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Der Feuerwehrball

 

Bevor Milos Forman (eigentlich: Jan Tomas Forman, *1932) mit Filmen wie dem sensationellen „Einer flog über’s Kuckucksnest” (1975), dem Musical-Film „Hair” (1979), „Ragtime” (1981), der eigenwilligen Geschichte um Mozart und Salieri „Amadeus” (1984), „Larry Flint” (1996) und „Der Mondmann” (1999) zu einem der besten Regisseure der westlichen Hemisphäre wurde, drehte der tschechische Regisseur in seiner Heimat mehrere, heute zumeist vergessene Filme, zu denen auch „Horí, má panenko” gehört, eine ausschließlich mit Laienschauspielern gedrehte Groteske über einen Feuerwehrball in einem kleinen Ort in der damaligen Tschechoslowakei. Vor diesem Film drehte Forman in seiner Heimat bereits weitere fünf Filme, darunter „Die Liebe einer Blondine” (1965) (ein Liebesdrama mit Formans damaliger Schwägerin als Laiendarstellerin) die ebenfalls auf DVD erhältlich ist.

 

„Der Feuerwehrball”, eine für die damaligen Verhältnisse in der CSSR gewagte soziale und politische Satire (jedenfalls konnte sie mit Fug und Recht so verstanden werden), die Forman während des „Prager Frühlings” unter Dubcek drehte, wurde nach der brutalen Niederschlagung des Reformkurses nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes durch die neue Parteiführung unter Gustav Husak verboten. Die Zensoren warfen dem Film vor – wie vielen anderen auch –, er enthalte eine mehr oder weniger versteckte Kritik an der Partei und stelle die Bevölkerung der CSSR in ein schlechtes Licht.

 

François Truffaut war es zu verdanken, dass der Film dann in den Westen kam, nachdem Carlo Ponti zuvor erhebliche Mittel zur Realisierung des Farbfilms gestiftet hatte. Forman verließ Europa und arbeitet seitdem in den USA, wo er 1975 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt.

 

 

• I N H A L T •

 

„Der Feuerwehrball” schildert einen Tag in einer Kleinstadt irgendwo in der Tschechoslowakei. Das Festkomitee der Feuerwehr bereitet einen Ball vor. Der Höhepunkt soll die Verleihung einer Feuerwehr-Axt an den 86jährigen Ehrenhauptmann der Truppe sein. Das Komitee, bestehend aus zehn gestandenen Feuerwehrmännern, hat sich etwas Besonderes einfallen lassen: Neben einer Tombola soll eine Misswahl die Stimmung der Einwohner heben. Allerdings kam dem Komitee diese Idee recht spät, und so ist man gezwungen, am Abend mit der Auswahl der Damen zu beginnen, die zur Wahl kandidieren sollen. Eine nach der anderen wird gefragt, beäugt, von der Liste wieder gestrichen, dann doch wieder nominiert usw. Einige Komiteemitglieder wollen selbstverständlich ihre Töchter dabei haben. Die Gewinnerin der Misswahl soll dem Ehrenhauptmann, der schwer an Krebs erkrankt sein soll, sodann das Präsent überreichen.

 

Währenddessen wacht Feuerwehrmann Josef (Josef Kolb) mit scharfem Auge über den Tisch, auf dem sich die nummerierten Gewinne befinden. Trotzdem verschwindet ein Presssack, eine Flasche Wein, ein Kuchen und noch so einiges andere. Zu allem Überfluss muss sich unter dem großen Tisch auch noch ein Pärchen vergnügen, das Josefs Aufmerksamkeit bezüglich der Los-Gewinne beeinträchtigt.

 

Derweil hat sich das Festkomitee – allesamt Männer versteht sich – in einen separaten Raum zurückgezogen, um die auserwählten Damen zu begutachten. Ein Brand unterbricht die Festlichkeiten. Inzwischen sind fast alle Gewinne vom Tisch verschwunden und zu allem Überfluss flüchten die auserwählten Miss-Kandidatinnen geschlossen auf die Damentoilette, um sich der Zurschaustellung zu entziehen. Der Ball droht im Chaos zu versinken. Das Festkomitee versucht zu retten, was noch zu retten ist. Aber was retten die braven Männer eigentlich?

 

 

• I N S Z E N I E R U N G •

 

Forman „versammelt” so gut wie alle negativen Eigenschaften einer von Männern beherrschten örtlichen Gemeinde: die Doppelmoral des Festkomitees, das nach außen Anstand und Sitte verkörpern will, gleichzeitig aber durch die Misswahl den geilen Blick zum Höhepunkt des Abends erklären will, ein Komitee, das Ehrlichkeit und Offenheit repräsentieren will, es aber zulässt, dass auch die eigenen Mitglieder sich am Diebstahl der Tombolagewinne beteiligen; den kaum versteckten, aber doch eigentlich verpönten Blick auf den Westen, dem man nun auch bei so etwas wie einer Misswahl mal zeigen will, dass man das zumindest genauso gut kann.

 

Der spezielle Clou des Films aber, das sind die typischen, aber letztlich vergeblichen Bemühungen des Komitees, noch zu retten, was zu retten ist, nachdem man in ein Fettnäpfchen nach dem anderen getreten ist. Besonders grotesk wird die Situation, nachdem es die Feuerwehrleute nicht mehr schaffen, das Haus eines alten Mannes vor dem völligen Herunterbrennen zu retten. Der alte Mann wird auf einen Stuhl gesetzt, mit dem Rücken zu seinem brennenden Haus, damit er die Katastrophe nicht sehen muss, obwohl er genau weiß, was da vor sich geht. Gleichzeitig setzt man ihn jedoch nahe ans Feuer, damit er – es ist Winter – nicht friert. Die famose Idee, dem Obdachlosen die Tombolalose zu schenken – nachdem alle Preise inzwischen gestohlen sind – setzt dem allem noch die Krone auf.

 

Forman erzählt eine letztlich tragische und von menschlicher Skrupellosigkeit charakterisierte Geschichte mit dem ihm eigenen Humor. Nach außen präsentieren sich die Mitglieder des Komitees als Ehrenmänner, ihr Handeln deutet auf das Gegenteil. Sie gehören zu jener Sorte Menschen, die z.B. in aller Öffentlichkeit den Krieg verurteilen und sich als Pazifisten aufführen, in der eigenen Nachbarschaft jedoch mit Kanonen schießen – aber nicht auf Spatzen.

 

Der Ehrenhauptmann beispielsweise – die eigentliche Hauptperson des Abends – sitzt einsam auf seinem Stuhl und wartet. Allein gelassen steht er ab und zu auf, weil er meint, jetzt „dran” zu sein, und wird wieder auf seinen Platz zurückgeschickt. Er, der geehrt werden soll, wird in Wirklichkeit instrumentalisiert. Oder: Ausgerechnet der ehrlichste unter den Feuerwehrleuten – Josef – wird, nachdem das Komitee befohlen hat, das Licht auszuschalten, um den Dieben zu ermöglichen, die Preise anonym wieder auf den Tisch zu legen, dabei erwischt, wie er den von seiner Frau geklauten Presssack wieder zurücklegt, während andere bei ausgeschaltetem Licht die Situation nutzen, um noch die letzten Preise zu stehlen. Forman versteht es auf eine geradezu einmalige Art, diese Szenen in Humor aufzulösen, ohne dass das Tragische dieser Ereignisse verloren geht.

 

Erstaunlich ist auch, wie die Laiendarsteller mitspielen. Mit viel Engagement bestreiten sie ihren jeweiligen Part in diesem absurden Spektakel. Besonders sehenswert sind die hinter (teilweise) verschlossener Tür stattfindenden Begutachtungen der auserwählten Frauen.

 

„Horí, má panenko” kann sicherlich als versteckte Kritik an den typischen Verhaltensweisen realsozialistischer Partei- und Staatspolitik verstanden werden, auch wenn Forman selbst später in den USA sagte, der Film enthalte keine „hidden symbols or double meanings”. Schönrederei, Heuchelei, Kritiklosigkeit, hohles Solidaritätsgerede, gerade wenn es um die eigennützigen Interessen einiger weniger geht, und die entsprechenden Strukturen der damaligen Parteien erfahren trotzdem eine gehörige Portion satirischer Schläge – nicht wegen des Films und Formans Absichten, sondern wegen dem Schuh, den sich die KP der Tschechoslowakei selbst anzog, als sie den Film der Zensur opferte. Aber gleichzeitig ist der Film so gehalten, dass die Darstellung des Fiaskos auch auf andere (soziale, politische) Zustände gemünzt sein kann und sollte.

 

 

• F A Z I T •

 

Alles in allem ein heute immer noch sehenswerter Film Formans, der auch ab und an im Fernsehen zu sehen ist, dort allerdings mit einer deutschen Synchronisation, die schwer verständlich ist. Man ließ die Synchronsprecher Deutsch mit stark böhmischen Einschlag sprechen. Wenn dies Assoziationen zu Geschichten à la „Der brave Soldat Schwejk” auslösen sollte, so ist dies gründlich misslungen.

 

 

• D V D •

 

Bild: Farbe, 1.33:1

Nicht anamorph

Dolby Digital Mono 1.0

Sprachen: Tschechisch

Untertitel: Englisch

Region: 0

Herausgeber: Criterion Collection

 

Deshalb greife man lieber – sofern man diesen Film als Liebhaber gern besitzen möchte – zur Silberscheibe, die innerhalb der Criterion Collection erschienen ist. Die DVD enthält den Film in tschechischer Sprache in Dolby Digital Mono mit englischen Untertiteln. Andere Sprachen sind nicht vorhanden. Das vorhandene Material wurde digital hervorragend aufbereitet, und für das Alter des Films kann man mit Ton und Bild äußerst zufrieden sein. In einem Featurette wird man über diesen Prozess der Aufarbeitung für die DVD informiert – bei einem Spaziergang durch Prag.

 

Die DVD enthält vor allem aber ein ausgesprochen interessantes Interview mit Milos Forman, der Einzelheiten über die Schwierigkeiten 1967 zu berichten weiß, als der Film entstand und die Zensurbehörden daran gingen, ihn zu verbieten. Forman berichtet über seine damalige Arbeitsweise und die Arbeit später in den USA. Obwohl das Interview nur ca. zwölf Minuten lang ist, erfährt man viel.

 

Der Preis für die DVD allerdings ist bedenklich hoch. Bei CD-WOW muss man € 23,99 hinblättern, bei der schweizerischen Firma 1a-DVD-Shop berappt man umgerechnet € 28,42 – Liebhaberpreise, ganz klar, aber selbst einem Liebhaber wie mir fällt es schwer daran zu glauben, dass solche Preise wirklich nötig sind. Auch in den USA zahlt man für die Region-1-DVD 29,95 Dollar, also € 24,41.

 

Wertung Film: 10 von 10 Punkten.

Prädikat: Besonders wertvoll.

DVD: 8,5 von 10 Punkten.

 

Ulrich Behrens

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen bei:  Posdole

 

Der Feuerwehrball

(Horí, má panenko)

Tschechoslowakei 1967, 71 Minuten

Regie: Milos Forman

 

Drehbuch: Milos Forman, Jaroslav Papousek

Musik: Karel Mares

Director of Photography: Miroslav Ondrícek

Miroslav Ondrícek

Schnitt: Miroslav Hájek

Produktionsdesign: Karel Cerný

Darsteller: Jan Vostrcil (Komitee-Vorsitzender), Josef Sebanek, Josef Valnoha, Frantisek Debelka, Vratislav Cermák, Josef Rehorek, Václav Novotný, Frantisek Paska, Frantisek Rein-stein, Ladislav Adam (Mitglieder des Festkomitees), Josef Kolb (Josef), Milada Jezková (Josefs Frau), Stanislav Holubec (Karel), Josef Kutálek (Ludva), Frantisek Svet (alter Mann), Antonín Blazejovský (Standa)

 

Internet Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0071781  

 

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