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Die dunkle Seite des Herzens

 

 

 

Wer kennt sie nicht, die Typen, die ihren Weltschmerz wie eine Waffe vor sich hertragen. Meist sind sie Künstler, manchmal sehen sie gut aus und oft haben sie ein gut einstudiertes Repertoire an geistreichen Bemerkungen anzubieten.

 

Dieser hier heißt Oliverio, ist Dichter und könnte ziemlich gut aussehen, wenn er den Kopf nicht zu eitel halten würde. Oliverio lebt in Buenos Aires, der Stadt der Melancholiker, und er drückt seinen Weltschmerz und seine Sehnsucht in Versen aus, die er von Mario Benedetti und anderen Kollegen geklaut hat. Manchmal verkauft er auch selbstverfaßte Verse. Oder er tauscht mit seinen Künstlerkumpels bei einem unglücklich verliebten Koch eine Liebeseloge gegen drei Steaks. Manchmal, wenn Oliverio völlig pleite ist, muß er heimlich das Zimmer wechseln. Ab und zu verdingt er sich auch für eine Werbeagentur in Montevideo, gleich auf der anderen Seite der Flußmündung.

 

Oliverio sucht das Leben und die Liebe, und er sucht sie in Form einer Frau. Die kann häßlich sein oder stinken, sagte er, sie kann Brüste wie Magnolienknospen haben oder wie vertrocknete Feigen und eine Möhrennase. Das ist ihm alles egal, bis auf das eine: Sie muß fliegen können. Und das meint er ernst. Die, die seinem Standard nicht entsprechen, werden gleich nach dem Beischlaf per Knopfdruck vom Bett in die ewigen Abgründe transportiert. Irgendwann aber taucht dann eine auf, die es mit Oliverio aufnehmen kann. Sie ist eine Hure.

 

Eliseo Subiela (Letzte Bilder vom Schiffbruch) hat einen Rhythmus gefunden, der das Leben zwischen den beiden Städten an der Mündung des Rio de la Plata, in Hotelzimmern und Nachtclubs, auf Straßen und Fähren, mit ein paar wiederkehrenden Motiven, einer stimmungsvollen Farbdramaturgie und jazzig melancholischen Melodien unaufdringlich strukturiert, die so geschaffene poetische Stimmung aber bei Gelegenheit gerne mit einem Augenzwinkern bricht. Meine Lieblingsstelle: die Kombination einer Achterbahnfahrt mit dem Auf-und-Ab von heftigem Liebesgestöhne.

 

Von seiner Erzählung her ist dieser Film nach dem schlichten Schema angelegt, das schon die Ritteraventure und auch der bürgerliche Bildungsroman gerne benutzte: die Parade des jungen Helden vorbei an einer ganzen Garnison sehr unterschiedlicher und mehr oder weniger attraktiver und lehrreicher Frauen. Auch dem braven Oliverio wird ja am Ende eine tüchtige Lehre verpaßt. Und was dem Suchenden auf seinem Weg begegnet, ist ganz schön verwirrend. Eine Frau mit Barthärchen, die, so weiß es der Held, ein Zeichen für sexuelle Unersättlichkeit sind. Eine farbsensible Blinde, die er (wegen ihrer Behinderung?) freundlicherweise überleben läßt. Die Ex-Frau, die ihm wie die Mutter (in Form einer Kuh!!) mit Vorwürfen überhäuft. Der Tod höchstpersönlich, auch er hier natürlich als schwarzgekleidete Frau.

 

Oliverio will den Tod durch Verführung besiegen. Der Freund, ein plastischer Künstler, der versucht, sich mit übermannsgroßen Phalli zu profilieren, hat eine ähnliche Phantasie: Eine Skulptur, in der Christus das Böse durch Vergewaltigung besiegt. Und auch wenn die Männerfreundschaft der drei Künstler-Erotomanen, die in einer Etage mit Vaginal-Entrée hausen, ein wenig belächelt wird, wird sie doch mit nicht zu verkennendem Wohlwollen gezeichnet. Machophantasien, auf höchstem romantischen Niveau. Und so ist es keinZufall, daß die Frau, die fliegen kann, dann - als Prostituierte, als tapfere Mutter, als junge Schöne - doch wieder alle Klischees erfüllt. Und natürlich hat sie keine Möhrennase, aber Brüste wie Magnolienknospen.

 

Die Geschichte vom Hänschen, das endlich erwachsen werden soll, erzählt hier anderes als die Bilder, die verliebt den ewigen Jungen im Mann beschwören. Es ist spannend zu sehen, wie die Diskursebenen miteinander um die Vorherrschaft streiten. Man kann sich den Stimmungen dieses Films aber auch einfach genüßlich hingeben. Doch nicht nur Feministinnen sollten eines vorher wissen: Auch Die Dunkle Seite des Herzens ist ein hundertprozentiger Männerfilm.

 

Silvia Hallensleben

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in epd Film 2/1998

 

Die dunkle Seite des Herzens

El lado oscuro del corazón

Argentinien 1992. R, B, P: Eliseo Subiela. K: Hugo Colace. M: Osvaldo Montes. A: Marcela Saén. Skulpturen: Hugo Soto. Mit Gedichten von Oliverio Girondo und Mario Benedetti. Pg: CQ3/Max Film International. V: Kairos. L: 127 Min. St: 22.1. 1998. D: Darío Grandinetti (Oliverio), Sandra Ballesteros (Ana), Nacha Guevara (Der Tod), Jean Pierre Reguerraz (Gustavo), André Melançon (Erik), Inés Vernengo (Blinde), Mónica Galán (Ex-Frau), Mario Benedetti.

 

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