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Gegen die Wand

 

Was die Verfilmung von Theaterstücken angehe, halte er es, sagte Romuald Karmakar auf der Pressekonferenz, mit André Bazin. Fatih Akin, auf die Frage, wie nah ihm sein Film „Gegen die Wand“ sei: Diese Geschichte sei ein Pickel gewesen, den er endlich mal ausdrücken gemusst habe. Zwischen diesen Worten liegen die Welten, die Akin von Karmakar trennen. Wo beim einen Kalkül ist, Kunstverstand und Distanz, da setzt der andere sein Vertrauen in die Geschichte, die Darsteller und die Gewalten, die deren Energie heraufbeschwören kann. Exzellent, das ist die Pointe des Vergleichs, ist der eine Film wie der andere.

 

„Gegen die Wand“ beginnt als Tragikomödie, jagt Cahit und Sibel in Selbstmordversuchen aufeinander. Sie will raus aus der Welt, die sie gefangen hält. Die Welt der türkischen Familie, in der die Männer die Aufgabe haben, die Ehre der Frauen zu bewahren. Koste es, was das wolle, buchstäblich, denn das geht bis zum Mord. Cahit andererseits ist ein Loser über vierzig, jobbt, nimmt Drogen, erwähnt, aber nie weiter ausgeführt wird die Vorgeschichte: Er war verheiratet, was aus Katharina geworden ist, erfahren wir nicht. Sibel sieht erst im Selbstmord, dann in der falschen Heirat mit Cahit den einzigen Ausweg. Sie will frei sein, sie will schlafen, mit wem sie will. Dann verliebt sich Cahit in sie. Der Film schlägt um, nicht mit einem Mal, sondern mit aller Konsequenz, in die Tragödie.

 

Es ist nicht die letzte Wendung, die er nimmt und nicht die erste, die man ihm mit blindem Vertrauen abnimmt. Die zugrunde liegende Dramaturgie gehorcht keinem der Gesetze, die man in Drehbuchkursen gelehrt bekommt, sie gehorcht auch keiner Logik, die außerhalb der Konstellationen, die der Film entwirft, einleuchten würde. Und doch, das ist das Fabelhafte, glaubt man ihm. Nichts an „Gegen die Wand“ ist perfekt – während in Karmakars „Die Nacht singt ihre Lieder“ alles perfekt ist. Die Hauptdarstellerin ist direkt von der Straße gecastet, gerade der Mangel an professionellem Handwerk bekommt der Figur exzellent. Akin hat kein großes künstlerisches Konzept, das ist alles mit sehr viel mehr Intuition als Bewusstsein hingehauen, Bild für Bild. Aber es stimmt. Es passt. Es hat Kraft. Eine Komödie, eine Tragödie, eine Tragikomödie. Ein trauriges, ein versöhnliches, ein leises Ende.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei:  Jump Cut

Zu diesem Film gibts im archiv der filmzentrale mehrere Kritiken

 

Gegen die Wand (D 2003)

Regie: Fatih Akin

 

 

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