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Girls Town

 

 

 

„Wenn dies ein Film wäre, hätten wir schon 50 Leute abgeknallt", sagt eine der Protagonistinnen irgendwann. Nun, nicht unbedingt eine halbe Hundertschaft; doch ein paar Tote blieben bisher meist auf der Strecke, wenn Frauen sich im Film miteinander und gegen ihre Umwelt zusammentaten; sei es aus Rachsucht, Verzweiflung oder einfach nur so aus Spaß an der Freud, von THELMA UND LOUISE über FUN und HEAVENLY CREATURES bis zum HEXENCLUB. Weibliche Verschwisterung, manchmal mit mehr oder weniger lesbischen Untertönen, schien ohne solchen Reflex der Ängste, die sie beim Rest der Welt auslöst, offensichtlich schwer darstellbar.

 

Selbstverständlich ist auch GIRLS TOWN ein Film. Einer sogar, dessen Handlungsgerüst das mittlerweile schon fast klassische Muster einer „rape-revenge"-Story zugrundeliegt: auf Männergewalt folgt weibliche Rache. GIRLS TOWN aber holt das zum Klischee erstarrte Ablaufmuster solcher Filme auf den Boden der Realität zurück.

 

Patti, Angela und Emma sind drei High-SchoolGirls kurz vor dem Abschluß, in einer Situation also, wo die Gedanken um die Zukunft in drängende Nähe geraten. Patti (unverkennbar, wenn auch wieder einmal ganz anders Lili Taylor), die älteste von ihnen und alleinerziehende Mutter, hat sich auf das Herumbasteln an Autos spezialisiert und trotzt allen weitergehenden Anforderungen mit einem Schutzschild aus aggressiv-schnippischer Egozentrik. Angela ist mindestens ebenso trotzig. Und während ihre Mutter sich abmüht, die Tochter auf den Pfad einer aufrechten afroamerikanischen Mittelstandsexistenz zu leiten, prügelt die sich auf dem Schulklo und träumt sich als Hip-Hop-Poetin. Am unauffälligsten scheint Emma, ein eher stilles, bedächtiges Mädchen, in der aber einiges an Starrsinn und aggressivem Potential schlummert.

 

Angela, Emma und Patti quälen sich durch den Oberschülerinnenalltag. Verbummeln die Tage mit Rauchen und Rumhängen auf Toiletten, Parkbänken und ähnlich desolaten Orten. Streifen mit der verweigernden Beharrlichkeit, die es so wohl nur in diesem Alter gibt, um die Blocks. Ratlose, verlorene Gestalten, die die Frage „Was machen wir jetzt?" sich Banküberfälle ausmalen läßt, zu deren Durchführung sie nie die Energie aufbringen würden.

 

Auch der Selbstmord einer engen Freundin ändert erstmal wenig an dieser Grundstimmung. Die Ratlosigkeit wird fast noch größer. Doch die ziellose Energie hat eine Richtung gefunden: „Warum?" Als dann herauskommt, daß Nicky vor ihrem Tod vergewaltigt wurde, verschärft dieses Wissen und die damit verbundenen Gefühle die latenten Spannungen in der Clique, löst aber auch Klärungs- und Veränderungsprozesse aus.

 

Nickys Selbsttötung und der Racheakt an ihrem Vergewaltiger zum Ende umspannen den Film als dramaturgische Klammer und psychologisches Movens. Viel wichtiger aber ist in diesem Film, was dazwischen und nebenher geschieht. Rache ja. Doch die Spur der Verwüstung ist mit ein paar Körperverletzungen und beschädigten Sachwerten im Verhältnis eher bescheiden: ein zusammengeschlagener Täter, ein genüßlich demolierter Cadillac, eine ausgeplünderte Wohnung. Dafür rücken die Widrigkeiten und Wirren des Alltags in den Vordergrund. GIRLS TOWN ist ein Milieufilm und kein Krimi. Und im indirekten Verhältnis zu seiner gedämpften Schadensbilanz gibt dieser Film den feministischen Bewußtseinsschüben seiner Heldinnen Raum. Wo fängt Vergewaltigung an? Ist das Zertrümmern eines Autos schon ein politischer Akt? Wie läßt sich Stellung beziehen in einer feindlichen Welt? Manchmal gerät GIRLS TOWN hier in gefährliche Nähe zum Abhaken populärfeministischer Lieblings-Topics wie „date rape" oder „Anmache". Doch irgendwie gelingt dann doch, etwa mit einem ironischen Schlenker, die Kurve.

 

Der Titel GIRLS TOWN ist dabei entweder nur ironisch oder als Kampfbegriff zu verstehen. Denn der ansonsten namenlose Ort irgendwo bei New York, an dem das Trio sich herumtreibt, hat weder mit der Matriarchatsidylle von ANTONIAS WELT noch mit der Fellinischen Fantasie einer STADT DER FRAUEN etwas gemein. Atmosphärisch wirkungsvoll und filmisch unspektakulär läßt GIRLS TOWN sich ganz auf die Schulmädchenperspektive und ihre Topografie ein: die Schule als kolossaler feindlicher Block, die Mädchentoiletten als Rückzugsort, Unterführungen und Mäuerchen als Gruppenorte.

 

GIRLS TOWN verzichtet auf sentimentale wie spektakuläre Gesten und spannungstreibende Gags. Es sind die Situationen, die diesen Film tragen, die Gespräche und eine Menge Musik von Neneh Cherry bis PJ Harvey. Gequatsche und Musik. Von seiner Struktur her, von seinem Rhythmus und in dem Versuch, Stellung zu beziehen, erinnert dieser Film an den Hip-Hop.

 

„Es sind nicht die Unterschiede, die uns vernichten, sondern das Schweigen", heißt es am Ende. „Und es gibt soviel Schweigen, das gebrochen werden muß."' Dieser Film ist ein Versuch, dies zu tun.

GIRLS TOWN ist ein Film, in dem jungen Frauen einmal das ungeteilte Existenzrecht zugestanden wird, das sonst nur Jungs genießen dürfen. Aber: Diesen Film hat ein Mann gemacht; Regisseur Jim McCay, der bisher Dokumentarfilme, Videoclips und Spots gedreht hat, nennt sich selbst einen Feministen. Das scheint hier zu Recht behauptet und sei ihm gegönnt. Zum Ende wieder einmal das Bitterste: Weshalb erscheint ein Film wie GIRLS TOWN in Deutschland in der Synchronfassung? Ein Massenpublikum wird er sowieso nie bekommen. Und wenn wir der Presseinformation glauben, hat das Filmteam über zwei Jahre lang daran gearbeitet, sich in Situation, Milieu, Sprachgestus etc. einzuarbeiten. In zwölf hektischen Tagen wurde dann das Ergebnis runtergedreht. Und wir kriegen jetzt irgendein Synchronsurrogat. („Die Gesichter sind klasse, die Stimmen eine Katastrophe", steht in meinem Notizbuch.)

 

Silvia Hallensleben

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in: epd film

 

GIRLS TOWN

USA 1996. R: Jim McKay. B: Jim McKay, Anna Grace, Bruklin Harris, Lili Taylor, Denise Hernandez. P: Lauren Zalaznick. K: Russell Fine. Sch: Jim McKay, Alex Hall. T: Charles R. Hunt, Rob Larrea, Irin Strauss, Gus Koven. A: David Doernberg, Melissa P. Lohman. Ko: Karolyn Grifel. Pg: October Films. V: Tobis. L: 88 Min. DEA: Filmfest München 1996. St: 6.2.1997. D: Lili Taylor (Patti Lucci), Anna Grace (Emma), Bruklin Harris (Angela), Aunjanue Ellis (Nikki), Ramya Prall (Tomy Lucci), Guillermo Diaz (Dylan), Ernestine Jackson (Nikkis Mutter), Stephanie Berry (Angelas Mutter).

 

 

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