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Frankenstein schuf ein Weib

 

Seelenübertragung zwischen zwei Körpern kann zwar ganz nett sein, aber auch fürchterliche Ergebnisse zeitigen, wie Viktor Frankenstein erfahren muss.- Die liebevoll edierte DVD ist Teil eine umfangreichen Sammleredition von Hammer-Filmen.

 

Handlung

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Der kleine Hans Berner muss mitansehen, wie sein Vater durch die Guillotine hingerichtet wird. Für immer wird Hans der Sohn des Mörders sein. Als er zehn Jahre später erwachsen ist, findet er Unterschlupf und Auskommen in den Diensten von Baron Viktor Frankenstein, der sich beim Arzt Hertz einquartiert hat, um seine Experimente durchführen zu können. Eines davon besteht darin, dass er sich eine Stunde lang, gefangen in einem Sarg, in einen Kühlraum sperren und sodann von Hertz und Hans wiederbeleben lässt. Frankenstein fragt sich zu Recht: Wo war meine Seele, als ich tot war? Das soll später wichtig werden.

 

Hans Berner liebt Christina Kleve, die im Gesicht entstellte Wirtstochter. Als er für Frankenstein eine Flasche Schampus holen soll, gerät er mit Christinas Vater aneinander und wird Zeuge der Ankunft dreier junger Dandy von rüpelhaftem Benehmen. Karl, Anton und Johann verhöhnen Christina, die ihnen den Wein serviert. Als Hans für sie eintritt, verprügeln sie auch ihn, doch weil er sich wehrt, schneidet er einen von ihnen im Gesicht. Er wird festgenommen, doch später freigelassen. Als die drei Burschen ins Wirtshaus einbrechen, erschlagen sie den Wirt, der sie entdeckt, und schieben die Schuld auf Hans.

 

Da Hans den Ruf der nunmehrigen Waise Christina, bei der er die Nacht verbracht hat, schützen will, verschweigt er sein Alibi und wird in einer völlig ungerechten Gerichtsverhandlung zum Tode verurteilt - durch die Guillotine. Jemand bemächtigt sich seines Kopfes. Als Christina, die zu spät kommt, um Hans zu retten, ins Wasser geht, bemächtigt sich jemand auch ihrer Leiche.

 

Dieser Jemand ist Frankenstein. Da er inzwischen ein Kraftfeld erzeugen kann, das die Seele konserviert, kann er die Seele von Hans in den Körper von Christina verpflanzen. Diesen Körper konnte er binnen sechs Monaten von allen Behinderungen, Verunstaltungen und sonstigen makeln befreien (Hertz half ihm dabei nach Kräften), so dass nun mit Christina v2.0 ein wunderschöner Hermaphrodit entstanden ist.

 

Doch die von Hans stammende Seele spornt Christina sofort zu einem Rachefeldzug gegen die drei verleumderischen Playboys Karl, Anton und Johann an. Mit ihren verführerischen weiblichen Reizen lockt sie die Männer in die Falle, bis es für ein Entkommen zu spät ist.

 

Doch die Leichen schrecken die Einwohner auf, die sofort zu Frankenstein rennen, um ihn wegen gottloser Experimente zu verjagen. Wieder einmal ist der große Gottversucher gezwungen, sich um seine Kreatur zu kümmern.

 

Mein Eindruck: der Film

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Terence Fisher, erster Regisseur im Hause Hammer, hat "Frankenstein schuf ein Weib" ein schaurig-schönes Kinomärchen geschaffen, das sich an romantische Vorbilder wie etwa Keats' "La belle dame sans merci" (Die schöne Frau ohne Gnade) anlehnt. Die Guillotine auf ihrem Schafott ragt vor den Toren der deutschen oder Schweizer Stadt wie ein Schicksalsfinger gen Himmel.

 

Schicksal, Rebellion oder Hingabe/Ergebung, sind die Hauptthemen des Films. Während sich Hans und Christina in ihr Fatum zu fügen scheinen, ist Frankenstein der Rebell par excellence. Er ist Positivist wie Sherlock Holmes und dennoch der Schwarzen Magie nicht abgeneigt, die er mit Hilfe der Elektrizität betreibt. Zudem blättert er in der Bibel. Seine Experimente gelten nicht nur dem Körper, sondern vor allem der "Seele", die er selbst "lifeforce" nennt und in ein Kraftfeld zu sperren vermag. Dort ist Hans' Seele als blau leuchtende Sphäre sichtbar. Anders als in den anderen Frankenstein-Filmen nimmt der Maestro keinen chrirurgischen, sondern einen metaphysischen Eingriff vor.

 

Sein Experiment führt zur Entstehung eines Hermaphroditen, der die Seele eines Mannes im Körper einer Frau beherbergt, die eines Mörders zumal. Durch diese Besessenheit wird Christinas ebenfalls noch vorhandene Seele zu der einer Hexe, wie man sie bis dato nur von Romantik-Schauermärchen und dem film noir der Dreißiger und Vierziger kannte. Die Ähnlichkeiten mit G.B. Shaws Theaterstück "Pygmalion" (vertont als "My Fair Lady") sind schon früh erkannt worden.

 

Die Erzählweise des fein gedrechselten Drehbuchs von John Elder (= Anthony Hinds) weist fast schon literarische Qualitäten auf. Der englische Filmkitiker David Pirie wies auf die perfekte Umsetzung der "Lamia" von John Keats hin: "...sie ist die erst kürzlich von ihrem in Wirklichkeit schrecklichen Äußeren verwandelte illusorische Inkarnation weiblicher Schönheit. In Szene auf Szene jagt und verführt Christina ihre Opfer mit geradezu vampirischer Macht und spielt dabei alle unterschwelligen sexuellen Ängste aus, indem sie sich im Augenblick des Geschlechtsakts in eine rachsüchtige Bestie verwandelt."

 

Allerdings dürfte der heutige Betrachter den beträchtlichen Mangel an Gruselelementen beklagen. Blutig wird's erst in den letzten 20 Minuten. Davor wendet die Kamera stets den Blick ab, doch diesmal bleibt der Blick unverwandt auf das Messer geheftet. Das Motiv kommt schon in der ersten Guillotinierungsszene vor, taucht als Fleischer- und Brotmesser wieder auf. Frankenstein hat aufgrund verbrannter Hände keine Kraft, ein Skalpell zu ergreifen und ist zum Zuschauen verdammt. Und zu guter Letzt ist Christinas Nachname nicht zufällig gewählt: Im Englischen klingt "Kleve" wie "cleave", aufspalten. Ein Messer wird auch als "cleaver" bezeichnet.

 

Das schöne Monster, die traurige Realität

 

Was nicht so schade ist, denn so konzentriert sich die Kamera auf die Reize Susan Denbergs. Sie wurde am 2.8.1944 als Dietlinde Ortrun Zechner in Klagenfurt/Österreich geboren. 18-jährig ging sie nach London, 1965 heiratete sie in Las Vegas den Sänger Tony Scott, ließ sich aber bald wieder von ihm scheiden. 1966 und 1967 waren ihre Jahre: Sie spielte in "An American Dream" mit und in der Folge von "Raumschiff Enterprise" auf, die den Titel "Mudd's Women" trägt.

 

Außerdem war sie im August 1966 "Playmate des Monats" im "Playboy" (siehe Fotogalerie Nr. 2!), woraufhin sich offenbar die Hammer-Gewaltigen zu einem Telefonanruf bei ihrem Agenten hingerissen fühlten. Am Film-Set feierte sie ihren 22. Geburtstag, wie man auf einem der Fotos sehen kann: Sie schwingt das Hackebeil, mit dem Christina ihren dritten Lover erschlägt. Am Abend ging's mit Cushing & Co. in den Londoner Playboy Club.

 

Bereits 1966 gehörte sie laut Robert Morris ("Hans Berner") zur Szene um Roman Polanski (dessen Frau Sharon Tate später von Charles Manson ermordet wurde), nahm aber schon seit 1965 Drogen. Dennoch sieht sie im Film recht gut aus. Wegen ihres körperlichen und mentalen Verfalls musste ihr Agent ihre Teilnahme an Filmprojekten wie Hammers Fortsetzung zu "She" (dt. "Herrscherin der Wüste") ablehnen. Danach schickte er sie nach Klagenfurt zurück, wo sie weiter verfiel. Über die Zeit danach gibt es alle möglichen Spekulationen und Gerüchte, darunter auch, dass sie 1969 Selbstmord beging. Umso bemerkenswerter und wertvoller erscheint uns nun ihr Auftritt in "Frankenstein schuf ein Weib".

 

Die DVD

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Technische Infos

 

Bildformate: 1,66:1, 16:9

Tonformate: Mono in DD 2.0

Sprachen: Dt., Englisch

Untertitel: Dt. (ausblendbar)

 

Extras

 

- Doku "World of Hammer: Frankenstein" (1990)

- Mehrere Trailer

- 2 Fotogalerien

- Booklet mit deutschsprachigen Produktionsnotizen von Uwe Sommerlad sowie zwei Filmplakaten und zwei Filmszenen (Susan Denberg mit Bikini, der im Film nicht verwendet wurde)

 

Mein Eindruck: die DVD

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Das Bild des Films ist gestochen scharf und genügt heutigen Ansprüchen. Der Ton ist zwar in Dolby Digital 2.0, aber nicht in Stereo. Nichtsdestoweniger ist alles gut zu verstehen. Wie immer habe ich die Untertitel mit der deutschen Synchronisation verglichen und wie immer weichen sie voneinander ab.

 

Die liebevoll gestaltete DVD zeigt als Titelillustration das Originalkinoplakat von 1966, das die Silhouette einer (gemalten) nackten Eva zeigt, in deren Innenleben sich diverse Dämonen verbergen, allen voran das Gesicht Viktor Frankensteins, aber auch eine Guillotine und zwei Grabsteine.

 

Es gibt zwei Fotogalerien (Diaschauen), die sich klar unterscheiden lassen. Die Diaschau Nr. 1 umfasst ausschließlich Vierfarbfotos, die Filmszenen zeigen. Fotogalerie Nr. 2 ist weitaus interessanter, obwohl sie Schwarzweißfotos umfasst: Neben Filmszenen sind auch Bilder von den Dreharbeiten und fünf Playmate-Fotos enthalten, die Christina Denberg in verführerischen Posen zeigen!

 

Der Filmkenner darf sich zudem über vier Trailer freuen, die auf die Silberscheibe geklatscht wurden. Alle Trailer und TV-Spots sind natürlich in englischer Sprache gehalten. Während der erste nur "Frankenstein schuf ein Weib" vorstellt, bewerben der zweite Trailer sowie zwei TV-Spots ein sogenanntes "Double Feature" aus "Frankenstein schuf ein Weib" und "The Mummy Shroud". Das Bündel trägt den hübschen Titel "The gruesome twosome" (so viel wie "das abscheuliche Duo").

 

Den Höhepunkt des Bonusmaterials bildet die Dokumentation "World of Hammer: Frankenstein", die von keinem Geringeren als Oliver Reed selig vorgestellt wird. Die etwa 25 Minuten lange Doku von 1990 beginnt natürlich mit der Entstehung des Frankenstein-Mythos im Roman von Mary Wollstonecraft Shelley. Als nächstes wird eine Vorstufe zu dem Hammer-Frankenstein-Film mit dem Titel "The Four-sided Triangle" vorgestellt, die 1953 entstand: Hier wird die Wiederbelebung einer Frauenleiche mittels Elektrizität demonstriert.

 

Uwe Sommerlads Produktionsnotizen im DVD-Booklet ist zu entnehmen, dass Hammer-Produzent Anthony Hinds unter seinem Pseudonym "John Elder" bereits 1957 ein Drehbuch namens "And Frankenstein Created Woman" vorgelegt hatte, dessen Titel natürlich an Roger Vadims Erotikhit "And God Created Woman" von 1957 angelehnt war, in dem Brigitte Bardot einen ihrer besten Auftritte hatte. Doch Hinds' Drehbuch wurde "eingemottet".

 

Terence Fisher führte seine o.a. Arbeit 1956 mit "The Curse of Frankenstein" fort, allerdings schon mit Peter Cushing, worauf 1958 "The Revenge of Frankenstein" folgte. Erst 1964 folgte eine weitere Episode unter dem Titel "The Evil of Frankenstein". Hier erfährt man, wie Christina, die Hauptfigur aus "Frankenstein schuf ein Weib" (1966), ihre Brandwunden erlitt, als ein Schloss in Brand geriet. Mit "Frankenstein schuf ein Weib" wurde endlich Hinds' Drehbuch 1966 verfilmt, mit dem fabelhaften Peter Cushing und der passenden Musik von James Bernard.

 

1970 stellte sich Hammer auf den Zeitgeist ein und brachte das ganze Getue mit schwarzem Humor und Ralph Bates als Frankenstein vor. "The Horror of Frankenstein" fand aber wohl nicht so viele begeisterte Zuschauer, denn schon drei Jahre später waren wieder Peter Cushing und Terence Fisher am Ruder. Sie drehten "Frankenstein and the Monster from Hell" im Stil eines Grand Guignol-Schauerstücks. Das Monster war auch nicht von Pappe.

 

Unterm Strich

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"Frankenstein schuf ein Weib" mag vielleicht kein Meilenstein der Geschichte des Horrorfilms sein. Doch es ist innerhalb der Frankenstein-Reihe der stilistische gelungenste Film, weil er diesmal nicht auf chirurgische Zusammenstückelungen setzt, sondern eine metaphysische Transplantation als Dreh- und Angelpunkt einsetzt. Deren Zweck ist es zu demonstrieren, dass auch die Seele - sofern man diesen Begriff akzeptiert - nicht dem Schicksal unterworfen ist, das Gott für sie vorgesehen hat. Zwei Seelen, ach!, in ihrer schönen Brust - so verführt und meuchelt Frankensteins neuestes Ungeheuer ihre Liebhaber, um sich an ihnen für das Unrecht, das sie ihrer anderen Seele angetan haben, zu rächen. Ihr Schöpfer kommt zu spät und ist machtlos: Wer wird nun der Richter sein? Um das zu erfahren, muss man das Ende sehen.

 

Aber immerhin hat auch ein Filmregisseur vom Format eines Martin Scorsese seine Begeisterung für diesen und andere Hammer-Filme kundgetan. Es mag zwar nur wenig sichtbares Blut fließen, aber der Horror findet im Kopf des Zuschauers statt - und das in zunehmendem Maß, je mehr sich die Handlung ganz am Schluss ihrem Höhepunkt nähert.

 

Die DVD ist liebevoll ediert und mit zahlreichem hilfreichen Beiwerk versehen, Bild und Ton genügen den Ansprüchen an eine solche Produktion, die sich an Sammler und Filmliebhaber wendet. Noch etwa zwei Dutzend Filme sollen in der "Hammer Edition" folgen.

 

Fazit: fünf von fünf horrormäßigen Sternen.

 

Michael Matzer

 

Diese Kritik ist zuvor erschienen bei: www.ciao.de

Zu diesem Film gibt es im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Frankenstein schuf ein Weib

O-Titel: Frankenstein created woman (GB 1966)

FSK: ab 16

Länge: 88 Min. (nach anderen Angaben 86 Min.)

Regisseur: Terence Fisher

Drehbuch: John Elder (= Anthony Hinds, 1957)

Musik: James Bernard

Darsteller: Peter Cushing (Baron Frankenstein), Susan Denberg (Christina Kleve), Thorley Walters (Dr. Hertz), Robert Morris (Hans Berner) u.a.

 

Michael Matzer (c) 2003/2004ff

 

 

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