zur startseite

zum archiv

 

Forrest Gump

 

 

 

 

„Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man bekommt.“ Diese Weisheit bekommen wir in Robert Zemeckis’ Film mehrmals zu hören und sie könnte in abgewandelter Form auch auf das Werk selbst angewendet werden. „Forrest Gump“ bietet zunächst eine viel versprechende Verpackung. Wir bekommen in einer Rahmenhandlung von dem gutmütigen, geistig etwas minderbemittelten Forrest Gump (Tom Hanks) seine Lebensgeschichte erzählt. Diese beginnt im ländlichen Alabama und führt den Helden über eine Karriere als Football-Star, Vietnamkriegs-Kämpfer, Ping-Pong-Meister und Dauerläufer bis zum Multimillionär. Es ist die Geschichte eines Simpels, der wie zufällig bei den meisten Schlüsselereignissen in der jüngeren Geschichte der USA anwesend ist und drei Präsidenten persönlich die Hand schütteln darf. Der Film hat ein beachtliches satirisches Potential und zeigt in den Anfangsszenen aus der Kindheit Forrests auch, was man daraus hätte machen können. Doch leider hatte Zemeckis nicht die Absicht, eine Satire zu drehen.

 

Der Film ist handwerklich perfekt gemacht und die Schauspieler, allen voran Tom Hanks, bieten darstellerische Glanzleistungen. Zemeckis versteht es meisterhaft die Gefühle der Zuschauer zu manipulieren. Es darf gelacht und es darf geweint werden. Kurz gesagt: „Forrest Gump“ ist ein Musterbeispiel für einen erfolgreichen Hollywoodfilm. Darin ist Zemeckis ein gelehriger Schüler seines Meisters Steven Spielberg. Doch ist die Pralinenschachtel erst einmal geöffnet, stellt sich bald Enttäuschung ein.

 

Das satirische Potential wird leider verschenkt, indem es zu harmlosen pubertären Witzen abgeschwächt wird. Der Film wurde sehr dafür gelobt, dass die Figur Forrest Gumps in historisches Filmmaterial eingefügt wurde. Wir sehen ihn tatsächlich mit den Präsidenten sprechen und wir sehen ihn neben John Lennon in einer Talk Show. Doch was macht Zemeckis daraus? Forrest sagt Präsident Kennedy, dass er dringend zur Toilette muss und er zeigt Präsident Johnson sein Hinterteil mit einer Schusswunde. Da lachen die Zehnjährigen. Im Übrigen wurde die Technik, fiktive Personen in historisches Filmmaterial einzufügen, bereits zehn Jahre vorher von Woody Allen in seinem Film „Zelig“ zur Meisterschaft gebracht.

 

Doch der Film kann leider nicht als harmloses Hollywood-Drama mit einem gewissen Unterhaltungswert abgetan werden. Denn „Forrest Gump“ will nicht einfach nur unterhalten, der Film hat einen höheren Anspruch, er hat eine Botschaft. Und diese Botschaft verkündet er im Kontrast zweier Lebensläufe. Neben Forrest steht, als zweite Hauptfigur, seine Kindheitsfreundin Jenny (Robin Wright), der Forrest sein Leben lang verbunden bleibt. Jenny hat andere Pläne. Sie verlässt das idyllische ländliche Alabama, wo sie von ihrem Vater missbraucht wurde, um Sängerin zu werden. Sie schließt sich der Friedens- und Protestbewegung an, macht in Flower Power und gerät in den Abstieg von Drogen und Prostitution, was im Film so ziemlich alles miteinander identifiziert wird. Forrest findet derweil im Militär sein Glück, denn er braucht dort nur Befehlen zu folgen. Im Vietnam-Krieg findet er echte Kameradschaft und rettet einer Gruppe Kameraden, einschließlich seines Lieutenants Dan (Gary Sinise), das Leben. Die Protagonisten der Friedensbewegung oder die Anhänger der Black Panthers erscheinen dagegen als hysterische Chaoten oder brutale Spinner. Jennys Freund, ein Führer der Bewegung, ohrfeigt Jenny, um am nächsten Tag zu stammeln, dass er es eigentlich nicht wollte. Forrest Gump, der Jenny in Washington beim Friedensmarsch über den Weg lief, gibt ihr in dieser Szene allen Ernstes den guten Rat, sie solle heim nach Alabama gehen.

 

Dieser Kontrast zieht sich durch den ganzen Film und Zemeckis diffamiert in undifferenzierter Schwarz-Weiß-Malerei das kritische Amerika. Forrest steht für das gute Amerika. Er vertraut auf Gott, gehorcht seinen Vorgesetzten, ist unkritisch und verliert nie seinen Glauben an das Gute. Dadurch, dass er nie seine Naivität verliert und im Grunde immer ein gutmütiges Kind bleibt, erscheint Forrest durchaus sympathisch. Dadurch jedoch, dass der Film einen märchenhaften Hans-im-Glück aus ihm macht, wird das Ganze süßlich verlogen. Forrest wird vom Schicksal belohnt. Durch märchenhafte Zufälle wird er steinreich und natürlich bleibt er bescheiden wie immer und spendet einen Großteil des Geldes für die Kirche, für ein Krankenhaus usw. So ist das gute Amerika nun einmal, so ist der amerikanische Kapitalismus eben. Und wer immer gut ist, der wird auch reich. Während Forrest so beschaulich in seiner ländlichen Heimat Gutes tut, schlägt Jenny, das undankbare Mädchen, seinen Heiratsantrag ab, um wieder in die böse Welt hinaus zu gehen. Sie will die provinzielle Weltsicht nicht teilen und sich nicht einordnen. Inmitten langhaariger Chaoten und in zwielichtigen Bars wird sie drogensüchtig und verkommt zusehends. So geht es den bösen Mädchen nun mal.

 

Gegen Ende des Films kehrt sie endlich doch mit ihrem kleinen Sohn, der wie sein Vater Forrest heißt, zu Forrest Gump zurück. Sie hat ihren Frieden gefunden und erklärt Forrest ganz gefasst, dass sie an einer „schlimmen Krankheit“ - natürlich AIDS - bald sterben wird. Das ist das Ergebnis ihres sündigen Lebenswandels. Aber Jenny akzeptiert. Sie hat ihren Frieden mit Gott gemacht, wie auch Lieutenant Dan, der Kriegskrüppel, der nicht gerettet werden wollte, aber durch Forrest wieder ins Leben zurückfindet, und dabei auch reich wird. Seine Mutter (Sally Field) findet tröstliche Worte für Forrest. „Du hast aus allem, was Gott dir gegeben hat, das Beste gemacht“, sagt sie ihm auf dem Sterbebett.

 

Und so kann man aus dem Film seine tröstliche Botschaft mit nach Hause nehmen. Was immer auch kommt, man darf das Vertrauen auf Gott nie verlieren und am besten bleibt man zu Hause in der Provinz, wo die Welt noch in Ordnung ist. Man muss bescheiden und zufrieden sein, mit dem, was man bekommt, dann wird man wahrscheinlich reich. Alles wird gut, denn das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen.

 

Siegfried König

 

Dieser Text ist nur in der filmzentrale erschienen

 

Forrest Gump

USA 1994

Regie: Robert Zemeckis, Buch: Eric Roth, Kamera: Don Burgess, Musik: Alan Silvestri, Produzent: Wendy Finerman, Steve Tisch, Steve Sharkey, Charles Newirth. Mit: Tom Hanks, Robin Wright, Gary Sinise, Mykel T. Williamson, Sally Field, Tiffany Salerno, Marla Sucharetza, Jenny Curran, Michael Conner Humphreys, Hanna R. Hall, Geoffrey Blake.

 

zur startseite

zum archiv