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Eine Dame verschwindet

 

Es gibt keine Miss Froy – es hat sie nie gegeben

 

Wer mehr über den Ort der Handlung von Alfred Hitchcocks ebenso spannendem wie amüsantem Film „Eine Dame verschwindet“ wissen möchte, der wird den Zwergstaat „Bandrika“ in Atlas wie Almanach vergeblich suchen: „Bandrika“ gibt es nicht – es hat „Bandrika“ nie gegeben. Ähnliches behauptet auch ein Slogan, der zeitweise für Hitchcocks Klassiker aus dem Jahre 1938 warb: „Es gibt keine Miss Froy – es hat sie nie gegeben“. Genau das will man auch der jungen Amerikanerin Iris Henderson (Margaret Lockwood) einreden.

 

Die Frolleins Froy und Henderson sind auf der Reise von Bandrika, einem imaginären Balkanstaat, in Richtung England. Als eine Schneewehe den Zug gen Westen an der Weiterfahrt hindert, beziehen die Reisenden Nachtquartier im einzigen Gasthof des Örtchens, in dem der Zug seinen außerplanmäßigen Halt einlegt. Einer bunt zusammengewürfelten Schar von Reisenden, die sich ebenfalls für eine Nacht in dem hoffnungslos überfüllten Kleinhotel einmietet, wird sich am nächsten Morgen auch der Musikexperte Gilbert Redman (Michael Redgrave) hinzugesellen. Zuvor allerdings schlägt der junge Mann sein Nachtlager in der Etage über den Damen Henderson und Froy auf – deren Nachruhe er empfindlich stört. Dafür, dass er sich der Überlieferung alter bandrikischer Volkstänze an die Nachwelt verschrieben hat, hätte Ms. Henderson ja vielleicht noch Verständnis; für die mit Holzblasinstrumenten begleitete nächtliche Tanzdarbietung, deren Veranstaltung über ihren Kopf hinweg Redman im wahrsten Wortsinne beschlossen hat, hat die um ihren Schönheitsschlaf Gebrachte nicht viel übrig – außer dem Kommentar, in ihren Ohren klinge das, als spiele jemand mit Elefanten „Die Reise nach Jerusalem“.

 

Miss Froys Mitgefühl gilt hingegen einem Bänkelsänger, der sich unter ihrem Fenster eingefunden hat und dem Redmans ohrenbetäubende Brauchtumspflege erhebliche Mühe dabei bereitet, sich Gehör zu verschaffen. Eine Henderson'sche Beschwerde an der Rezeption schafft jedoch alsbald Abhilfe – und Miss Froy kann endlich dem Ständchen des einsamen Gitarristen auf der Straße lauschen. Die Melodie scheint es Miss Froy angetan zu haben, und als der nächtliche Gesang verstummt, bedenkt die gute Seele den Liedvortrag mit einer Handvoll Münzen – die allerdings auf dem Straßenpflaster landen und dort auch bleiben. Der Musikus jedenfalls könnte den Obolus allenfalls noch an Fährmann Charon weiterreichen: der Spielmann nämlich wurde soeben von Schurkenhand für immer zum Schweigen gebracht.

 

Wer hat den glücklosen Gitarrero gemeuchelt – und warum? Das bleibt zunächst im Dunkel –

und der mysteriöse Mord ist ja auch nur Auftakt für eine Reihe noch weitaus mysteriöserer Geschehnisse, die schon beim Licht des nächsten Morgens ihre Fortsetzung finden: Die Strecke ist inzwischen geräumt, der Zug kann seine Fahrt wieder aufnehmen – doch gerade, als die von ihren Freundinnen ans Gleis begleitete Iris Henderson und Miss Froy sich dazu anschicken, den Zug zu besteigen, ereignet sich ein weiterer schicksalhafter Schlag. Der trifft diesmal Iris, die um ein Haar von einem herabfallenden Blumentopf zu Tode gebracht wird –

Zufall? Kaum, denn auch hier sieht der Zuschauer, was den Figuren des Films verborgen bleibt: ein Unbekannter hat die Topfpflanze aus dem Gleichgewicht gebracht; und so stellt sich vielmehr die Frage: Wer trachtet da Miss Henderson nach dem Leben – und warum ... ?

 

Der Zug ist zur Abfahrt bereit, für Erste Hilfe vor Ort keine Zeit, und so besteigt neben einer halb betäubten Iris Henderson auch eine um deren Wohlergehen sichtlich besorgte Miss Froy, die Iris' Begleiterinnen zusichert, sich während der Fahrt um die Freundin zu kümmern. Die dämmert zunächst im Abteil ein – doch als sie wieder erwacht, sitzt ihr gegenüber zum Glück ja noch immer ihre neue, mütterliche Freundin Miss Froy. Gemeinsam suchen die beiden den Speisewagen auf, um sich dort ein wenig zu erfrischen. Als Erfrischungsgetränk kommt für Miss Froy übrigens nur eines in Frage: eine Tasse von „Herriman's Kräutertee“, auf dessen belebende Wirkung, so will es zumindest die Werbung wissen, täglich 3 Millionen Mexikaner vertrauen – und von dem die rührige Dame stets ein paar Beutelchen im Handgepäck mit sich führt. Das Gewünschte wird bereitet – und nun, endlich, haben die zwei Damen endlich Zeit und Muße, sich auch namentlich miteinander bekannt zu machen. Das geschieht nun leider nicht in aller Ruhe, denn just, als Miss Froy sich Iris vorstellen möchte, kündet der Zug mit schrillem Pfeifen von einer bevorstehenden Tunneldurchfahrt, und Miss Froy schreibt ihren Namen kurzerhand mit dem Finger in die Staubschicht auf einer Fensterscheibe.

 

Nach der Rückkehr aus dem Speisewagen ins reguläre Zugabteil schläft eine noch immer arg mitgenommene Iris erneut ein. Als sie wieder erwacht, sitzt ihr gegenüber – niemand.

 

Miss Froy, das muss Iris zunächst vermuten, kann nur kurz das Anteil verlassen haben und wird gleich zurückkehren. Als dem nicht so ist und sie sich bei den anderen Insassen nach dem Verbleib ihrer Freundin erkundigt, zucken die entschuldigend mit den Schultern: die von ihr Gesuchte, so bescheiden sie Iris, gebe es nicht. Iris reagiert erst verwirrt, dann zunehmend unwirsch: Miss Froy kann unmöglich Teil eines Traumes gewesen sein, wie es einer ihrer Mitreisenden behauptet. Iris macht sich im Zug auf die Suche nach der Freundin. Schließlich steht der nächste planmäßige Stopp des Zuges nach wie vor aus, und das lässt nur den einen Schluss zu: Miss Froy muss noch im Zug sein. Oder ist es wirklich so, wie der zwielichtig erscheinende Dr. Hartz (Paul Lukas) behauptet: Natürlich existiert eine Miss Froy – allerdings nur als Ausgeburt einer leichten Gehirnerschütterung, die Iris in Folge des heftigen Blumen-Niederschlages möglicherweise davongetragen hat ... ? Das hält auch Redman für plausibel, den eine zunehmend verzweifelt wirkende Iris in der dritten Klasse des Zuges wiedertrifft.

 

Aus der anfänglichen herzlichen Abneigung der beiden wird schnell Sympathie; und Redman, der schon bald ein Auge auf Iris geworfen hat, will der jungen Frau zwar gern Glauben schenken – doch spätestens, als Miss Froy angeblich gefunden ist und man den beiden eine Dame (Josephine Wilson) vorstellt, deren Tweed-Kostüm so sehr der Beschreibung entspricht, die auch Iris abgeliefert hat, erscheint auch Redman Miss Froy als eine fixe Idee von Iris. Die grämlich wirkende Dame heißt zwar nicht Froy, sondern Kummer – aber schließlich ist selbst Iris schon fast davon überzeugt, dass ihre überreizte Phantasie ihr ein Trugbild vorgegaukelt hat, in dem die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit aufgehoben waren und aus dem stechenden Blick einer Miss Kummer die gütigen Augen einer Miss Froy geworden sind.

 

Als Redman und sie dem Speisewagen einen erneuten Besuch abstatten, hat Iris sich schon fast damit abgefunden: „Es gibt keine Miss Froy – es hat sie nie gegeben.“

 

Beide nehmen an genau dem Tisch Platz, an dem Iris zuvor schon einmal saß – da fällt Iris’ Blick auf die Fensterscheibe; und für einen kurzen Moment meint sie dort vier Buchstaben erkennen zu können. Dabei kann es sich jedoch nur um eine Täuschung handeln, denn Sekunden später ist von dem Namen, den Iris gesehen zu haben meint, keine Spur mehr zu sehen – ganz so, als hätte es eines weiteren Beweises dafür bedurft, dass Iris ihren Augen in der Tat nicht trauen kann; denn davon ist nun endlich auch sie selbst überzeugt.

 

Doch gerade in dem Moment, in dem Iris auch Kräutertee samt 3 Millionen darauf schwörender Mexikaner als Ausgeburt ihrer überreizten Phantasie abzutun bereit ist – gerade in diesem Moment entleert, am Kopf des Wagens, der Zugkoch den vollen Abfallkübel aus dem Fenster ... und für einen Augenblick bleibt außen an der Scheibe etwas hängen, das endlich auch Redman einen entscheidenden Hinweis darauf liefert, dass seine neue Bekanntschaft sich ihre Miss Froy nicht lediglich eingeredet hat: eigentlich ist das, was der Fahrtwind im nächsten Moment mit sich nimmt, ja nur ein harmloser Teebeutel. Allerdings nicht irgendein x-beliebiger, sondern einer der Marke „Herriman's“.

 

Für mich ist „Eine Dame verschwindet“ einer der spannendsten Filme eines Regisseurs, in dessen umfangreichem Werk spannende Filme nun wahrlich alles andere als Mangelware sind. Zusammen mit „Der unsichtbare Dritte“ (1959) bekleidet „The Lady Vanishes“ einen der ganz vorderen Plätze unter meinen persönlichen „Hitch“-Favoriten – und das vielleicht aus gutem Grund, sind doch beide Filme Paradebeispiele für Variationen eines Themas, das ganz typisch für Hitchcock ist: das des unschuldig Verdächtigten, dem niemand Glauben schenkt. Wie „Der unsichtbare Dritte“ bezieht auch „Eine Dame verschwindet“ seine Spannung vornehmlich aus der Tatsache, dass das Publikum stets ein bisschen mehr weiß als die Figuren, die im Mittelpunkt der Handlung stehen.

 

Wir, die Zuschauer, wissen es ja ganz genau: Es hat eine Miss Froy gegeben - und sie muss noch irgendwo im Zug sein. Und so bangen wir umso mehr um eine Heldin, der man einzureden versucht, sie könne ihren Sinnen nicht trauen. „The wheel spins“ lautet der Titel der Vorlage, nach der Hitchcocks Film entstand – und mit jeder Drehung der Räder des Zuges, in dem nach und nach eine ungeheuerliche Verschwörungstheorie aufgedeckt wird, zieht Hitchcock auch die Spannungsschraube eine Drehung mehr an. Während des erstes Drittels seiner 97 Minuten Lauflänge mutet „Eine Dame verschwindet“ noch wie eine Komödie an – doch mit jedem mysteriösen Ereignis wächst beim Zuschauer das Gefühl der Beklemmung.

 

F a z i t :

 

Wer die „Miss Marple“-Filme mit Margaret Rutherford mag, dem dürfte auch „Eine Dame verschwindet“ mit seinen skurrilen Figuren und seiner unwahrscheinlichen, aber spannenden Handlung gefallen. Wie auch viele der Agatha Christie-Verfilmungen arbeitet „Eine Dame verschwindet“ mit dem sog. „explained mystery“ – will sagen: die Auflösung der unheimlichen Ereignisse erfolgt in der Rückschau, und das wirklich glückliche Ende findet „Eine Dame verschwindet“ tatsächlich erst in der allerletzten Minute des Films. Gegenüber Filmen wie „Mord im Orient-Express“ oder „Tod auf dem Nil“, in denen das mitunter unfreiwillig komisch wirkt, profitiert „Eine Dame verschwindet“ jedoch von einem vergleichsweise einfach „gestrickten“ Geheimnis, dessen Fäden sich, akzeptiert man nur eine relativ unwahrscheinliche Prämisse, recht einfach wieder entwirren lassen.

 

„Gemeinwesen“

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen bei: www.ciao.de

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Kritiken

 

Eine Dame verschwindet

THE LADY VANISHES

England - 1938 - 97 min. - schwarzweiß

Literaturverfilmung,  Spionagefilm,  Thriller,  Komödie

FSK: ab 16; feiertagsfrei

Prädikat: besonders wertvoll

Verleih: Neue Filmkunst

Erstaufführung: 1.10.1971/3.1.1972 ZDF/31.1.1981 DFF 1

Produktion: Edward Black

Regie: Alfred Hitchcock

Buch: Frank Launder, Sidney Gilliat, Alma Reville

Vorlage: nach dem Roman "The Wheel Spins" von Ethel Lina White

Kamera: Jack Cox

Musik: Louis Levy

Schnitt: Alfred Roome, R.E. Dearing

 

Darsteller:

Margaret Lockwood (Iris Henderson)

Michael Redgrave (Gilbert Redman)

May Whitty (Miss Froy)

Paul Lukas (Dr. Hartz)

Basil Radford (Charters)

Cecil Parker (Eric Todhunter)

 

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