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Der Fall Mona

American Kaputtness

 

Spießer, Freaks und Tresenschlampen: In seiner smarten Krimikomödie "Der Fall Mona" erzählt Nick Gomez von Irrungen und Wirrungen am unteren Rand der weißen Mittelstandsgesellschaft

 

Der Schlüssel passt nicht zum Auto. Oder umgekehrt. Aber zum Glück haben die Dearlys gleich zwei "Yugos" auf dem Parkplatz stehen. Einen gelben, einen roten, beide hässlich. Für Mona (Bette Midler) endet das Verwirrspiel wenig später mit dem Tod, nachdem ihr Wagen eine Böschung hinab in den Hudson River nahe von Verplanck gestürzt ist. Das passiert im Bundesstaat New York, 30 Kilometer nördlich von Manhattan, selten, obwohl hier im Grunde jeder einen dieser klapprigen Yugos fährt. Nur die Polizei schwört auf Chrysler.

 

Verplanck hat 16 übersichtlich nummerierte Straßen und ist für seine Bodenschätze bekannt. Hier verkauft man seltene Mineralien oder vermietet Anglerhäuschen, in denen sich die Nachbarschaft zu "Wheel of Fortune"-Spielen trifft. Manchmal kommen auch Großstädter vorbei, die sich fachgerecht auspeitschen lassen von einer der Kellnerinnen aus dem einzigen Diner am Ort. Und schon sind all die Zutaten zusammen, die man für einen kleinen, schmutzigen Film über die Irrungen und Wirrungen des White Trash braucht. So stellt sich das Leben auf dem Lande zumindest in Nick Gomez' smarter Krimikomödie "Der Fall Mona" dar, die im Original noch zielstrebiger "Drowning Mona" heißt. Schließlich könnte jeder im Dorf schuld daran sein, dass Mona ertrunken ist: Es war nicht der Yugo, es waren durchtrennte Bremsen.

 

Obwohl sich Danny DeVito als Polizeichef Wyatt Rash redlich bemüht, den Fall Mona aufzuklären, merkt man schnell, dass Regisseur Gomez gar nicht so sehr an der Detektivgeschichte interessiert war. Er benutzt die unterschiedlichen Figuren, die mehr oder minder tatverdächtig durch die Landschaft schleichen, vor allem zur Parodie auf die amerikanische Underdog-Culture. Das allerdings geschieht mit einer diebischen Freude am Symbolschatz der Achtzigerjahre, irgendwo zwischen Raymond Pettibons Comicfantasien und den Videoclips von Sonic Youth.

 

Da ist Ellen (Neve "Scream" Campbell), die Tochter von Rash, die sich beim Essen ihre Fingernägel unappetitlich fliederfarben lackiert. Ansonsten ist sie damit beschäftigt, die Locken im Look der frühen Brooke Shields zu legen oder an ihrem zukünftigen Gatten Bobby Calzone (Casey Affleck) herumzuzupfen. Calzone wiederum sieht in seiner Latzhose wie eine Highschool-Mutation sämtlicher Walton-Brüder aus und schlufft selbst beim Rasenmähen wie ein gut weich gekauter Bubblegum hin und her. Im Gegenzug darf sein Kompagnon Jeff Dearly (Marcus Thomas) sich in vier fröhlichen Variationen die rechte Hand absäbeln - mal mit der Drechselmaschine und mal mit der Kettensäge. Sein Vater (William Fichtner) könnte aus einem Robert-Crumb-Cartoon entlaufen sein, wenn er denn lieber kiffen würde, anstatt mit der Tresenschlampe Rona (Jamie Lee Curtis) zu knuddeln. Und Rona steht ohnehin mehr auf Heavy Metal und Sex mit dem einarmigen Jeff.

 

Bei so viel Abseitigkeit hat es Gomez leicht. Er braucht nur die Mainstreamgestalten aus der Mitte Amerikas entlangzufilmen wie an einem Ameisenhaufen. Die Konstellation aus Mord und Sühne hat sich Gomez zwar bei Claude Chabrol geborgt. Doch die giftige Spießeratmosphäre löst sich bald im Slapstick auf, der die emotional verödeten Freaks als Juxfiguren vorführt. Den Rest an Kaputtheit erledigt das mannschaftsdienlich agierende Ensemble, das zur Einstimmung auf die Dreharbeiten vermutlich einige Videoabende mit "Pulp Fiction" und "Get Shorty" verbracht hat.

 

Jedenfalls hassen alle Mona, weil sie ihren kruden Lebensentwürfen stets im Weg war: Die Liebelei ihres Ehemannes kommentiert sie mit einem Bratpfannen-Knock-out; und auch Jeffs Hand fehlt als Folge ihrer Filetierkünste. Entsprechend sind alle dankbar, als der blondierte Besen, mit dem sich Midler bis in ihre engen Leggings hinein prima identifiziert, endlich im Fluss verreckt. Aber das geschieht schon gleich zu Beginn. Insofern ist "Der Fall Mona" ein 90 Minuten langer, angenehm unverkrampfter Abspann nach einem dramatischen Intro, fast wie ein Allman-Brothers-Song. Fans von Quentin Tarantino werden das ziemlich kultig finden.

 

Harald Fricke

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der taz vom 11.5.2001

 

Der Fall Mona - Mordfall, Unfall oder Glücksfall?

USA 2000 - Originaltitel: Drowning Mona - Regie: Nick Gomez - Darsteller: Danny DeVito, Bette Midler, Neve Campbell, Jamie Lee Curtis, Casey Affleck, William Fichtner, Marcus Thomas, Will Ferrell, Peter Dobson, Kathleen Wilhoite - Länge: 95 min. - Start: 10.5.2001

 

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