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Ghettokids

 

Sonderpädagogik

 

„Ghettokids“. Ein Name ist Programm, ist Verwahrlosung, Verharmlosung, Distanz und Anbiederung in einem. Kinder in sozialer Randlage würden sich selbst nicht „Ghettokids“ nennen. Nur deren „Zuständige“, Pädagogen und Filmemacher mit sozialem Anspruch machen sowas.

 

„Ghettokids“ sind reduziert auf einen romantisch-randständigen und hilfsbedürftigen Typus, auf einen sozialpädagogischen Kanon, Jargon und Angang. So benannt sind sie ausgewiesen als Problemfeld unserer spätaltruistischen Weltsicht, und es ist anscheinend besonders cool, sie zu „Ghettokids“ zu machen, denn „Ghettokids“ sind heimliche Stars, wie alle aus den Charts und MTV wissen. Umso wichtiger und selbstloser als die so Bezeichneten dabei: das soziale Engagement. Wichtig als Gewissenspolster - eines inzwischen deklariert unsozialen Staats.

 

Aus vielleicht ähnlich gelagerten Gründen freute sich die BRD zunächst auch sehr über Projekte, wie die des „Förderzentrums München Nord“, das sich den Problemen der jugendlichen Bewohner der münchener Trabantensiedlung "Hasenbergl", in der „auf engstem Raum Menschen unterschiedlichster - teils verfeindeter - Nationen wie Griechen, Türken, Kosovo-Albaner, Sinti und Deutsche das Zusammenleben üben müssen“, zuwandte, um ihnen gemeinsames Singen und Tanzen beizubringen, statt des üblichen „auf einander Einschlagen“.

 

Erfolge dieses „Hasenbergl-Projekts“ wurden mithilfe des Dokumentarfilms „Planet Hasenbergl - Lichtblicke in der Münchner Bronx“ von Claus Strigel, dieser Film ist auf der „Ghettokids“-CD, quasi als Authentizitätsbeleg dabei (und wie zu erwarten war, bringt er das Doppelte an Aufschluss über die „Kids“, das Milieu und das Hilfspersonal) und die schön und emotional wiedergegeben werden, mehrfach preisgekrönt. Hervorstechend darin, da auch interpretatorisch (ein paar Jahre Schauspiel) bewandert, die mit „titanischen Kräften“ und „Engelsgeduld“ ausgestattete Lehrerin Susanne Korbmacher-Schulz, die vor allem durch ihre Leidenschaft begeistert, in jedem ihrer Schützlinge einen Popstar, einen Tänzer, einen Filmstar zu erkennen.

 

Denn schließlich sind wir es alle, ob arm, ob reich, ob schwarz, ob weiß. Weil es nichts gibt, was so ist, wie wir. Und unsere Gefühle sind wichtig und groß, und wenn wir sie ausleben, beim Tanz, oder im Schauspiel erkennen wir uns nicht nur, treten wir gar über uns hinaus. Soviel aus Irritationsgründen, denn Irritation muss sein.

 

Der TV-Film „Ghettokids“ nun handelt von diesen selben, oder so ähnlich gedachten, also irgendwie „problematischen“ Kindern im münchener Norden, ist angelehnt an ihre spezifischen Verhältnisse, subsummiert ihre notorischen Konflikte, aber geht an ihren persönlichen Lebenslagen wohl doch ein wenig vorbei. Denn „Ghettokids“ ist ein Problemfilm, der sich eher einem Genre, nämlich dem des „Problemfilms“, annähern will, als der konkreten Situation, den konkreten Personen. Pflichtbewusst hakt er die Sozialarbeiter-Standards der Problematik ab: Jugendliche Armut, jugendliche Frustration, jugendliche Prostitution, ethnische Konflikte, Kommunikationsdefizite, Gewalt als Hauptkommunikationsmittel innerhalb der „Peergroup“ und deren kultureller Background, alles kommt vor und wird in einen Film mit „Handlung“ gesteckt.

 

Konkret im Film: Die gewaltgeprägte Verwahrlosung der 3 griechischen Jungen in der mütterlichen Wohnküche (Erinnerungen an „Rocco und seine Brüder“ tauchen auf und verdeutlichen den Qualitätsunterschied) und schließlich die Kinder in der Schule (die klassische schwererziehbare Schulklasse, an der sich schon der „Pauker“ Heinz Rühmann - bei ihm hießen die „Ghettokids“ noch „Halbstarke“ - pädagogisch und menschlich beweisen musste, indem er ihrem Leben wieder Ordnung schenkte). Und „Ghettokids“ möchte auch die andere Seite beleuchten, die der neuen Lehrerin (Barbara Rudnik), die am liebsten gleich wieder abhauen will, wenn sie von ihren Schülerinnen angeblafft  wird, die des hartgesottenen Sozialarbeiters (Günther M. Halmer), der sich inzwischen so gut in seinem Metier auskennt, dass er zum Parade-Stoiker geworden ist.

 

„Far Away“. Bei beiden neben den Jugendlichen wichtigen Figuren: Zu sensibel die eine, zu relaxed und straight der andere, dazwischen wäre der Raum der Erfahrung. Irgendwo in diesem Zwischenraum offenbart sich die Fremdheit des TV-Schauspiels und der beiden TV-Schauspieler. Denn die „Kids“ von „Ghettokids“ spielen natürlich nur deshalb so „beklemmend authentisch“, (wie es in der Presse öfter zu lesen war), weil sie – und das ist das Gute am Film – eben ab und an so reden und agieren, wie sie es können, wollen und gewöhnt sind, und ausnahmsweise dann dürfen, wenn das Drehbuch nicht wieder sein Pathos durch etwa den griechisch-stämmigen und daher gebeutelten Knaben Kristos rezitieren lässt. Sprich: Zwei unvereinbare Welten sind das, das gepflegte und gepäppelte, leidende und hoch sensible TV-Star-Establishment steht künstlich neben echten, teilweise frustrierten und aggressiven, aber auch avancierten Jugendlichen, die leider zu oft in eine unnatürliche, zu melodramatische Fernsehfilm-Dramaturgie gezwungen sind (und sich eine Karriere als Schauspieler oder Rapper [einen „normalen“ Job wie Tischler zu erlernen ist ja heute schon so unrealistisch geworden, dass er nicht mal mehr von Pädagogen für ihre „Kids“ in Betracht gezogen wird] erträumen, weil sie in einem durch öffentliche Gelder geförderten Fernsehfilm sind) - obwohl ein größeres Vertrauen in sie selbst und ihre wirklichen Geschichten für uns interessanter und spannender gewesen wäre.

 

Es gibt erfreulicherweise immer wieder und immer mehr deutsche Regisseure, die in ihr Sujet vertrauen. Deren Wahrheiten nicht abgeschlossene von Therapeuten, sondern unfertige von Empatikern sind. Regisseure, die sich nicht in Sozialpädagogen verwandeln müssen, um sich Menschen „anzunähern“. Nur drei kleine Beispiele von anderen Filmen über Jugendliche: „Klassenfahrt“ von Henner Winckler, „Bungalow“ von Ulrich Köhler und „Mein Stern“ von Valeska Grisebach können deshalb überzeugen, weil deren Portraits von Jugendlichen nicht durch wohlmeinende Vorurteile von Erwachsenen miterzeugt sind und weil ihre Milieuskizzen nicht durch eine reißerische und rührselige Umsetzung TV-gerecht gemacht wurden. Wer aber wirklich alles haben will, das „echte“ jugendliche Elend in der Vorstadtsiedlung und aufrüttelnde „Action“, dem seien die französischen Filme „Tee im Harem des Archimedes“ und „Hass“ nahegelegt. „Ghettokids“ aber erreicht in seinen allerbesten Momenten nur „Tatort“-Niveau. Was bleibt und herausragt, ist das Spiel der „Ghettokids“ - die sich selber nie so nennen würden...

 

Andreas Thomas, 17.09.2004

 

Ghettokids

Bundesrepublik Deutschland, 2002

Regie: Christian Wagner

Drehbuch: Gabriela Sperl

Kamera: Jürgen Jürges

Musik: Fabian Römer

Darsteller: Ioannis Tsialas, Toni Osmani, Barbara Rudnik, Günther M. Halmer, Fatih Sahanoglu, Michael Tregor u. a.

Produktion: TV-60, BR, arte

BJF/KJF-Empfehlung: ab 14 Jahren, FSK: ab 12

Länge: 87 Minuten, Spielfilm Farbe

 

 

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