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Freitag der 13.

 

Am Anfang war der Titel: „Friday the 13th“. Sean S. Cunningham, der als Produzent von „The Last House on the Left“ einen einschlägigen Undergrounderfolg vorweisen konnte, wusste, dass ein Film mit diesem reißerischen Titel schon einmal grundsätzlich andere, bessere Voraussetzungen an der Kasse haben dürfte. Er schaltete also eine Anzeige im Hollywood-Branchenblatt Variety, um das Projekt finanzieren zu können, und setzte sich erst dann, als er 500 000 Dollar zusammen hatte, an das Drehbuch, um eine beliebige Geschichte äquivalent zum Titel zu spinnen. Da John Carpenters „Halloween“ 1978 eine kommerzielle Welle so genannter Stalk’n’Slasher-Filme auslöste, der Teen-Horrorfilm also erstmals wieder lukrative Erfolgsaussichten versprach, griff Cunningham dessen Themen auf, um sie zu reduzieren und zu variieren, um so einfach wie möglich auf Schrecken zu setzen, ohne störenden Denksport, ohne bewussten Subtext. Ein Exploitationfilm in Reinkultur sollte „Friday the 13th“ sein - und dabei nur 0,7 Mio. Dollar kosten, aber insgesamt das fast Sechszigfache davon einspielen.

 

Der Film steht seit jeher im Diskurs zwischen Meinungen, die ihn neben „Halloween“ zum wichtigsten Vertreter des Genres erklären, und Verrissen, die in ihm einen primitiven, handwerklich banalen Epigonen sehen, der nicht einmal in die Nähe von Carpenters Werk rücken würde. Die Wahrheit liegt nicht irgendwo dazwischen, sie muss von jedem Rezipient individuell erfahren werden. „Friday the 13th“ ist ein Film, den Cunningham nach eigenem Bekunden einfach für Zwölfjährige gedreht hat, die sich ein bisschen gruseln sollen. Und ungefähr in diesem Alter werden ihn auch diejenigen erstmals gesehen haben, die eine innige Liebe zu ihm hegen. Ein „reifes“ Publikum mit rationaler Sicht wird dafür vermutlich unempfänglich sein – kein Erwachsener wird Cunninghams dreckigen Low Budget-Horror heute noch wirklich erschreckend finden. Doch unterschätzt wird er nicht nur dann, wenn es um seinen Einfluss für das Genre geht, sondern vor allem in seiner anvisierten Funktion, ein unnachahmliches Filmerlebnis zu sein, das seine augenscheinliche Einfachheit zu einem Prinzip macht, das den beinahe interaktiven Happening-Charakter des Slasherfilms festigte – und ihn somit auf eine später verruchte, hier aber noch betörend frische Ebene transferiert, die eben so ganz anders ist, als die eines „Halloween“.

 

„Friday the 13th“ ist ein Genrefilm in seiner pursten Form, er hat das selbst erklärte Ziel, Zwölfjährigen das Fürchten zu lehren, und er hält daran bis zum bitteren Ende fest. Ohne formale Umschweife erzählt Cunningham diese völlig unindividuelle Geschichte, die sich stärker noch als die von „Halloween“ an Alfred Hitchcocks „Psycho“ anlehnt bzw. sich wunderbar selbst zweckhaft und plump bei ihm bedient. Doch gerade dadurch inszeniert er seinen Film ohne Illusionen, und gerade deshalb ist das alles auch so charmant: Cunningham führt den Zuschauer nicht an der Nase herum! Auch wenn es manchen nicht genügen mag, lediglich die stark vereinfachte Oberfläche der Hitchcockschen Idee serviert zu bekommen, nur einer - mit Carpenters Film verglichen - banalen Reduktion auf äußere Spannung hinaus und Konflikte zum Mittel des Zeckes Gewalt beizuwohnen.

 

Aber bleiben wir ruhig bei „Halloween“, denn unweigerlich muss man „Friday the 13th“ mit diesem vergleichen, ist doch der Einfluss auf ihn zu bedeutend. Der Prolog bereits verweist deutlich auf Carpenter: Eine subjektive Kameraperspektive ist die Sicht des Zuschauers, wir sehen das Geschehen durch die Augen eines anderen, eines Unbekannten. Irgendwo in einem Feriencamp geht dieser Unbekannte durch die Räume, beobachtet, hält inne. Zwei Teenager entfernen sich von der Gruppe und suchen sich ein stilles Plätzchen, um ihrer sexuellen Anziehungskraft nachzugeben. Wie bei „Halloween“ wird das zum Tod der beiden Turtelnden führen, nur, dass wir nicht wissen, wer ihr Mörder ist. Sie sind streng genommen auch nur Gegenstände, die hier benutzt werden, um den Anfangsschrecken zu forcieren, aber nicht, um als Identifikationsfiguren zu funktionieren. Das wäre auch unnötig, denn durch diese Szene ist die Position der Identifikation ohnehin besetzt.

 

Es gibt jedoch einen fundamentalen Unterschied zu „Halloween“: Wie sich später herausstellen wird, ist der Mörder eine Frau, genauer die Mutter eines kleinen Jungen, der einst am Crystal Lake ertrunken ist. Ihre Motivation, ihr Antrieb zum Töten ist die Rache für ihren Jungen, der von den ansässigen jugendlichen Leitern des Camps vernachlässigt wurde, und nicht die Lust am Morden, die einer unterdrückten Sexualität entspringt. Michael Myers, der Boogey Man aus „Halloween“, tötet als Ausdruck einer Befriedigung, eines Drangs, bei dem das große Küchenmesser in die phallische Tradition von „Psycho“ rückt. Die Geschichte aber, die Cunningham erzählt, verzichtet auf derartige Konnotationen, gleich, wenn die Mörderin besonders die sexuell ausgelassenen Teenager bestrafen will. Anstelle eines komplexen, psychosexuell deutbaren Subtexts setzt „Friday the 13th“ auf das simple Rachemotiv und bleibt sich somit auch hier seiner einfachen Linie treu, selbst wenn die Beziehung von Pamela Vorhees zu ihrem Sohn schon etwas substantieller gestaltet wurde.

 

Denn diesbezüglich orientiert sich Cunningham wiederum an Hitchcocks brillantem Themenkomplex der Mutter/Sohn-Beziehung, dreht diese allerdings einfach um – Mrs. Vorhees mordet für ihren toten Sohn und übernimmt dann zeitweise seine Identität, während es in „Psycho“ Norman Bates war, der als seine verstorbene Mutter verkleidet zum Messer griff und deren Stimme imitierte. Interessanterweise dreht sich das Prinzip in der Fortsetzung wiederum und entspricht so direkt der Konstellation aus Hitchcocks Film. Aber auch hier liegt der Unterschied in der differenzierten Bedeutung von Sex: Für Jasons Mutter ist er der Grund, warum ihr Sohn sterben musste, ihr Töten ist ein Racheakt für das bereits Geschehene, während Sex in „Psycho“ noch eine potentielle Gefahr für Normans Mutter darstellte, wegen der sich ihr Sohn von ihr frei machen könnte. Formal betont insbesondere Komponist Harry Manfredini die Nähe zum Vorbild, orientieren sich seine abgehackten, stechenden Streicherklänge doch mehr als dezent bei Bernard Herrmann. Das obligatorische „ki, ki, ki, ma, ma, ma“ im Soundtrack, abgeleitet von „kill“ und „mama“, wurde jedoch zu einem eigenständigen Markenzeichen der Serie.

 

„Friday the 13th“ funktioniert aber auch in anderer Hinsicht nicht unbedingt wie „Halloween“. Carpenter ließ den Zuschauer sofort wissen, wer der Mörder seines Films ist, es besteht kein Zweifel, dass Michael Myers derjenige ist, der sich auf die Jagd nach umtriebigen Teenagern macht. Nicht wer sondern wo der Killer mit der weißen Maske ist, das war die Frage in den zahlreichen Spannungsmomenten, während Cunningham sich allerdings wieder auf das klassische Whodunit-Prinzip stützt und zusätzliche Anreize schafft, indem auch er mit der Frage, wo sich der Mörder aufhält, Suspense-Sequenzen kreiert. Cunningham geht es im Gegensatz zu Carpenter tatsächlich um die reine, nüchterne Darstellung, es gibt eben keinen Subtext, keine Metaebene. In „Hallowen“ ist die bekannte Identität des Killers nicht zuletzt deshalb so irrelevant, weil Michael Myers insbesondere im Kontext des Schlussbildes das absolut Böse an sich ist, eine übergeordnete Macht, die all die Ängste und Unsicherheiten der Jugendlichen verkörpert. In „Friday the 13th“ gibt es kein Zurückkommen der kopflosen Mrs. Vorhees, sie ist tot, denn sie war eben nur ein Mensch, kein unzerstörbarer Mythos. Dem Zuschauer werden überdies auch die entsprechenden Erklärungen der Handlung präsentiert, während über die Frage in „Halloween“, warum Myers das alles eigentlich tut, nicht einmal spekuliert werden soll. Cunningham reduziert so konsequent, dass sein Film das perfekte minimalistische Gegenstück dazu verkörpert. Das ist ein wesentlicher Grund, warum er neben Carpenters Beitrag so bedeutend für die Entwicklung des Subgenres geworden ist.

 

Dass Regisseur Sean S. Cunningham auch an Wes Cravens „The Last House on the Left” beteiligt war, ist dem Film in vielerlei Hinsicht anzumerken. Ähnlich wie in diesem zutiefst nihilistischen Frühwerk bricht das Grauen über die Jugendlichen außerhalb ihres alltäglichen Wohnraums herein. Sie sind auf sich allein gestellt, für Erwachsene ist hier kein Platz, denn sie verstehen die Belange der Teenager ohnehin kaum (der Polizist mit dem Motorrad) oder kommen mit ihrer Hilfe zu spät: Es gibt eben keinen Schutz. In der Tradition von Tobe Hoopers „The Texas Chainsaw Massacre“ ist „Friday the 13th“ somit auch ganz bewusst ein Backwoodfilm, bei dem allerdings der Horror nicht ausschließlich eine Bedrohung von außen darstellt. Dieser Gegensatz zwischen dem Grauen von „außen“ und dem von „innen“ wird in den weiteren Filmen von Craven und Hooper noch deutlicher, während Cunningham sich diesbezüglich irgendwo dazwischen befindet, durch seinen Mangel an anderen Regiearbeiten aber auch keine weiterführenden Betrachtungen zulässt.

 

Eine weitere Ähnlichkeit zu „The Last House on the Left” besteht darüber hinaus in der gleichen, wenig zurückhaltenden Art, wie die Gewalt graphisch veranschaulicht wird. Tom Savini, seinerzeit einer der wichtigsten F/X-Künstler, hatte durch seine Arbeit an George A. Romeros „Dawn of the Dead“ das Interesse von Cunningham geweckt. Schließlich sollte es in „Friday the 13th“ - anders als bei „Halloween“ - zu einem maßgeblichen Teil um die Mordsequenzen gehen. Die Handlung bezieht ihre Spannung nicht zuletzt daraus, wie das nächste Opfer ins Jenseits befördert, nicht wer denn überhaupt sterben würde. Denn das war ohnehin klar: Alle, bis auf das „final girl“.

 

Heute wirken jene Momente mitunter vielleicht sogar schon amüsant, seinerzeit aber erhielten die blutigen, kreativen Effekte als solche erstmals Einzug in den Slasher des Mainstreamfilms. Denn mit Paramount bzw. Warner (für die internationale Auswertung) standen immerhin zwei große Studios hinter der Vermarktung. Aufgrund dieser selbst zweckhaften Prämisse aber geriet der Film nicht nur hierzulande ins Zentrum einer Diskussion über Gewalt im Kino, die den im Gegensatz zu „Halloween“ überaus zweifelhaften Ruhm der Serie begründete. Dass „Friday the 13th“ letztendlich nur Mordszenen aneinanderreihe und somit wie ein Pornofilm funktioniere, wurde über die Tatsache gestellt, dass er mit seinen rigorosen und selbstreflexiven Zitaten und der bewussten Reduktion den Slasherfilm mindestens so stark wie „Halloween“ beeinflusste – und somit zumindest anfangs eine neue, alte Frische ins Genre brachte.

 

Rajko Burchardt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei: www.Wicked-Vision.de

 

Freitag, der 13. (1979)

FRIDAY THE 13TH

USA - 1979 - 95 min. - FSK: ab 18; nicht feiertagsfrei - Erstaufführung: 23.10.1980/1981 Video - Produktionsfirma: Georgetown

Regie: Sean S. Cunningham

Buch: Victor Miller

Kamera: Barry Abrams

Musik: Harry Manfredini

Darsteller:

Betsy Palmer (Mrs. Vorhees)

Adrienne King (Alice)

Harry Crosby

Laurie Batram

Mark Nelson

 

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