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Eine Handvoll Staub

 

Der Staub von Evelyn Waughs gleichnamigem Buch ist wie weggeblasen in diesem Film. Der Hautgout der britischen Zwanziger-Jahre-Oberschicht steigt süß-eklig in die Nase, penetrant und verführerisch und gegenwärtig.

 

England 1932. Tony Last (James Wilby), der Letzte von Hetton Manor, lernt in seinem Club den jungen Beaver (Rupert Graves) kennen, der unpassenderweise nicht der Oberschicht angehört. Beaver, smart und zielstrebig, sprengt die Ehe des Upperclass-Paares. Ehefrau Brenda Last (Kristin Scott Thomas) gibt ihm erst das Portemonnaie, dann ihren Körper. So daß dem betrogenen Ehemann nichts anderes übrigbleibt, als mit der ziemlich unbritischen Mrs. Rattery (Anjelica Huston) Trost in einem unsäglichen Kartenspiel („Schnipp-schnapp") zu suchen, was bedeutet, daß er bellen oder krähen muß, je nachdem (die Spielregeln werden nicht erörtert).

 

Tony Last verläßt sowohl sein untreues Weib (Scheidung) als auch die Zivilisation (Expedition zum Amazonas). Doch auch die ansehnlichen Lendenschurzindianer vermögen die schichtspezifische Splendid Isolation des Herrn von Hetton nicht zu sprengen. Während der Tropenregen aufs Dach prasselt, liest Tony dem exzentrischen Weißen Todd (Alec Guinness), dem Herrscher der Eingeborenen, Dickens vor, ein Kapitel nach dem anderen.

 

Die Isolierung dieser Klasse wird im Film zum ästhetischen Prinzip - und Risiko. Während die Protagonisten sich der Zeitläufte ungeachtet um Karrieren, Erben, Landsitz und Vermögensverwaltung sorgen, sorgt sich die Kamera (Peter Hannan) darum - gewissermaßen affirmativ -, die Protagonisten, ihre Kostüme, ihr Dekor und ihre Bauten zentral im Blick zu behalten und die gemessenen, eleganten, standesgemäßen Schwenks und Fahrten frei von allem zu halten, was „nicht dazugehört" und Kontrast, gar Kritik sein könnte. Andererseits sagt dieser übergepflegte Bilderfluß alles über eine Gesellschaftsschicht aus, die ihre Inhalte und Aufgaben verloren hat. Die Bilder dieses Films verweisen die soziale Realität des Jahres 1932 in einen fernen Randbereich, den die Protagonisten allenfalls beziehungslos wahrnehmen können. Eine Kommunikation ist schon aus ästhetischen Gründen unmöglich. Die Zeitung, die in die Großaufnahme kommt und etwas über den „Reichstag" meldet, bleibt die reale Requisite im Alltag der Landadligen. Die Pastete für drei Pence, die die vorübergehend verarmte Heldin am öffentlichen Imbißstand ersteht („Bitte Schwein"), ist weniger zum Essen gedacht als als Aufforderung, den unpassenden Zustand sofort zu korrigieren. Die Einstellung zeigt zur Hauptsache eine Seitenwand: weder Verkäufer noch Kundschaft ist zu sehen; die Heldin kann auch optisch mit niemandem kommunizieren. Also kehrt sie schleunigst zum Rinderbraten zurück und wird Herrin von Hetton Manor. Selbst die Flucht nach Manaus in den Urwald ändert nichts daran, daß sich nichts zu ändern vermag. Wieder streicht die Kamera über Dinge und Menschen weg, elegant, aber hier gehört der Herr von Hetton nicht her, und die Bilder, die wir sehen, erlauben keine Kommunikation zur fremden Zivilisation. Folgerichtig endet hier die Herrschaft, und der Held geht im Urwald verloren.

 

Erfreulicherweise hat sich die Kamera darauf verlegt, nicht das Was, sondern das Wie dieser kruden Story zu erzählen. Und das gelingt ihr höchst erfindungsreich und mit sehr britischer Ironie. Die Totalen, nämlich das Repräsentative, meidet sie. Aber sie kriecht, immer in Bewegung, aus den Details (den Großaufnahmen) heraus und findet die Bruchstellen und entlarvenden Perspektiven, in denen das Kokette des exzentrischen Spleens in Verzweiflung umschlägt. Noch einmal spielt die Kamera das Spiel des gepflegt-amüsanten, zur Schau gestellten Understatements - angesichts der Upperclass-Endzeit. Regisseur Charles Sturridge (WIEDERSEHEN MIT BRIDESHEAD) hat bis zur letzten Nebenrolle die Darsteller glänzend geführt.

 

Es stellt sich nicht der Eindruck her, daß wir mit EINE HANDVOLL STAUB in einer Literaturverfilmung sind. Es herrscht nicht der Dialog, wohl aber die Pose, mit der Anjelica Huston das Bein vorsetzt, um sich den Mantel abnehmen zu lassen. Das sind nur vier Sekunden. Sie bleiben unvergessen. Wie die Augen-Blicke des aggressiv-exzentrischen Guinness (der in diesem Jahr 75 wird) oder der verloren-labilen Kristin Thomas (UNDER THE CHERRY MOON). Verkörpert wird der betörende dekadente Schmelz des Films vom Darstellerpaar Wilby-Graves, eingeübt bereits in MAURICE und ZIMMER MIT AUSSICHT.     

 

Dietrich KuhIbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 3/89

 

 

Eine Handvoll Staub

A HANDFUL OF DUST

Großbritannien 1988. R: Charles Sturridge. B: Tim Sullivan, Derek Granger, Charles Sturridge (nach dem Roman von Evelyn Waugh). K: Peter Hannan. Sch: Peter Coulson. M: George Fenton. Ba: Eileen Diss. Ko: Jane Robinson. Pg. LWT/Stagescreen Prod. Gl: Jeffrey Taylor, Kent Walwin. P: Derek Granger. V: Concorde. L: 118 Min. FSK: 6, ffr. FBW: besonders wertvoll. St: 12.2.1989. D: James Wilby (Tony Last), Kristin Scott Thomas (Brenda Last), Rupert Graves (Beaver), Anjelica Huston (Mrs. Rattery), Judi Dench (Mrs. Beaver), Alec Guinness (Mr. Todd), Christopher Godwin (Dr. Messinger).

 

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