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Einer flog über das Kuckucksnest
In seinem Meisterwerk „Amadeus“ zeigte Milos Forman 1984 zwei völlig
unterschiedliche Menschen: den egozentrischen, selbstverliebten,
verbissenen und gerissenen Salieri hier, den lebenslustigen, jeglicher
Konvention gegenüber zweifelnden Mozart. Auf beiden Seiten stellte sich
Wahnsinn ein: auf seiten Salieris der Wahnsinn der Anmaßung, auf seiten
Mozarts der des musikalischen Genies. Würde man beide Charaktere als
Repräsentanten sozialer Mechanismen verstehen, könnte man vom Gegensatz
von Macht und Phantasie, produktivem Chaos und lebloser Ordnung sprechen.
F. Murray Abrahams Salieri und Tom Hulces Amadeus allerdings bezogen sich
aufeinander, mussten sich aufeinander beziehen, ob sie es wollten oder
nicht. Denn sie waren gewissermaßen beide Produkte einer ständischen
Gesellschaft. Ihr Handeln und Denken gruppierte sich um die gleichen
Dinge, vollzog sich in ein und demselben Machtgefüge der
österreichisch-ungarischen Monarchie. Die Angst vor der Revolution und die Sehnsucht nach Neuem (hier
der Musik Mozarts) trieb den (Reform-)Kaiser Joseph II. mal auf die Seite
Salieris, mal auf die des Komponisten.
Man könnte dies auch als eine Art personelle wie soziale
Auseinandersetzung zwischen Individualität und Zwang, Subjektivität und
Ordnung begreifen, Gegensätze, die Forman bereits früher zum Inhalt eines
inzwischen als Klassiker geltenden filmischen Meisterwerks gemacht hatte,
der Geschichte von McMurphy in „Einer flog über das Kuckucksnest“. Die
Verhältnisse zwischen dem nach Freiheit dürstenden Individuum und der
vorgegebenen Ordnung sind in beiden Filmen zwar unterschiedlich
ausgeprägt, aber doch vergleichbar.
• I N H A L T •
„Unzucht“ lautet der Vorwurf, der den eigensinnigen und lebhaften,
wortgewandten und intelligenten Randle Patrick McMurphy (Jack Nicholson)
in eine psychiatrische Anstalt bringt, in der er auf seinen
„Geisteszustand“ untersucht werden soll. Irgendwie hat er es geschafft, hierher statt ins Gefängnis zu
kommen. McMurphy hatte Sex mit einer Minderjährigen; er behauptet, dies
nicht gewusst zu haben. Das Mädchen habe ausgesehen wie 18. Zudem wurde
McMurphy „unehrenhaft“ aus der Armee entlassen, war in etliche
Schlägereien verwickelt und des öfteren alkoholisiert.
Der Leiter der Anstalt Dr. Spivey (Dean R. Brooks) bekommt McMurphys
intelligente und extrem emotional bestimmte Mentalität als erster zu
spüren. Er ist ihm intellektuell kaum gewachsen. McMurphy wird in eine
Abteilung mit „leichten“ und „schweren“ Fällen verlegt, die von der
unnahbaren Schwester Mildred Ratched (Louise Fletcher in einer
grandios-erschreckenden Rolle) geleitet wird. Einen ersten Eindruck von
Ratched erhält McMurphy in einer der täglichen Gruppensitzungen, in der
Patient Harding (William Redfield) erzählen soll, warum er gegen seine
Frau den Verdacht des sexuellen Betrugs hegt. Andere Patienten können die
Geschichte schon nicht mehr hören, vor allem Taber (Christopher Lloyd)
nicht, der sich Harding gegenüber aggressiv verhält. Ratched dagegen ist
nicht aus der Ruhe zu bringen.
Wir treffen auf andere Patienten, den ständig grinsenden Martini (Danny
DeVito), Bancini (Josip Elic), der des öfteren angeschnallt zu sehen ist,
Cheswick (Sydney Lassick), der nicht verstehen kann, warum ihm Schwester
Ratched die Zigaretten weggenommen hat und deshalb außer sich gerät, den
schweigenden und in sich gekehrten vollbärtigen Scanlon (Delos V. Smith
Jr.), den jungen stotternden Billy Bibbit (Brad Dourif), der McMurphy
sehr sympathisch findet, und last but not least Häuptling Bromden (Will
Sampson), der taubstumm sein soll.
McMurphy ist von Anfang an darauf aus, sich nicht in den penibel von
Ratched vorgegebenen und streng überwachten Tagesablauf zu integrieren.
Als er auf Chief Bromden trifft, versucht er, ihm Basketball
beizubringen. Weder Patienten, noch Pfleger und Aufseher glauben, dass
McMurphy irgendeine Chance hat, den Chief zu irgend etwas zu bewegen. Sie
irren sich gewaltig. Doch McMurphy will mehr. Er mischt sich in das
Kartenspiel der anderen ein und beginnt, Wetten abzuschließen.
Zahlungsmittel sind Zigaretten. Und das ist Grund genug für Ratched, die
Zigaretten zu konfiszieren und zu rationieren.
McMurphy will durchsetzen, den Tagesablauf zu ändern. Er schlägt vor,
abends ein Basketballspiel im Fernsehen anzuschauen. Aber die Mehrheit
der Gruppe stimmt aus Angst vor Ratched und möglichen Repressalien nicht
für ihn.
Schließlich fährt McMurphy schwerere Geschütze auf: Er bringt sich in
den Besitz des Busses der Anstalt und fährt mit einigen der Patienten ans
Meer, nimmt sich dort ein Boot und gibt gegenüber dem Bootsverleiher an,
er und die anderen seien Ärzte. Die Patienten fahren hinaus und angeln,
während McMurphy mit einer „alten Bekannten“, Candy (Mews Small), in der
Kajüte Sex haben will.
McMurphy ist fest entschlossen, Ratched als Verkörperung der
unmenschlichen Bedingungen in der Anstalt zu entthronen und mit Chief
Bromden zu flüchten. Die Situation spitzt sich zu, als McMurphy Schwester
Ratcheds Ordnung endgültig zerstören will, indem er Candy und eine
weitere „alte Bekannte“, Rose (Louisa Moritz), samt Alkohol zu einem
nächtlichen Fest auf die Station holt ...
• I N S Z E N I E R U N G •
Wer definiert, was „normal“ ist? Wer dies definiert, hat
Definitionsmacht. Wer Definitionsmacht besitzt, hat allgemein Macht. Wer
Macht hat, muss die Möglichkeiten haben, sie auch durchzusetzen. Diese
Möglichkeiten werden nicht nur durch den Besitz von Geld und die
Kontrolle über Gewalt(apparate) bestimmt, sondern auch durch die
Definition dessen, was Gesellschaft ist, wie sie zu funktionieren hat und
wie sie (angeblich) auf keinen Fall funktionieren kann. Die Katze beißt
sich scheinbar in den Schwanz. Aber Macht ist nicht so sehr die
Gewaltausübung einer herrschenden Klasse, Kaste oder Nomenklatura
gegenüber anderen, die keine Macht haben (also ein strikt „linearer“
Kausalzusammenhang), sondern eher das Zentrum, um das sich eine
Gesellschaft gruppiert (Foucault), in der Ohnmacht und Widerstand nur die
andere Seite der Medaille der Macht darstellen („zirkulärer“ oder
netzwerkartiger Kontext von Macht).
Eine schwierige Gesellschaft, in der wir leben, zumal sich die Frage
stellt, ob es in einer Demokratie Diktatur geben kann. Definitionsmäßig
ist dies ausgeschlossen, und alles, was möglicherweise danach riecht –
nach Diktatur, Fremdbestimmung, Unterdrückung –, wird strukturell als
„besonderes Gewaltverhältnis“ definiert, dem eine demokratische Bestimmung zugesprochen wird:
Gefängnissen, Gewaltapparaten wie Polizei und Militär – und
psychiatrischen Anstalten.
Gerade hier, in einer geschlossenen Abteilung, aber auch, wie der Film
zeigt, unter Bedingungen, in denen einige Patienten „freiwillig“ sich
einer Behandlung unterziehen, überkreuzen sich die Parameter von Freiheit
und Demokratie hier, Zwang und Diktatur dort in manchmal kaum auflösbarer
Weise. Die Grenzen scheinen zu verschwimmen.
McMurphy ist von Anfang an – trotz des Eingesperrtseins – ein freier
Mann. Das klingt paradox. Aber seine Freiheit ist die des Geistes, der
Seele, des Charakters, die keine noch so gesicherte Anstalt zerstören
kann – es sei denn durch physische respektive psychische Zerstörung.
Schwester Ratched begreift die Gefährlichkeit McMurphys sehr schnell.
McMurphy ist kein Maschinenstürmer, sondern eine „strukturelle“ Gefahr.
Er unternimmt alles, um in die Zwangsanstalt, in der mit Elektroschocks,
psychischer Indoktrination über das vermeintlich „Richtige“, „Normale“
gearbeitet wird, etwas hinein zu bringen, was die Ordnung nach Ansicht
ihrer Vertreter zerstören würde: Vitalität, Phantasie, Lebenslust. Die
Busfahrt, das Basketballspiel, Kartenspielen, Feste feiern,
Meisterschaften im Basketball im Fernsehen anschauen, Billy Bibbit mit
einer Frau zusammenbringen – all das sind unter „normalen“ Bedingungen
außerhalb der Anstalt „normale“ Lebensäußerungen. In der Anstalt bedrohen
sie die Ordnung, die Ziele der Behandlung usw.
Billy Bibbit stottert. Ratched ist mit seiner Mutter befreundet,
einer – wie zu vermuten ist – Übermutter, einer herrschsüchtigen Frau,
und Ratched erfüllt in der Psychiatrie gegenüber Billy die gleiche
Funktion. So wird er nie aufhören zu stottern. McMurphy spürt dies genau
und er sperrt Billy mit Candy in einen Raum, damit er mit ihr schläft.
Danach stottert Billy nicht mehr.
Auch Chief Bromden, der Taubstumme, der Verweigerer, ist dem rauen,
dauernd an Alkohol und Frauen denkenden McMurphy ans Herz gewachsen. Er
bringt den Chief nicht nur zum Sprechen; er zeigt ihm mit einfachsten
Mitteln, wieder ins Leben zurückzufinden. McMurphy muntert die Patienten
der Station auf. Als er dem Bootsverleiher gegenüber sich und die anderen
als Dr. Martini, Dr. Cheswick usw. vorstellt, dient dies nicht nur dazu,
sich gegenüber dem skeptischen Bootsverleiher Respekt zu verschaffen. Er
stellt seine Mitpatienten sozusagen auf eine angemessene, auf eine
menschliche Stufe.
Doch McMurphys Verhalten, Denken und Fühlen ist nicht die eines
Revolutionärs, er ist kein Held, keine Lichtgestalt, kein
widerspruchsloser Fahnenträger des Umsturzes. McMurphy schwankt zwischen
der Sehnsucht, dieser Anstalt nach Kanada zu entkommen und der tief
empfundenen Solidarität mit dem Schicksal der anderen. Mehrmals hat er
die Möglichkeit zu fliehen – und bleibt. Damit wird er quasi zum
Anti-Revolutionär, und zwar in dem Sinn, dass er nicht eine „andere“ Welt
gegen die bestehende setzt, sondern auf tragische Weise erkennen muss,
dass es nur eine, nämlich diese Welt gibt, in der sich etwas verändert
oder eben nicht. McMurphy kalkuliert mit dem Tod, auch seinem eigenen.
Der Chief hat dies ebenfalls erkannt und handelt dementsprechend.
Auf der anderen Seite steht Schwester Ratched als Sinnbild, ja geradezu
Ausgeburt des Asexuellen, des Lustlosen in einem weiten Sinne, des
Unerotischen, der Macht einer Vernunft und eines Verstandes, die den Tod
ebenfalls einkalkuliert: den der anderen. Ratched ist ein Mensch, den man
als Menschenschnitzer bezeichnen könnte. Sie hat einen Plan, der
prinzipiell nicht hinterfragt werden darf, also als Ausdruck von
„Normalität“ gilt. Dieser Plan ist bis in die letzten Winkel des Lebens der Insassen ausgetüftelt und
beherrscht ihren Tagesablauf wie ihre „Heilung“. Hier wird die
Psychologie zur Menschenschnitzerei, zur Produktion von Menschen, die
sich der Normalität à la Ratched und dem System, das sie repräsentiert,
völlig zu unterwerfen haben. Die Herrschaft eines eiskalten Verstandes,
einer alles Vitale tötenden Vernunft ist zu allem bereit.
Hat McMurphy – haben McMurphys eine Chance gegen dieses System? Was sich
innerhalb der Anstalt abspielt, ist nicht so weit von dem entfernt, was
außerhalb stattfindet, wie man vielleicht glauben mag. Das „Innen“ ist
nur eine zugespitzte Form des „Außen“, auch wenn die Chancen außerhalb
vielleicht größer erscheinen oder sein mögen, die Brutalität zu
bekämpfen. In dem, was in der Anstalt passiert, drückt sich allerdings
noch ein anderes Problem aus: Wie geht man mit denen um, die für
nicht-normal erklärt werden? Wie gehen sie mit uns um und welche
Schlussfolgerungen wären daraus zu ziehen. Gegenüber dem Chief und Billy
Bibbit zeigt Forman über McMurphy deutlich, was getan werden kann. Bei
anderen ist dies schwieriger. In McMurphys Verhalten den beiden gegenüber
drückt sich allerdings schon etwas aus, was im Kern der Lösung des
Problems nahe kommt: Er verhält sich gegenüber beiden wie zu allen
anderen Menschen draußen auch. Für McMurphy sind die anderen auf der
Station, soweit sie jedenfalls zur Kommunikation fähig sind (einige sind
es nicht oder auf eine Weise, die schwer zugänglich ist), zu allererst
Menschen wie er, Candy, Rose, wer auch immer, nicht Insassen einer
psychiatrischen Anstalt.
• F A Z I T •
Forman besetzte seinen Film mit exzellenten Haupt- wie Nebendarstellern.
Nicholson, Fletcher, Dourif, Redfield, Sampson, Lassick und DeVito wären
als erste zu nennen. Die Inszenierung hält sich streng an die Regeln des
Dramas, an Einheitlichkeit von Ort, Zeit und Handlung. „Einer flog über
das Kuckucksnest“ ist, wie beschrieben, auch eine Art
Zustandsbeschreibung, vielleicht gemünzt auf die amerikanische
Gesellschaft, aber sicherlich darüber hinaus aussagekräftig und vor allem
noch immer aktuell. Ein Klassiker, der immer wieder begeistert und
erschreckt, vor allem natürlich durch Nicholsons Leistung, durch den
bissigen Humor und die sozusagen bis an den Wahnsinn gehende
Inszenierung.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen bei:
Einer flog über das Kuckucksnest
(One Flew Over the Cuckoo’s Nest)
USA 1975, 133 Minuten
Regie: Milos Forman
Drehbuch: Bo Goldman, Lawrence Hauben, nach dem
Roman von Ken Kesey
Musik: Jack Nitzsche
Kamera: Haskell Wexler, Bill Butler
Schnitt: Richard Chew, Lynzee Klingman, Sheldon
Kahn
Produktionsdesign: Paul Sylbert, Edwin O’Donovan
Hauptdarsteller: Jack Nicholson (Randle Patrick
McMurphy), Louise Fletcher (Schwester Mildred
Ratched), Danny DeVito (Martini, Patient), Brad
Dourif (Billy Bibbit, Patient), William Redfield
(Harding, Patient), Will Sampson (Häuptling
Bromden, Patient), Sydney Lassick (Charlie
Cheswick, Patient), Christopher Lloyd (Taber,
Patient), Delos V. Smith Jr. (Scanlon, Patient),
Louisa Moritz (Rose), Mews Small (Candy), Michael
Berryman (Ellis), Dean R. Brooks (Dr. John Spivey),
Scatman Crothers (Turkle, Wächter), Josip Elic
(Bancini, Patient), Lan Fendors (Schwester Itsu),
Nathan George (Wächter Washington)
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