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Die Fliege (1958)

 

 

 

 

Es ist ein Gruselklassiker, obwohl die meisten Kritiker nicht müde werden, zu betonen, daß es ja eigentlich Trash ist, was Kurt Neumann mit "Die Fliege" da auf sein Publikum losläßt. Klar: molekularer Teleport ist beste Science Fiction und die Vermischung der Atome von Stubenfliege und Mensch dürfte natürlich nicht zur Folge haben, daß ein Mensch mit riesigem Fliegenkopf rumrennt (und diametral entgegensetzt proportioniert bei der Fliege), soweit ist der Film tatsächlich Kasperquatsch. Trotzdem ist es ein geschickt aufgemachtes Monstermovie, das viele Genretypen gleichzeitig bedient. Die gruselige Story wird nämlich in einem langen Rückblick erzählt und viele nicht zu erklärende Vorgänge rund um den Tod eines Mannes unter einer Stahlpresse (lecker, allein die Vorstellung) finden erst nach und nach eine Erklärung, falls man den Plot nicht kennt.

 

Was also als Detektiv- bzw. Kriminalstory beginnt, gewinnt später immer unheimlichere Konturen und das Bild des nach der letzten Wahrheit suchenden Wissenschaftlers entsteht, der im Grunde relativ rücksichtslos für seine Forschung vorgeht (zum Beispiel versucht er ohne die Spur eines Skrupels die Katze des Hauses zu teleportieren und scheitert tragisch) und zum Opfer dieser Rücksichtslosigkeit wird. Gott spielen ist also wieder mal das Thema, nur daß unser Held relativ sympathisch rüberkommt. Doch von einem Moment auf den anderen schwenkt der Film dann auf mysteriös und liefert schon bald eine Erklärung (siehe oben), die von nun an die Tonart des Films bestimmt.

 

Die Suche nach der halbmenschlichen Fliege wird plötzlich (da man weiß, was man sucht) aus einem anderen Blickwinkel gesehen, die Ausweglosigkeit macht tatsächlich betroffen, die Tragik kommt voll zum Tragen. Natürlich glaubt die Polizei nicht die phantastische Story und läßt schon mal die Nervenheilanstalt ihre Leute vorbeischicken, bis die Fliege dann doch noch gefunden wird.

 

Was die Horrorqualitäten betrifft, so gibt es zwei Momente in diesem Film, die einem auch außerhalb des Kindesalters kalte Schauer über den Rücken jagen, weil sie eben absolute Urängste des Menschen bedienen und die Mechanismen des filmischen Grauens in Perfektion ausspielen. Der eine ist sicherlich die Enthüllung des Grauens; der Moment, in dem das Tuch vom Kopf des Wissenschaftlers gezogen wird und die geliebte Helene und damit gleichzeitig auch wir, die Zuschauer, das Grauen definitiv zu Gesicht bekommen. Obwohl das Ergebnis längst nicht mehr den FX-Standards unserer Zeit genügt, ist Patricia Owens Schrei, durch das Facettenauge der Fliege gesehen, immer noch einer der besten der gesamten Filmgeschichte.

 

Die zweite und noch markantere Sequenz ist die Entdeckung der Fliege, als der Wissenschaftler mit dem Fliegenkopf schon tot ist. Einmal kurz schon sieht man das letztlich fatale Spinnennetz, hört die Hilfeschreie der Fliege, doch es dauert noch ein paar unendlich lange Filmmomente, bis es Vincent Price endlich dämmert, was sein Neffe ihm gerade angedeutet hat. Wenn dann ihm und dem Inspektor gemeinsam mit den Zuschauern das Grauen in Großaufnahme präsentiert wird, die Stubenfliege mit dem Arm und dem Menschenkopf, in Todesangst verzerrt, während sich eine (scheinbar) riesenhafte Spinne anschickt, sich auf ihn zu werfen, setzt das Ganzkörperkribbeln ein und scheint zu befehlen, diesen Anblick von uns zu nehmen, da er unerträglich erscheint. Und genau das tun die Männer dann mit einem großen Stein.

 

"Die Fliege" trägt sicher das Manko von kindlichem Unsinn, wissenschaftlicher Moral und einer SF-Horror-Krimi-Phantastikmischung mit sich, aber seine Wirkung kann man ihm nicht absprechen. Sicherlich ein Klassiker, der seinen Hauch von Trash wie ein edles Kleid trägt.

 

Silvan Prefetzky

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.ofdb.de

 

Die Fliege (1958)

THE FLY

USA - 1958 - 94 min. schwarzweiß - Literaturverfilmung, Horrorfilm, Science-Fiction-Film - FSK: ab 12; f (fr.16; nicht feiertagsfrei) - Verleih: Centfox, Fox (Video) - Erstaufführung: 3.10.1958 - Fd-Nummer: 7397 - Produktionsfirma: 20th Century Fox

Produktion: Kurt Neumann

Regie: Kurt Neumann

Buch: James Clavell

Vorlage: nach einer Erzählung von George Langelaan

Kamera: Karl Struss

Musik: Paul Sawtell

Schnitt: Merrill White

Special Effects: L.B. Abbott

Darsteller:

Al Hedison (André)

Patricia Owens (Helene)

Vincent Price (François)

Herbert Marshall (Inspektor Charas)

Kathleen Freeman (Emma)

Betty Lou Gerson (Schwester Anderson)

Charles Herbert (Philippe)

Eugene Borden (Dr. Ejoute)

Harry Carter (Orderly)

Charles Tannen (Doktor)

 

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