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Frenzy

 

Mit Frenzy, nach beinahe zwanzig Jahren wieder in England gedreht, kehrt Hitchcock zu seinen Anfängen zurück; schon die ersten Bilder mit der langen, ganz langsamen Kamerafahrt auf die Tower Bridge zu evozieren nachdrücklich die Stimmung von Young and Innocent (1937). Gleich danach wird eine nackte Frauenleiche ans Themse-Ufer getrieben: das London der frühen Siebziger, in denen frohgemute Kommunalpolitiker saubere Gewässer und eine reine Umwelt propagieren, ist plötzlich wieder die Metropole von Jack the Ripper, das düstere, angstgepeinigte London jener frühen Jahre, in denen Hitchcock seinen ersten großen Film, The Lodger (1926), drehte. Allerdings hat er inzwischen viel über die Geheimnisse des Lokalkolorits gelernt. Wenn, wie er im Gespräch mit Truffaut zu Protokoll gibt, ein See dafür da ist, damit Leute darin ertränkt werden, und die Alpen erforderlich sind, damit jemand in die Schlucht stürzt - dann ist hier der Gemüsemarkt von London alles zugleich: ein überaus farbiges, unablässig wogendes Ambiente, durch das die Kamera schwimmen und sich ihre Objekte suchen muß; ein Mikrokosmos, in dem ausnahmslos alle Leidenschaften, mithin auch die verbrecherischen, auf das üppigste gedeihen; und schließlich: die Existenz-Falle, in der der Mörder seine aus Krawatten gedrehten Schlingen (um Frauenhälse) legt, bis ihm die letzte zum Verhängnis wird und die bereits ausmanövrierte Justiz sich rehabilitieren kann.

 

Ein falscher Verdacht braut sich aus einer Kette unglücklich verschränkter, scharfsinnig fehlinterpretierter Indizien über dem Haupt eines gefeuerten Barkeepers (Jon Finch als Richard Blaney) zusammen und läßt seine Situation um so aussichtsloser erscheinen, je heftiger er sich zur Wehr zu setzen sucht: Hitchcock unterzieht hier eines seiner alten Grundmotive, seine „philosophische“ Sicht auf die Fehlschläge der Vernunft und die stets drohende Allmacht des Absurden einer neuen Bearbeitung. „Frenzy“ ist die „Frenesie“, die  Raserei des Wahnsinns, die den wirklichen Täter, den Psychopathen Bob Rusk (Barry Foster), zu seinen Frauenmorden treibt - doch den Film durchzieht auch eine „Frenesie“ kaltblütig planender Genauigkeit, mit der Hitchcock - nach einem Drehbuch von Anthony Shaffer, das wiederum auf einem Roman von Arthur La Bern basiert - die dramaturgische Schlinge nahezu über die volle Länge der Erzählung um den Hals des Unschuldigen zusammenzieht. Abermals - und wie so oft bei Hitchcock - befindet sich der Zuschauer in der komfortablen Situation, die tatsächlichen Zusammenhänge genau zu kennen und den Suspense-Genuß aus der atemlosen Erwartung zu ziehen, welche Wende der Regisseur der Geschichte geben wird, um den bad guy - der freilich seinerseits unschuldig, weil ein krankes Opfer seines Trieblebens ist - in flagranti zu überführen.

 

Mit Psycho (1960) verbindet Frenzy eine genau bemessene Dosis schockierendster Gewalt, die freilich so eruptiv über die Personen - Opfer und Täter gleichermaßen - hereinbricht, daß ihre jähe Entfesselung eine veränderte Welt - und in uns einen namenlosen Schrecken hinterläßt. Das diaphane Gespinst aus Licht, Farbe und unaufhörlicher Bewegung, das über dem Alltag des Londoner Gemüsemarkts, den Obstständen, Lastwagen und zahllosen emsigen Menschen liegt, scheint um einige gefährliche Nuancen fahler, wenn Blaneys Ex-Frau, die Heiratsvermittlerin Brenda (Barbara Leigh-Hunt), erdrosselt, mit gespreizten Beinen und heraushängender Zunge, in ihrem Bürosessel liegt und ihr Mörder Rusk, flüchtig Hemd und Haare ordnend, wieder auf die Straße tritt. Die Gewaltexplosion - eine furiose Montage aus sehr kurzen Groß- und Detaileinstellungen (Kamera: Leonard Smith und Gilbert Taylor) - katapultiert in die bis dahin eher gemächliche Narration eine Dynamik, eine Beschleunigung, die weiter vibrieren, noch während Rusk seine Nerven zu beruhigen sucht: es ist unser eigenes Nervensystem, das der Zuschauer, das nachhaltig durcheinandergeraten ist. Und wie nur wenigen Darstellern in ähnlichen Szenen gelingt es dem rotblonden Barry Foster, uns ahnen zu lassen, daß Rusk einen sinistren Orgasmus durchlebt: den Orgasmus des Impotenten, so erläutert es später Kriminalinspektor Oxford (Alec McCowen), dessen Unfähigkeit zu lieben in einen „frenetischen“ Destruktionstrieb flüchten muß.

 

Die Abgründe des Normalen, die mal groteske, mal tragische Psychopathologie des Alltags, die Gefährdungen unter der dünnen Schutzschicht unserer zivilisierten Idyllen, die schwindelerregende Doppelbödigkeit aller Existenz: Mit Frenzy stellt Hitchcock - nach den Enttäuschungen, die er sich selbst und seinem Publikum mit Torn Curtain (Der zerrissene Vorhang, 1966) und Topaz (Topas, 1969) bereitet hat - den Anschluß an seine großen Vexierrätsel wieder her, an die Labyrinthik von The Paradine Case (Der Fall Paradin, 1947), Vertigo (Vertigo - Aus dem Reich der Toten, 1958) oder North by Northwest (Der unsichtbare Dritte, 1959). Allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Frenzy verzichtet auf jede (errechnete) Konstruktion - sieht man einmal von der subtilen Verschnürung der Indizienkette ab, die hier zunächst einen Unschuldigen ins Gefängnis bringt. Der Film beutet die sinnliche Opulenz seines Schauplatzes aus, er bewegt sich - in bester angelsächsischer Tradition - ganz dicht an der „Realität“ und gewinnt den Dingen und Räumen eine Zeichensprache ab, die in den bewegendsten Augenblicken Handlung im Sinne spektakulärer Aktion vollkommen überflüssig macht. Wenn Rusk Blaneys Freundin Barbara (Anna Massey) in seiner Behausung Unterschlupf gewährt, folgt die Kamera den beiden bis an die Wohnungstür, dann geht sie, Stufe um Stufe, die Treppe rückwärts wieder herab, verweilt auf der Straße und betrachtet die Haustür. Der Lärm des Marktes verschlingt das tödliche Drama, das sich oben in der Wohnung ereignet - doch wir wissen nun: die muntere „Babs“, dieses schon etwas verblühte Mädchen mit dem fliehenden Kinn, werden wir lebend nicht mehr wiedersehen. In einem Kartoffelsack findet sich ihre Leiche wieder, und Rusk muß ihr sämtliche Finger brechen, um der todesstarren Hand die Krawattennadel zu entwinden, die sie im Todeskampf an sich gerissen hat.

 

Die nackte Leiche in einem Kartoffelsack, der Mörder schweißgebadet, in heller Panik, während die Kartoffeln vom fahrenden Lastwagen auf die mondbeschienene Straße kullern - das Tragische ist hier mit dem Grausigen, das Makabre mit dem Komischen ununterscheidbar vermischt. Hitchcock gebietet über eine variantenreiche Skala des Humors - von seiner sardonischen Spielart bis zu jener britischen, mit der er die häuslichen Leiden seines Kriminalinspektors Oxford glossiert: eines Mannes, der (nomen est omen) zu sehr Brite ist, um nicht unter den französischen Kochkünsten seiner liebenswerten Frau (Vivien Merchant) Qualen auszustehen - und zu sehr Tory, um es sich anmerken zu lassen. Seinen großen Auftritt hat er in der Schlußszene. Wieder liegt eine tote Frau im Bett, eine Krawatte um den Hals; Bob Rusk, immer schwitzend, immer Schwerarbeiter, schleppt gerade eine große Kiste herbei. Oxford, trocken: „Why, Mr. Rusk - you’re not wearing your tie.“

 

Klaus Kreimeier

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: „Alfred Hitchcock  (Herausgeber: Lars-Olaf Beier, Georg Seeßlen), erschienen beim Bertz und Fischer Verlag, August 1999

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Frenzy

FRENZY

Großbritannien 1972 - 116 min. - Erstaufführung: 12.9.1972/18.11.1999 Video

Regie: Alfred Hitchcock

Buch: Anthony Shaffer

Kamera: Gilbert Taylor

Schnitt: John Jympson

Musik: Ron Goodwin

Darsteller: Jon Finch (Richard Ian Blaney), Alec McCowen (Chief Inspector Oxford), Barry Foster (Robert Rusk), Billie Whitelaw (Hetty Porter), Anna Massey (Barbara Jane ('Babs') Milligan), Barbara Leigh-Hunt (Brenda Margaret Blaney), Bernard Cribbins (Felix Forsythe), Vivien Merchant (Mrs. Oxford), Michael Bates (Sergeant Spearman), Jean Marsh (Monica Barling), Clive Swift (Johnny Porter), John Boxer (Sir George), Madge Ryan (Mrs. Davison), George Tovey (Mr. Salt), Elsie Randolph (Gladys)

 

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