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Der Felsen

 

 

Urlaubsfilm mit Sinfonie-Begleitung

Dominik Graf ist das Paradox eines intellektuellen Regisseurs, dem es mit aller Kraft seiner Wörter, Bilder und Töne ausgerechnet um Emotionen zu tun ist. Stets geht er dabei aufs Ganze und es ist kein Wunder, dass er immer wieder an Grenzen gelangt. An denen einem Hören und Sehen vergeht, im glücklichen Fall. Oder an denen man das Pathos kaum mehr ertragen mag, vielleicht ist das der unglückliche Fall. Andererseits nötigt er einen gerade an den Stellen, an denen einem Bedenken kommen, zu etwas, das den meisten bisherigen Beiträgen des Wettbewerbs nicht einmal als Möglichkeit ihres Filmemachens bewusst ist: zum Nachdenken über das Erzählen selbst, über die Willkür von Zusammenhängen und nicht zuletzt über die Darstellbarkeit von Gefühlen. Tom Tykwers "Heaven" übrigens, der andere deutsche Festivalbeitrag der ersten Tage, stellt in gewisser Weise genau dieselben Fragen, fällt aber im entscheidenden Moment zurück auf den Glauben an die Kraft bloßer (großer, schöner) Bilder, die bei Graf gerade zur Diskussion steht.

Psychologie im herkömmlichen Sinne, als konsequente und nachbuchstabierbare Motivierung der Figuren, kann nicht die Lösung sein, ist sie für Dominik Graf auch nicht. Wer seine normalen, auf Realismus gepolten Sehgewohnheiten an "Der Felsen" heranträgt und nicht bereit ist, sie aufzugeben, wird keinen Zugang zu dem Film bekommen, wird die Geschehnisse nur entsetzlich unplausibel, die Handlungsweisen der Figuren unverständlich finden. Dabei müssten einen schon die ersten Einstellungen auf die Spur setzen, die der Film konsequent verfolgen wird. Ein schwarzer Straßenhändler breitet diverse Gegenstände vor sich aus, und aus dem Off werden wir auf die Möglichkeitsform des Geschichtenerzählens eingeschworen: Nehmen wir an, es ist ein Spiel, nehmen wir an, diese Geschichte wird von einem Gegenstand zum nächsten erzählt, folgt einer Logik des Zufalls, die Markierung alternativer Entwicklungsmöglichkeiten inklusive.

Diese Markierung erfolgt aus dem Off, mit der verführerischen Erzählerstimme von Corinna Harfouch. Die Stimme liegt neben der Spur der reinen Erzählung, gibt mehrmals die radikale Alternative an: einmal jagt Katrin Engelhardt (Karoline Eichhorn), die Heldin des Films, Malte, dem jungen Mann hinterher, dem sie zufällig begegnet ist, mit dem sie eine so radikale wie unerklärliche Liebe verketten wird, und die Erzählerin erklärt: "Es gibt zwei Straßen in dem korsischen Dorf. Nimmt sie die falsche, wird die Geschichte von Katrin und Malte zu Ende sein." Sie wird die richtige Straße nehmen, von selbst aber versteht sich das nicht. Schon zuvor hat der Film viele unberechenbare Wendungen genommen. Er beginnt als die Erzählung von einer zu Ende gehenden außerehelichen Affäre, nimmt eine kühne Abzweigung zum Erotikdrama, bis dann Malte und Katrin einander begegnen, sich verfolgen, sich verlieren, sich wieder finden werden. Nicht auf die Verbindungen und Anschlüsse kommt es an, sondern auf die Szenen höchster Intensität, in denen Graf die Bilder, die Tonspur (die weit über den Musik-Score hinaus ein Eigenleben führt), das atemberaubende Spiel seiner Hauptdarsteller zu Momenten selten gesehener Suggestivität verschweißt.

Zum ersten Mal in seiner Karriere hat Dominik Graf bei "Der Felsen" mit der digitalen Videokamera gearbeitet, nicht ganz freiwillig, wie er in der Pressekonferenz erzählt: kurz vor Drehbeginn stellte sich heraus, dass das Budget für die geplante 35mm-Arbeit nicht reichen würde, also haben sich Graf und sein exzellenter Kameramann Benedict Neuenfels zum Dogma-Experiment entschlossen. Heraus gekommen ist, halb ironischer Originalton Graf, ein "Urlaubsfilm mit Sinfonie-Begleitung" (Musik: Dieter Schleip), der in radikaler Weise die Beweglichkeit der kleinen Kamera nutzt. Dabei hat sich die in Grafs Fernsehfilm "Der Skorpion" bereits auf die Spitze getriebene Zersplitterung des Erzählens noch einmal verschärft. Die Unschärfe vieler Bilder, ihre Rätselhaftigkeit, das grobe Korn und die rasch verfliegenden Fetzen sind ebenso bewusstes Kalkül wie die Sprünge in der Handlung, die Radikalität im Verzicht auf psychologische Auflösungen. Kein Wunder, dass Graf, wie er in der Pressekonferenz versichert, nie wieder mit einer konventionellen Kamera drehen will. In gewisser Weise ist "Der Felsen" ein in den Wettbewerb geschmuggelter Experimentalfilm, eine Zumutung in vieler Hinsicht, ein Wagnis nicht ohne Längen und nicht ohne kurze Momente, in denen er aus dem Gleis gerät. Dennoch und am Ende vielleicht gerade deswegen ist es ein grandioser Film, der die bisher gezeigten Konkurrenten um den Goldenen Bären bei weitem überragt.

Ekkehard Knörer

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de  

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

 

 

 

Der Felsen 

D 2001. R,B: Dominik Graf. B: Markus Busch. K: Benedict Neuenfels. S: Hana Müllner. M: Dieter Schleip. P: MTM, Kinowelt, Bavaria. D: Karoline Eichhorn, Antonio Wannek, Ralph Herforth, Peter Lohmeyer u.a. Concorde ab 25.7.02 

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