Close, Carrie-Anne Moss, Lou Taylor Pucci, Rita Wilson, Justin Chatwin - FSK: ab 16 - Länge: 108 min. - Start: 5.10.2006

 

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