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Factotum

Kennst Du diesen Chefarzttyp, der völlig von sich vereinnahmt ist? Der von der Bürde seiner Würde überwältigt würde, wüßte er nicht mühsam seine Schritte zu setzen. Der, öffnet er den Mund, Bedeutsames sagt, und zwar ins Leere. Er fokussiert Dich nicht. Du bist gar nicht da. Du müßtest Dein Knie anziehen und ihm in die Eier haun.

 

Im Kino hatte ich niemanden zum Haun. Es wurde mir zur Masoveranstaltung. 90 Minuten war er mit dem Chefgehabe im Bild, dieser Matt Dillon. Dabei sollte er den genialen Aushilfsjobber, Ficker, Säufer und Dichter Charles Bukowski verkörpern. Das Leben muß sein, und das Schreiben hat die Priorität, belehrt mich Matt Dillon. - Ai, ai, Sir, gewiß, ich sehs doch außerdem im Bild. Alles 1 zu 1, alles Doubletten. Und der bedeutende Regisseur Bent Hamer hat es mit "Factotum" in die Quinzaine geschafft. "Kitchen Stories" mochte ich doch, und den Matt Dillon als "Drugstore Cowboy" sowieso. Das war vor 16 Jahren gewesen. Wieso fixiere ich mich jetzt auf einen Hauptdarsteller, der sich angestrengt bemüht, dominant zu sein, aber genau das nicht bringt? Spannende Frage. Komme ich nach 90 Minuten nicht zur Diagnose, ist die Anamnesezeit vertan. Bin ich als Rezensent eventuell selbst Chef und Würdenbürdenträger?

 

Dann hab ichs. Ich komm mit dem Pseudomacho Matt nicht klar, weil ich nicht genug Frau bin. Denn im Film hecheln all die, die er Weiber nennt, hinter ihm her und gucken mit großen traurigen Augen, wenn sie ihm nicht mehr gut zum Ficken sind. Abgesehen vom Ficken sind Weiber zu nix gut. "Sehen wir doch den Tatsachen ins Auge. Ich lieb Dich nicht, Du liebst mich nicht. Also Schluß. Aus", verfügt er, und unterwürfig wagt die Frau den letzten Liebesblick.

 

Na klar. So hat es Bukowski geschrieben, aber nicht auf den Leib von Matt Dillon. So wie er den lieben langen Film hindurch immer das selbe Gesicht macht, das muß harte Arbeit sein. Diese Anspannung, sich in den endlosen Großaufnahmen zu verstellen, die Lippen verkniffen, die Augen irgendwo -, mein Gott der Mann ist ja sowas von zu. Ich glaub, ich muß Mitleid haben. Da hat jemand ein Problem.

 

Hm. Fragen wir mal so: die starre Mimik, die er bis zum Schluß durchhält, - kostet die ihm eventuell doch keine Anstrengung? Um beim Thema zu bleiben: der Chefarzt in der Psychiatrie (ein anderer als der am Anfang, der war von der Chirurgie), also der Chefpsychiater im Universitätskrankenhaus litt an einer Nervenerkrankung, die ihm Mienenspiel versagte. Die Patienten wußten von nichts. Sie konnten ihm soviel erzählen, wie sie wollten, an ihm, dem steinernen Gast, prallte Menschenleid ab. - Klar also, Matt hat ein Nervenleiden, der Arme. Oder aber, so kam mir ca. in der 70. Minute der Gedanke, war beim Lifting was schiefgelaufen? Hatte der Chefschönheitschirurg nur an Fotos gedacht und nicht an bewegte Bilder? Oder hatte er, der Lifter, darauf vertraut, daß Dillons Mimik schon hineindigitalisiert werde? - Mein Gott, ich sehe schon, ich werde mit diesen Fragen alleingelassen.

 

Da! es kommt noch was! Matt richtet das Wort an mich! Maßstab beim Schreiben soll nicht der Verleger sein oder der Lektor oder die Redakteurin, sondern einzig und allein: Ich. Das ist okay. In diesem Text kommt es dreizehnmal mal vor, das Wort Ich.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist so ähnlich auch erschienen in der taz

Zu diesem Film gibtís im archiv mehrere Texte

 

Factotum

Norwegen / Deutschland / USA 2005 - Regie: Bent Hamer - Darsteller: Matt Dillon, Lili Taylor, Marisa Tomei, Fisher Stevens, Didier Flamand, Adrienne Shelley, Karen Young, Tom Lyons, Matthew Feeney, Jim Westcott - FSK: ab 12 - Länge: 93 min. - Start: 8.12.2005

 

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