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Frühling, Sommer, Herbst, Winter...und Frühling

 

Verblüffend, wie viele schöne Bilder man aus einem so einfachen Set herausholen kann: Ein einziges Haus, eine Hütte mehr, auf einer künstlichen Holzinsel im See. Ein Boot zum Ufer und ein paar kleine Felsformationen am Strand - mehr brauchen sie nicht, Kim Ki-Duk und sein Kameramann Baek Dong-Hyun, um einen ganzen Film voller genau kadrierter, umwerfend ästhetischer Bilder zu schaffen. Frühling, Sommer, Herbst, Winter...und Frühling (Bom yeoreum gaeul gyeoul geurigo bom) kann einen überdies davon überzeugen, dass aus der Hand des Regisseurs von Samaria, der im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale nicht überzeugen konnte, auch weit besseres Kino kommen kann. Wo in Samaria die dünne Geschichte kaum durch schöne Bilder wett gemacht werden konnte, befinden sich Geschichte und Form in Bom yeoreum... miteinander im Einklang. Es überzeugt, die höchst stilisierte, metaphorische Erzählung um das Leben eines Mönches in den fünf Stadien seines Lebens durch den Verlauf der Jahreszeiten symbolisiert zu sehen, und die asketische Lebensweise der Protagonisten spiegelt sich in der exakt-kühlen Komposition, die die Bilder des Filmes durchzieht.

 

Die Jahreszeiten gliedern den Film in fünf Akte - beginnend mit der Kindheit des jungen Mönches, der bei dem alten Mönch lebt, weitergeführt in seiner Jugend, dem Entdecken der Liebe - und noch im Frühling auch der Flucht aus seinem Lebensraum, der Insel. Als der junge Mönch den alten verlässt, um mit einer Frau, die sich bei den beiden Mönchen von einer Krankheit erholt hat, in der Stadt zu leben, verlässt er damit konsequenterweise auch den Film. Man bleibt bei seinem Meister, der allein zurückbleibt, man beobachtet ihn bei seinen Ritualen, seinem täglichen Leben - bis er in der Zeitung von einem Mord liest, den ein junger Mann aus Eifersucht begangen hat. Sogleich macht sich der alte Mönch - es ist inzwischen Sommer geworden in der Narration - daran, die Kleidung des in seiner Jugend fortgezogenen Mönchsschülers zu erweitern, denn er weiß - er ist es, der den Mord begangen hat, und er wird zurückkehren: Liebe führt, so die zwingende Logik des Mönches (und des Films) zur Abhängigkeit, und diese zu Mordgedanken. Überhaupt idealisiert Kim Ki-Duk die Bruderschaft der beiden Mönche zur besseren Intimbeziehung als Liebe es je sein kann. Fleischliche Lust führt nur zum Verbrechen, und dieses erfordert Buße - und auch die wird bei Kim Ki-Duk zum ästhetischen Ereignis. Einen langen, spirituellen Text ritzt der zurückgekehrte Sünder in das dunkle Holz des Inselbodens, und jenes Ritual solle seinen Geist reinigen, bevor den Gefallenen die profane Strafe des irdischen Gefängnisses einholt.

 

Die metaphorische Bestrafung einer jeden Verfehlung ist zentral in Bom yeoreum... und geht so weit, dass teils ein fahler Nachgeschmack bleibt: als im letzten Akt der aus dem Gefängnis zurückgekehrte inzwischen selbst zum alten Mann gewordene Mönch den wohl illegitimen Sohn einer vermummten Frau aufnimmt, so ist vom ersten Augenblick, da sie das gefrorene Eis des Sees betritt an klar, dass sie einbrechen wird, sobald ihr Kind bei dem Mönch ein Zuhause gefunden hat. Die Strafe für ein uneheliches Kind wird ganz selbstverständlich der Tod der Frau, der Mord des Mönches wird durch den Freitod seines Meisters gesühnt. Auge um Auge heißt es bei Kim Ki-Duk, ein Junge, der dem Fisch einen Stein umbindet, bekommt zur Strafe selbst einen Stein umgebunden. Dass jede Aktion eine Reaktion hervorruft, davon erzählt Bom yeoreum..., und diese eigentlich reichlich triviale Einsicht überhöht Kim Ki-Duk durch seine Ästhetik, seine künstliche Handlungsaufgliederung zur Erkenntnis. Aber selbst, wenn man skeptisch bleibt ob dieser fragwürdigen Logik der Strafe, die einem auf den Fuß folgt, die Bilder überwältigen einen. Und auch wenn in Samaria die Logik eine Ähnliche war - es ging ebenso um Vergehen und Buße, so ist Bom yeoreum... doch der weit geschlossenere Film: In Samaria widersprachen sich Bild und Inhalt: es gab schöne Bilder von Brutalität; Vergeltung und Sühne wurde exzessiv gezeigt. Die Strafe wirkt eher wie eine persönliche Rache, zu deren exzessiver Emotionalität die ästhetisierenden Bilder nicht recht passen wollen, während die Strafe als Naturgesetz - was man von jener These halten mag, sei dahingestellt - in Bom yeoreum... in den haarscharf kadrierten Bildern ihr perfektes Pendant findet.

 

Benjamin Happel

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in:  filmkritiken.org

 

Frühling, Sommer, Herbst, Winter...und Frühling

Bom yeoreum gaeul gyeoul geurigo bom

Regie: Kim Ki-Duk

Korea / Deutschland, 2003

 

Bundesweiter Kinostart: 18. März 2004

 

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