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Der ewige Gärtner
Ins
Herz des Selbsthasses
"City of
Kibera, so steht es im Presseheft
zu Fernando Meirelles' neuem Film "Der ewige Gärtner", "ist
eine unübersichtliche Shantytown, die sich auf eine Größe von
etwa 600 Hektar verteilt und etwa 800.000 Menschen Unterschlupf bietet".
Im größten Slum Afrikas herrscht eine katastrophale Unterversorgung.
Sanitäre Anlagen existieren nicht, die Abwässer werden aus den aus
Müll errichteten Hütten direkt in die Straßengräben geleitet.
Wasser- und Stromversorgung sind ebenfalls Fehlanzeige. Eine Eisenbahnstrecke
teilt Kibera in zwei Hälften und stellt die einzige Verbindung ins nahe
gelegene Nairobi, die Hauptstadt Kenias, dar. Doch die Mehrheit der in Kibera
lebenden Menschen ist zu arm, um sich die Fahrt mit der Bahn leisten zu können.
Zudem ist die Lebenserwartung in der Trabantenstadt nicht sehr hoch. Jeder sechste
Kenianer ist HIV-positiv; Experten schätzen die Quote in Kibera noch höher
ein.
Fernando Meirelles zeigte sich
während der Dreharbeiten schockiert. "Man kann es fast nicht glauben.
Aber ich würde sagen, dass Kibera tatsächlich noch schlimmer ist als
die Favelas von Rio, wo wir
,City of God' gedreht haben. Cesar Charlone
[Meirelles' Kameramann, d. Red.] und ich haben viel Zeit in den Favelas verbracht,
und doch war Kibera ein echter Schock für uns. Ich kann mir nicht einmal
vorstellen, was unsere britische Crew gedacht haben muss. Die Armut war ernüchternd."
Meirelles hat mit seinen bisherigen
Arbeiten, vor allem seiner ersten internationalen Produktion "City of God",
aber auch mit "Der ewige Gärtner", einen speziellen Blick auf
diese "ernüchternde" Armut entwickelt. Der gefeierte "City
of God", Meirelles' Visitenkarte für Hollywood, schilderte in einer
verschachtelten, Scorsese-würdigen Erzählung über mehrere Jahrzehnte
den Aufstieg einer Gruppe von Gettokids zu mächtigen Bandenbossen und deren
Fall. Den sozialen Hintergrund dieser flashigen Gangstergeschichte lieferte
die stetige Verelendung der brasilianischen Favelas.
Meirelles scheint sich mit "City
of God" tatsächlich als Experte für eine ganz bestimmte Art von
"Gettofilmen" empfohlen zu haben, und das nicht nur, weil er als Brasilianer
selbst aus einem Land stammt, das von einer wachsenden Bevölkerungsarmut
betroffen ist (Meirelles, nebenbei, ist ein Kind der Mittelschicht). "Der
ewige Gärtner" trägt deutlich seine kinematografische Handschrift.
Der soziale Realismus ist seine Sache jedoch nicht, auch wenn die Mobilität
von Charlones Kamera den Bildern eine dokumentarische Qualität unterstellt.
Eine nervöse Unruhe bestimmt diese Bilder; die Kamera findet kaum die Zeit,
einmal tiefschürfender zu beobachten. Expressive Nahaufnahmen verstärken
den Eindruck von Ruhelosigkeit in Meirelles' Inszenierung noch. Das Filmmaterial,
das er beim Drehen verwendet, ist zudem "schnell", was den Bildern
scharfe Farbkontraste und den Farben eine hypernaturalistische Sättigung
verleiht.
Für unsere von westlichen
Bildmedien trainierten Augen sieht "Der ewige Gärtner" - wie
schon dessen Vorgänger - verdammt gut aus: stark saturierte Farben, Farbfilter,
Jump-Cuts, körnige Bildstruktur. Diese Ästhetik der Dringlichkeit
ist für die Darstellung humanitärer Katastrophen ebenso instrumental
wie für ein hochkommerzielles Marketingprodukt wie ein Musikvideo, das
allein die Funktion der raschen Umsatzsteigerung hat. Nicht ganz zufällig
folgt diese Form der Inszenierung auch der inhärenten Logik von Benefiz-Spektakeln
wie "Live 8". In den letzten Jahren kam aus Hollywood nun eine ganze
Reihe von Filmen, die sich mit Afrika auseinander setzen - "Black
Hawk Down",
"Jenseits aller Grenzen", "Tränen der Sonne", "Hotel
Ruanda",
"Die Dolmetscherin", um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen. Sie haben
alle mit ähnlichen ästhetischen wie politischen Indifferenzen zu kämpfen.
Meirelles' "Der ewige Gärtner",
nach einem Roman von Thriller-Autor John Le Carré, ist ein exemplarischer
Vertreter dieser Spezies von Filmen, die das Verhältnis der westlichen
Industrienationen zu Afrika zu erklären versuchen - und wie üblich
mehr über den Westen selbst sagen als über die spezifische Situation
Afrikas. In "Der ewige Gärtner" gibt es einen kurzen Moment,
der dieses Verhältnis sehr schön kommentiert. Er passiert fast unmerklich
durch eine geschmeidige Montage in der digitalen Domäne: Die Kamera schwenkt
vom sauber manikürten Grün eines britischen Golf-Clubs in Nairobi
übergangslos auf eine sich schier unendlich erstreckende Hüttensiedlung
von Kibera. Die digitale Technik ist auch hier ein Segen: Sie kann spielerisch
nicht zu überbrückende koloniale Gegensätze vereinen oder - wie
im Angelina-Jolie-Vehikel "Jenseits aller Grenzen" - die ausgestellte
Massenarmut zu epischen Elendsornamenten überhöhen.
Le Carré hat sich in seinem
Roman die Machenschaften der internationalen Pharmaindustrie in Afrika vorgenommen
und beschreibt diese entlang der tragischen Liebesgeschichte des britischen
Diplomaten Justin Quayle (Ralph Fiennes) und seiner Frau Tessa (Rachel Weisz),
einer politischen Aktivistin. Wie schon in "City of God" erzählt
Meirelles seine Geschichte nicht linear, denn Tessa ist bereits tot, bevor der
Film richtig angefangen hat; ermordet im kenianischen Niemandsland. Ein Verbrechen
aus Leidenschaft, so die offizielle Version. Ihr enger Freund und Begleiter
Arnold Bluhm (Hubert Koundé), der in Kibera eine Krankenstation leitet,
ist verschwunden.
Die Nachricht vom Tod seiner Frau
reißt Justin, einen von Natur aus passiven und wenig ambitionierten Staatsdiener,
aus seiner Lethargie. Es sind zunächst die Gerüchte um eine Affäre
mit dem Afrikaner Bluhm, die ihn zu Nachforschungen bewegen. Justin weiß
im Grunde sehr wenig über seine Frau, die ihm in ihrer lebhaften Art immer
etwas fremd geblieben ist. Erst ihr Tod gibt ihm die Möglichkeit, sich
mit seiner Beziehung zu Tessa zum ersten Mal wirklich auseinander zu setzen.
Und je näher er seiner Frau dabei kommt, je intensiver er sie auf seiner
Reise in die Vergangenheit ein zweites Mal zu lieben beginnt, desto tiefer verstrickt
er sich in eine internationale Verschwörung von Pharmaindustrie, kenianischer
Regierung und seinem Arbeitgeber, der britischen High Commission, die sich stillschweigend
darauf geeinigt haben, Kenia in ein Versuchslabor für ein neues experimentelles
Medikament zu verwandeln, das im Erfolgsfall Milliardenprofite verspricht.
Mit seiner geopolitisch verzahnten
und hochmoralischen Konstruktion reiht sich "Der ewige Gärtner"
nahtlos in das historische Kontinuum der (post-)kolonialen Erzähltradition
ein. Zwei entscheidende Faktoren konstituieren in dieser Tradition das westliche
Bild von der so genannten Dritten Welt: Die "koloniale Erfahrung"
wird, stellvertretend für die zumeist anonyme Bevölkerung, noch einmal
durch den europäischen/amerikanischen Besucher durchlebt. Im Kontext eines
westlichen Unterhaltungsprodukts mag dies noch als Konzessionsentscheidung verzeihlich
sein. Sie bringt jedoch Probleme mit sich.
Dies wird besonders deutlich in
Filmen wie "Tränen der Sonne" (Bruce Willis rettet als Anführer
einer Truppe von Elitesoldaten gegen den Befehl seiner Obersten 70 nigerianische
Flüchtlinge und gibt dem Volk nebenbei seinen rechtmäßigen Thronfolger
zurück) und "Black Hawk Down", in denen humanitäre Hilfe
nur noch auf taktische Kriegseinsätze (im Zusammenhang mit humanitären
Einsätzen haben Schlagworte wie "ethnische Säuberung", "Milizen"
oder "Warlords" eine zentrale Funktion übernommen) reduziert
wird. Wie die Junge Welt anlässlich von "Tränen der Sonne"
ganz richtig bemerkte, geht der humanitäre Blick im aktuellen Hollywoodfilm
durch das Zielfernrohr oder aus dem Kampfhubschrauber. Ein militaristischer
Ton bestimmt die Rhetorik humanitärer Hilfe.
Der zweite konstitutive Faktor
der (post-)kolonialen Erzählung ist die Unterdrückung der historischen
Zusammenhänge von kolonialer Geschichte und aktueller humanitärer
Katastrophe. In "Hotel Ruanda" wird die Vorgeschichte des ethnischen
Konflikts in Ruanda, der belgische Machteinfluss auf die politischen Geschicke
des Landes, in einem einzigen Satz - bezeichnenderweise an der Hotelbar - zusammengefasst.
Dies ist besonders gravierend, da die kolonialen Strukturen in "Hotel Ruanda"
noch evident sind. Nur dank seines heißen Drahts ins belgische Hauptquartier
seiner Hotelkette gelingt es Paul Rusesabagina (Don Cheadle), Zeit gegenüber
den ruandischen Milizen herauszuschinden. Das Leben des Afrikaners hängt
immer noch vom Gutdünken des (ehemaligen) Kolonialherren (in diesem Fall Jean Reno) ab.
Im Mainstreamkino hat sich in
den vergangenen 15 Jahren ein Paradigmenwechsel vollzogen. In den Achtzigerjahren
waren Kriegsreporterfilme und Politthriller das gängige Format, um kritisch
über den Einfluss der westlichen Regierungen - meist die amerikanische
- in "politisch instabilen" Regionen zu erzählen ("Under
Fire", "Killing Fields", "Salvador", "Missing", "Ein Jahr in der
Hölle"). Das Stadium einer kritischen Reflexion der Folgen der westlichen
Kolonialpolitik, wie sie etwa in der Videokunst - nicht zuletzt aufgrund der
weniger hierarchischen Verteilung von Produktionsmitteln - längst Praxis
ist, ist in den Neunzigern schlicht übersprungen wurden.
Heute ist in den westlichen Filmproduktionen
dafür ein intuitiver Schuldaffekt zu beobachten. Im Kino verkörpern
weiße Identifikationsfiguren wie Angelina Jolie oder Nick Nolte als zerknirschter
Blauhelm-Kommandant in "Hotel Ruanda" dieses schlechte Gewissen. Wenn
Nolte Cheadles Charakter erklärt "Für die in der UN seid ihr
noch weniger als Nigger - ihr seid Afrikaner", spricht aus seiner Figur
auch ein uneingestandener Selbsthass für die Vernachlässigung, der
das Verhältnis des Westens zu Afrika weiter belastet.
Unser schlechtes Gewissen ist
auch in "Der ewige Gärtner" wohl gebettet. (Das deutsche Presseheft
ist ein kleiner Wälzer von über 50 Seiten, der sich liest wie ein
UN-Report zur Lage Afrikas.) Das Liebesdrama macht die humanitäre Katastrophe
für Justin erst erfahrbar. Der defätistische Beamte ("God has
already left Africa", sagt Bruce Willis in "Tränen der Sonne"
zu einem Priester) durchläuft seinen Prozess der Politisierung parallel
zur Revitalisierung der eigenen Gefühlswelt. Doch muss man Meirelles auch
zugute halten, dass Afrika für ihn kein abstraktes Endzeitszenario oder
gar ein mythisches Anderes darstellt. Meirelles legt in "Der ewige Gärtner"
großen Wert auf akkurate Repräsentation ethnischer Identitäten
und selbst geografische Charakteristika.
So fest Meirelles' Film auch in
überkommenen Erzähltraditionen verankert ist, so unmissverständlich
positioniert sich "Der ewige Gärtner" zur Situation Kenias und
dem dortigen Einfluss der britischen Politik - interessanterweise ist der Film
mit beträchtlichen Mitteln vom British Lottery Fund unterstützt worden,
der auch eine potente Stiftung zum Schutze des britischen Kulturerbes ins Leben
gerufen hat; das koloniale Erbe des Commonwealth ist nun in "Der ewige
Gärtner" zu bestaunen. Wie der Film engagiert vor Augen führt,
hat die Hungerkatastrophe in Afrika nichts mit menschlichem Versagen zu tun;
sie ist schlicht aus ökonomischen Erwägungen erwachsen und damit strukturell
kapitalistisch bedingt. Den Zynismus dieser Weltordnung bringt ein Freund Justins
im Film treffend auf den Punkt: "Es gibt keine Morde in Afrika. Nur bedauerliche
Todesfälle."
Andreas Busche
Dieser Text
ist zuerst erschienen in der taz vom 12.1.2006
Der ewige Gärtner
Großbritannien / Kenia / Deutschland 2005 - Originaltitel: The Constant Gardener - Regie: Fernando Meirelles - Darsteller: Ralph Fiennes, Rachel Weisz, Danny Huston, Bill Nighy - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 128 min. - Start: 12.1.2006
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