zur startseite

zum archiv

The Gathering

 

 

 

Das böse Publikum

 

Warum hat der Horrorfilm eigentlich so lange gebraucht, um religiös zu werden? Jahrzehntelang mußten Monster, Zombies und Vampire mordend und sabbernd über die Leinwand wanken, bis die Industrie in den frühen 70ern endlich das eigentliche Slasher-Standardwerk wiederentdeckte - die Bibel. Schließlich findet man in der Heiligen Schrift alles, was das Horrorherz begehrt: Häutung, Pfählung, Blut- und Insektenregen, Kinds- und Massenmord. Dazu ein bißchen Schicksal und Erlösung, und das Ganze überzogen mit einer kräftigen, sakralen Patina aus Mysteriengrusel. Nachdem die Filmemacher auf den Geschmack gekommen waren, durfte Christopher Walken als Erzengel Gabriel Menschen knechten, Jürgen Prochnow als Jesus das blutige Ende der Welt einläuten, und Max von Sydow durfte sich als Priester mit einem gallespuckenden Teufelskind herumprügeln.

 

Daß "The Gathering" bei weitem nicht an die Klassiker dieses Subgenres heranreicht, liegt daran, daß Regisseur Gilbert allzu leichtfertig die durchaus spannende Vorgabe des Drehbuchs verspielt. Autor Horowitz erzählt von einer Gruppe Schaulustiger, die an Christus' Kreuzigung teilgenommen haben und dafür (ähnlich dem Ahasver-Mythos) verdammt wurden, auf ewig über die Erde zu wandern und dem Unglück anderer Menschen beizuwohnen. Müde und mit großen Augen trotten diese Gestalten also durch die Jahrtausende, um teilnahmslos Völkermord, Lynchjustiz und Naturkatastrophen mitanzusehen. Leider erreicht diese Metapher vom bösen Publikum die nächste Ebene nicht mehr - daß der Kinozuschauer letztlich selbst ein reiner Schaulustiger ist, ein Gaffer, der niemals eingreift in das begaffte Unglück, diese Parallele wird hier in keinster Weise thematisiert.

 

Daß die Atmosphäre aus Visionen und leisem Horror, die stark an Sam Raimis (weit überlegenen) Film "The Gift" erinnert, nicht komplett in die Lächerlichkeit versinkt, ist dem wendigen Drehbuch und der überraschenden Qualität des Casts zu verdanken. Daß daraus trotzdem nicht mehr geworden ist als ein durchschnittlicher Gruselstreifen, das muß der routiniert-effektheischenden Regie von Brian Gilbert angelastet werden und dem zuckersüßen Happy End, das jeden Ansatz von Moral und Konsequenz beiseite schiebt.

 

Daniel Bickermann

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen im:

 

The Gathering

GB/USA 2002. R: Brian Gilbert. B: Anthony Horowitz. K: Martin Fuhrer. S: Masahiro Hirakubo. M: Anne Dudley. P: Fine Line, Granada Films. D: Christina Ricci, Kerry Fox, Ioan Gruffud, Stephen Dillane, Simon Russell Beale u.a. 92 Min. Universum ab 24.7.03

 

 

zur startseite

zum archiv