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Ferien

Nix geht mehr

 

Wie dem imaginären „Berliner Schule“-Lehrbuch entnommen, so ist „Ferien“, der neue Film von Thomas Arslan („Dealer“, „Der schöne Tag“) gedreht. Starre Kadragen, eine gestrenge Vermeidung aller Theatralik, eine Distanz, so kühl, dass man sie mit Gleichgültigkeit verwechseln könnte. Erfahrene Darsteller in Höchstform wie Angela Winkler, Uwe Bohm oder Karoline Eichhorn spielen an, so scheints, gegen eine Form, die sich zum Inhalt erklärt hat.

 

Denn wenn „Ferien“ mit seiner ersten nüchternen Kameraeinstellung bereits die Erkenntnis vorwegnimmt, dass der Mensch allein sei, sein Leben ein glückloses Fatum und nichts ihn daraus befreien könne, dann sind die anschließenden Handlungsstränge nur noch Redundanz: Vier Generationen einer Familie mit irgendwie gutbürgerlichem Background treffen sich in der hochsommerlich flirrenden Uckermark, um Ferien zu machen, was eigentlich bedeutet, um vorhandene Konflikte nicht auszutragen, um eine Ehekrise nicht in den Griff zu bekommen, um das Sterben der Großmutter nicht verbalisieren zu können. Jeglichem Ausbruchsversuch ist schon im Ansatz sein Scheitern anzusehen und jede Hoffnung lächelt auf ihre Träger so müde und angestrengt zurück, wie die von Angela Winkler verkörperte Mutter und Großmutter auf ihre Kinder und Kindeskinder. Krampf! Arslans Absicht, „eine Balance zwischen den einzelnen Strängen zu finden und diese im Verlauf des Films in Schwingung zu versetzen“ misslingt angesichts des asketischen, nahezu unbeweglichen stilistischen Rahmen, der vor nichts so sehr zurückzuschrecken scheint, wie vor Bewegung, und wo keine Bewegung sein darf, da darf auch nichts schwingen, kaum ein Gefühl der, aber schon gar nicht ein Gefühl für die Protagonisten.

 

Eine (unausgesprochene) Ideologie der „Berliner Schule“ scheint auf einen Kunstbegriff gegründet, der lauten könnte: Erhabene Kunst muss ernst sein und sie wird mittels (protestantischer) Strenge und Entsagung und Stoizismus hergestellt. Die hohe Präzision und die Nüchternheit, die dieses Verfahren zwangsläufig zeitigt, führt in den glücklichsten Fällen (und Ulrich Köhlers „Montag kommen die Fenster“ ist ein solcher) zu klischee- und überwältigungsfreien Annäherungen an die Wirklichkeit – solange sich ihr der Blick des Autors nicht verschließt. Doch manchmal, wie in „Ferien“, droht schon der rigide Rahmen zum Bild an sich zu werden.

 

Genährt wird die Ästhetik dieses fatalen Verdikts in „Ferien“ durch einen Kontrast: Das Scheitern menschlicher Glücksuche wird inszeniert in einem friedlichen Sommerparadies, in (und immer wieder separiert von) der Kulisse einer zugleich vollkommenen und gleichgültigen Natur, der in langen, unbewegten Kadrierungen die Qualität einer autonomen, tragenden Rolle zugedacht ist. Inhaltlich erinnert „Ferien“ an den Abgesang des Bürgertums tschechowscher Sommerdramen, ästhetisch an die esoterische Vorbegrifflichkeit der Filmsprache von Apichatpong Weerasethakul („Tropical Malady“), des thailändischen Regisseurs, von dessen Filmen Thomas Arslan unübersehbar beeinflusst ist. Tschechow ist’s weniger geworden, Weerasethakul mehr; und das in den gelungeneren Momenten von „Ferien“.

 

Aber bitte warum immer diese „Berliner Schule“-Phobie vor Milieus und sozialem Hintergrund? Arslan sagt, er wollte „die Figuren nicht zu sehr soziologisieren. Eine Figur und ihr Verhalten“ sei „ja letztlich nicht durch sowas zu erklären.“ Nicht nur, aber auch, möchte ich erwidern. Man macht ja nicht gleich Polit-Kino mit einem pädagogisch-aufklärerischen Impetus, wenn man gelegentlich durchscheinen lässt, dass die Figuren eines offenbar in der deutschen Gegenwart spielenden Films auch irgendwie mit der Gesellschaft, Politik und Ökonomie diese Landes assoziiert sind?

 

Filme der Dardenne-Brüder z.B. beweisen, dass die vorurteilslose Aufmerksamkeit gegenüber dem Sujet Mensch und die Film-Erzählung, die sich einer zwar empathischen Schilderung aber nicht einer Manipulation des Zuschauers bedient, weder einem künstlerischen Kino im Wege zu stehen braucht, noch hysterische Grenzen errichten muss, vor allem und jedem, was eventuell die Gestalt soziologischer oder gar politischer Erkenntnis annehmen könnte.

 

Bei solch erklärter Eliminierung alltäglicher Wirklichkeit aus dem Kunst-Werk nimmt es nicht wunder, wenn Arslan, wie er sagt, die Welt als „zugleich konkret und seltsam irreal“ wahrnimmt.. Übrigens war das bei seinem Film „Dealer“ ein wenig anders. Da gab es noch Milieu (ohne Klischee) und Drama (ohne Überwältigung). „Ferien“ nun ist der vorläufige Sieg der strengen „Form“, eine undialektische, puristische Durchführung des ideologisch-technischen Überbaus, der mir an der „Berliner Schule“ nur gefällt, wenn er sich an irgend etwas in der Erzählung reiben kann. Doch „Ferien“ bleibt „Schul“-System at its worst: stumpf und taub durch zuviel Abstand, programmatisch ätherisch-pessimistisch und ohne jede Überraschung, weil der Zufall, der sich Leben nennt, aus seiner Szenerie verbannt ist. Da kann der Wind noch so existentiell durch die Linde streichen.

 

Andreas Thomas

 

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Ferien

Deutschland 2007 - Regie: Thomas Arslan - Darsteller: Angela Winkler, Karoline Eichhorn, Uwe Bohm, Anja Schneider, Gudrun Ritter, Wigand Witting, Amir Hadzic, Babette Semmer, Leyla Bobaj, Aaron Raabe, Maria Hengge - FSK: ab 6 - Länge: 91 min. - Start: 14.6.2007 

 

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