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Gisela

Giselas Konturen sind ziemlich klar umrissen. Gisela lebt im sozialen Wohnungsbau, nebst Mann und Sohn. Tagsüber ist sie im Supermarkt Kassiererin und ihre Frisur ist eine Unfrisur. Georgs und Pauls soziale Verortung fällt schwerer. Sie leben zwar um die Ecke, aber in deren Wohnzimmer siehts aus wie in einer berliner Szenekneipe. „Ich habe das Dekor abstrakt gehalten, um die Konzentration auf die Charaktere zu lenken“, sagt Isabelle Stever, die Regisseurin. Und wovon sie leben, ist auch fraglich: außer von Bier, oversexten Sprüchen und Rumficken. „Für mich ist ‚Gisela’ ein Film über Freiheit“, sagt Frau Stever.

 

Georg ist ein Arschloch. Er pöbelt jeden dauernd an, aber er macht auch gerne Party. Bei sich zu Hause. Parties, zu denen komischerweise Gäste kommen. Auch dass Paul sich immer noch mit Georg abgeben mag und vor allem, dass Georg täglich eine andere Frau aufreißt, verstehe, wer will. Vielleicht halten die Damen es ja wie die Regisseurin: „Ich wollte die Charaktere nicht suggestiv bewerten, sondern wollte ihnen eine sachliche Authentizität geben“. Gisela ist angeblich nicht so leicht für eine sachliche Authentizität zu haben. Aber Paul schafft’s an einem halben Tag. Mitten auf Georgs Party holt sie ihm erstmal einen runter, zum Kennenlernen quasi. Und später dann wird der ca. 5-jährige Sohn schnell mal am hellen Nachmittag nebenan in die Dusche schlafen gelegt und dann wird losgefickt. „Der Anarchismus des Romans verlangt nach einem Film, der keine Milieustudie sein darf.“ Zugegeben, ein krakeelender Sohn wäre dann doch zu sehr Milieu gewesen. Und überhaupt kann die Anarchie es gar nicht leiden, wenn sie von zu viel Realität gestört wird.

 

Milieustudie nein, aber laut Synopsis im Presseheft „ein wunderbar naturalistisches und unaufgeregtes Portrait über die untere Mittelschicht der Twenty- und Thirtysomethings im heutigen Europa – irgendwo am Rande der Städte.“ Präziser hätte man die Jungs und das Mädel wohl kaum verorten können.

 

Immerhin befriedigend ist, dass Georg gegen Ende zusammengeschlagen wird. Warum aber müssen das ausgerechnet milieutypische Nazis erledigen, wenn doch jedem europäischen Twenty- und Thirtysomething angesichts seiner Visage die Galle hochkommen würde? „Georg, Paul und Gisela messen ihr Handeln nicht an Moral im konventionellen Sinne, deswegen fand ich es aufregend, sie für modern zu halten.“ sagt Isabelle Stever. Um zu erkennen, dass penetrante, eklige, dumpfe, dauerpubertierende Männlichkeit (und Frauen, die selbige sexy finden) modern ist, dafür muss frau offenbar schon mal eine Tasse Kaffee mehr trinken.

 

Ich jedenfalls finde es aufregend, mich selbst für sachlich authentisch zu halten, wenn ich konstatiere: „Gisela“ geht dieser Tage zum zweiten Mal an den bundesdeutschen Start. Mit mehr Kopien als ich zu hoffen wagte: Mit einer.

 

Andreas Thomas

 

Gisela

Deutschland 2005 - Regie: Isabelle Stever - Darsteller: Anne Weinknecht, Stefan Rudolf, Carlo Ljubek, Horst Markgraf, Esther Zimmering, Johanna Roever, Anna Loos, Paul Oberpichler, Daniel Gärtner, Jannek Petri, Andreas Grötzinger - Länge: 90 min. - Start: 1.3.2007

 

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