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Ekel

 

Abgründe

 

Aus Anlass der Neuveröffentlichung einer Edition mit einer Bluray und 2 DVDs bei Pierrot Le Fou (siehe unten)

 

Wir schauen in diese verzweifelten, ängstlichen Augen einer Frau, während der Vorspann des Films abläuft. Was in Kopf und Herz dieser jungen Frau namens Carole Ledoux (Catherine Deneuve) vorgeht, die aus Belgien stammt und mit ihrer Schwester Hélène (Yvonne Furneaux) in London lebt, werden wir bis zum Schluss des Films nicht erfahren. Am Schluss sehen wir Carole wieder, auf einem Foto als junges Mädchen innerhalb des Familienkreises. Auf diesem Bild schaut sie fast abwesend und nur flüchtig zu ihrem Vater.

 

Polanskis erster im Westen gedrehter Film – bekannt wurde der Regisseur durch den noch in Polen gedrehten Streifen „Das Messer im Wasser“ (1962) – führt sein Publikum in die inneren Abgründe einer äußerlich schüchtern, verschlossen wirkenden Frau, die offenbar nur in ihrer Schwester Halt findet. Carole arbeitet in einem Kosmetiksalon, deren Besitzerin Madame Denise (Valerie Taylor) zunächst viel Verständnis für Carole zeigt. In der Anfangsszene schwenkt die Kamera Gilbert Taylors, der u.a. auch Polanskis „Wenn Katelbach kommt“ (1966) und „Macbeth“ (1971), „Omen I und II“ (1976 und 1978) sowie George Lucas' „Star Wars“ (1977) fotografierte, von den Augen Caroles zur Großaufnahme der jungen Frau. Eine Kundin liegt mit Gesichtsmaske vor ihr auf einer Liege. Carole ist völlig in Gedanken versunken, die Kundin liegt bewegungslos da wie eine Leiche.

 

Schon hier deutet Polanski die Abgeschlossenheit und den Schrecken an, der in Carole Platz gegriffen hat, wie lange schon, wissen wir nicht. Nur wenn sich Carole zwischen Wohnung und Kosmetikstudio bewegt, scheint Leben in ihr Leben zu kommen, aber dieser Schein trügt. Denn Carole bekommt kaum etwas von dem mit, was sich in den lebhaften Straßen der Metropole abspielt, sich in ihrem Innern aber nicht spiegeln kann.

 

Niemand darf Carole zu nahe treten, auch Colin (John Fraser) nicht, ein junger Mann, der gerne ihr Liebhaber wäre und der sich von Bekannten im Pub, John (James Villiers) und Reggie (Hugh Futcher), anhören muss, was er doch für ein Dummkopf sei, von dieser schwierigen Frau her nicht abzulassen. Carole hasst offensichtlich Männer. Ihr Hass manifestiert sich zunächst nicht in Aggressionen oder Wutausbrüchen. Sie distanziert sich körperlich, durch Blicke, durch Schweigen. Sie hasst auch Michael (Ian Hendry), den verheirateten Freund ihrer Schwester, der sich bei Hélène immer öfter einquartiert, sein Rasiermesser und seine Zahnbürste in Caroles Glas im Badezimmer stellt. Und sie hasst es, nachts zuhören zu müssen, wie ihre Schwester vor Lust stöhnt. Sie putzt sich die Zähne, nachdem Colin sie im Auto geküsst hat, angeekelt.

 

Als Hélène Carole ankündigt, sie und Michael würden für zehn Tage in Italien Urlaub machen, ergreift Carole innere Panik. Hélène versteht Carole nicht; sie erkennt, dass ihre jüngere Schwester anders ist als andere Frauen in ihrem Alter. Aber sie begreift nicht, dass hinter Caroles Verschlossenheit und Schüchternheit sich Abgründe auftun, die zu einer Katastrophe führen können.

 

Carole verbarrikadiert sich in der Wohnung, nachdem Hélène und Michael weggefahren sind, geht nur selten ans Telefon, bringt dem Vermieter nicht das Geld für die Miete, wie es Hélène ihr aufgetragen hat, geht nicht mehr zur Arbeit, lässt Colin nicht herein, als der vor ihrer Haustür steht und Klarheit verlangt.

 

Immer mehr zieht Polanski den Zuschauer in die inneren Abgründe Caroles hinein, die zwischen Wirklichkeit und Wahn nicht mehr unterscheiden kann. Nachts phantasiert sie immer wieder die Vergewaltigung durch einen schemenhaft zu sehenden Mann. In den Wänden zeigen sich Risse, aus den Wänden greifen Hände nach Carole, die Badewanne läuft über, im Spiegel sieht sie einen Mann. Die Wohnung, in die kaum noch Licht fällt, verändert sich immer deutlicher zu einem Raum, der sich dem inneren Zustand Caroles anpasst. Der Seelenzustand der jungen Frau greift Platz, dehnt sich aus, und dieser Raum wird zugleich zum Ort der Bedrohung wie der Existenzangst. Alles was von außen kommt, das Phantasierte wie das Reale, wird zur Bedrohung.

 

Nur ab und an, fast unmerklich, dringt ein Blick Caroles nach außen. Da spielen Kinder irgendwo gegenüber auf einem Hof. Ein Lichtblick sozusagen, ein Hauch von Erinnerung vielleicht, möglicherweise auch ein tief sitzender Wunsch und eine quälende Enttäuschung im Hinblick auf die eigene Kindheit, die sich ansonsten nur sporadisch und rätselhaft in alten Fotografien manifestiert.

 

Ein Kaninchen, das Carole aus dem Kühlschrank nimmt und irgendwo in der Wohnung abstellt, deutet den Verfall an, der sich breit macht. Fliegen machen sich an dem toten Tier zu schaffen. Die Wohnung wird zum Raum des Ungeordneten und des Wahns.

 

Erst Colin, dann der Vermieter (Patrick Wymark) verschaffen sich gewaltsam Zutritt zur Wohnung. Colin tritt die Tür ein, die Carole später mit einem Brett aus einem Regal wieder notdürftig verschließt. Der eine will Zuneigung, der andere Geld, der eine will verstehen, der andere, nachdem Carole ihm den Briefumschlag mit der Miete gegeben hat, sich ihrer bemächtigen.

 

Das Auge verwandelt sich in dieser Geschichte zu einer Art Waffe, zum Mittel der Verteidigung gegen die vermeintlichen oder tatsächlichen, realen oder fiktiven Bedrohungen einer Außenwelt, die Carole hasst, aber nicht verlassen will und kann. Das Tote andererseits gerät zum Zentrum in ihrem Leben, das tote, verwesende Kaninchen ebenso wie ihre Opfer oder die nur noch auf Fotos zu sehenden Familienmitglieder, in Zelluloid erstarrte Personen einer Vergangenheit, über die wir nichts wissen. Das als ekelhaft Ausgemachte zieht sie an und stößt sie zugleich ab. Das Gegenwärtige ist zugleich das Widerwärtige und Anziehende. Eine Kollegin findet in Caroles Handtasche ein Stück von dem verwesenden Kaninchen. Carole riecht an einem Unterhemd ihrer Schwester und schmeißt es dann angewidert auf den Boden.

 

Polanski und Taylor ziehen uns in diesen Strudel, einen Strudel der Angst, des Widerwillens, des Widerwärtigen und einer schier unfassbaren Attraktion des Todes, ausgelöst durch etwas, das wir nicht kennen, von dem wir nur wissen, das es länger zurückliegen muss, wahrscheinlich in der Kindheit. „Ekel“ bemächtigt sich unser, in Bildern, die konzentriert wirken und immer am Thema verhaftet bleiben, für den Betrachter keinen Ausweg erkennen lassen oder gar anbieten. Damit aber wird diese Geschichte zu einer, die Carole nicht als Außenseiterin oder Fremde erscheinen lässt, zumal gerade die Unklarheit, in der uns Polanski über die Ursachen der Psychose belässt, uns zwingt, über diesen Wahn, Carole, ihre Umgebung und über Carole als Mörderin nachzudenken.

 

Für Catherine Deneuve war „Ekel“ der Film, der sie aus dem von den Medien lancierten Bild der nur schönen Blonden entließ, sie als Charakterschauspielerin von Format bekannt machte. Geradezu minimalistisch verkörpert sie Carole in ihrem Wahn, ihrer Angst und inneren Unruhe.

 

D V D von McOne, Erscheinungsdatum: 23.8.2004

 

DVD Bildformat: 1.85:1 Anamorphic Widescreen 16:9

Ländercode 2

Extras: Trailer; Fotogalerie; Biografien

Untertitel: keine

Ton: Deutsch, Dolby Digital 2.0 Mono

Englisch, Dolby Digital 2.0 Mono

 

Der McOne media cooperation one ist es zu verdanken, dass „Ekel“ und auch Polanskis „Das Messer im Wasser“ jetzt endlich (23.8.2004) auf DVD veröffentlicht wurden (Preis: ca. 17 Euro). Im Verhältnis zum Alter des Films kann man sich über Bild und Ton schwerlich beklagten. Verschmutzungen und kleinere Defekte stören den Genuss des Films nicht. Auch dass der Ton nur im Mono-Format vorliegt, dürfte Liebhaber des Films kaum vom Kauf abhalten. Und auch, dass die DVD ohne Untertitel daherkommt, spielt eigentlich keine Rolle bei einem Film, bei dem Dialoge nicht annähernd eine so große Rolle spielen wie die intensiven Bilder.

 

Was allerdings zu bemängeln ist, ist die Zusatzausstattung. Außer Trailer, Fotogalerien und den ebenso üblichen Biografien sucht man vergeblich nach Making of, Interviews oder ähnlichem. Hier wurde die Chance verpasst, einem der bekanntesten und besten Regisseure gerecht zu werden, der bereits in seinen Erstlingswerken sein Können an den Tag legte. Das Konzept von McOne scheint es zu sein, solche Filme auf preisgünstigen DVDs zu präsentieren und deshalb auf Bonusmaterial zu verzichten, während in den USA und Großbritannien Firmen wie Anchor Bay und Criterion nicht die Mühe scheuen, solche Filme mit umfangreichen Bonus-Material auszustatten. „Das Messer im Wasser“ z.B. veröffentlichte Criterion in einer Box mit zwei DVDs zum Preis von 35,96 Dollar. In dieser Box finden sich Interviews mit Polanski und Co-Autor Jerzy Skolimowski sowie acht frühe Kurzfilme von Polanski.

 

Ebenso zu bemängeln ist, dass „Ekel“ noch immer mit einer FSK-18-Einstufung versehen ist – völlig unverständlich, weil McOne durchaus in der Lage gewesen wäre, den Film der FSK erneut zur Prüfung vorzulegen, um eine Einstufung als FSK-16 zu erhalten. Denn „Ekel“ kann – fast 40 Jahre nach seinem Erscheinen – sicherlich nicht mehr den strengen Anforderungen der damaligen Zeit unterworfen werden, insbesondere auch nicht im Vergleich zu so manchen heutzutage als FSK-16 freigegebenen Filmen.

 

Wertung Film: 10 von 10 Punkten.

Prädikat: Besonders wertvoll.

Wertung McOne-DVD: 7,5 von 10 Punkten.

 

Ulrich Behrens

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen bei: Posdole

© Ulrich Behrens 2004

 

 

•Box mit 2 D V Ds und 1 Bluray von Pierrot Le Fou; Erscheinungsdatum: 27.4.2012

 

Technische Daten:

Originaltitel: Repulsion

Produktionsland + -jahr: Großbritannien, 1965

Genre: Thriller

Ton DVD: Deutsch (DD 2.0), Englisch (DD 2.0)

Ton BD: Deutsch (DD 2.0), Englisch  (DD 2.0)

Untertitel: Deutsch
Bild DVD: 1,77:1

Bild BD: 1,77:1 (1080p)

Laufzeit: ca. 100 Min. (DVD), 103 Min. (BD)
FSK: 16

Bonus:: Audiokommentar mit Roman Polanski und Catherine Deneuve

Extra-DVD: Dokumentation über EKEL "A British Horror Film", Interview mit Kameramann Stanley Long, Original Kinotrailer, Trailer

 

Die im April 2012 erschienene 3 Disc Special Edition von Pierrot Le Fou (Neupreis ca. 21,99 €) umfasst je eine Bluray-Disc und eine DVD mit Polanskis Film "Ekel" und zusätzlich eine Bonus DVD mit dem informativen Dokumentarfilm "A British Horror Film", einem Interview mit dem 2.Kameramann sowie Trailern des Films. Eine schöne Erweiterung gegenüber der inzwischen 8 Jahre alten ersten deutschen DVD-Ausgabe besteht in dem zuschaltbaren Audiokommentar von Roman Polanski und Catherine Deneuve, gleichzeitiges Manko dabei ist jedoch, dass die Audiospur dieses Kommentars nicht untertitelt werden kann, man also mit schwachen Englischkenntnissen keinen Vorteil gegenüber etwa der britischen DVD von Anchor Bay, dessen Audiokommentarspur hier offenbar übernommen wurde, erlangt. Ein weiterer Schwachpunkt der ansonsten sorgfältigen Edition liegt in der deutschen Untertitelung der Haupt-DVD: alle Umlaute sind in den Untertiteln fehlerhaft durch andere Zeichen ersetzt, was die Lesbarkeit deutlich erschwert. Die deutsche Untertitelung der Extra-DVD hingegen ist fehlerfrei.

Über die Bluray kann hier nichts gesagt werden, weil in der Testphase kein Bluray-Player zurt Verfügung stand.

 

Andreas Thomas, 14.4.2012

 

Zu diesem Film gibt's im archiv der filmzentrale mehrere Kritiken

 

Ekel

(Repulsion)

Großbritannien 1965, 104 Minuten

Regie: Roman Polanski

Drehbuch: Roman Polanski, Gérard Brach

Musik: Chico Hamilton

Director of Photography: Gilbert Taylor

Schnitt: Alastair McIntyre

Produktionsdesign: Seamus Flannery

Darsteller: Catherine Deneuve (Carole Ledoux), Ian Hendry (Michael), John Fraser (Colin), Yvonne Furneaux (Hélène Ledoux), Patrick Wymark (Vermieter), Renee Houston (Miss Balch), Valerie Taylor (Madame Denise), James Villiers (John), Helen Fraser (Bridget), Hugh Futcher (Reggie)

 

 

 

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