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Dune - Der Wüstenplanet

 

 

An den Vorgaben scheiternde Science fiction um einen auserkorenen Erlöser (Kyle MacLachlan), der sich im Kampf um die Lebenssubstanz Spice mit dem mächtigen Imperator Shaddam IV. anlegt.

 

Inhalt

Wir schreiben das Jahr 10191. Der Weltraum wird beherrscht von zwei Völkern, dem der machtsüchtigen Harkonnen auf der einen und dem der friedlichen Atreiden auf der anderen Seite. Beiden geht es um die Alleinherrschaft, die nur derjenige in der Hand hat, der über die Lebenssubstanz und gleichzeitig bewußtseinsändernde Droge Spice verfügt. Diese Substanz kann nur auf dem Planeten Arakis, auch bekannt als Dune, gefördert werden. Wem die Macht über das Spice zu eigen ist, hat auch die Fähigkeit, bloß durch Gedankenkraft durch Raum und Zeit zu reisen. Padishah Imperator Shaddam IV. (José Ferrer) ist der Herrscher über die beiden benachbarten Planeten. Er bedient sich der Atreiden, die das Spice abbauen, unterstützt aber in Wahrheit die kriegerischen Harkonnen, indem er ihnen erlaubt, die Atreiden auszurotten. Dabei setzt er den furchteinflösenden Baron Vladimir Harkonnen (Kenneth McMillian), unterstützt von seinen Neffen, Raban (Paul Smith) und Feyd (Sting), als Umsetzer seiner teuflischen Pläne ein. Die Atreiden wiederum werden von Herzog Leto (Jürgen Prochnow) angeführt, dessen Sohn Paul (Kyle MacLachlan) einmal seinen Platz einnehmen soll. Paul weiß noch nicht, daß er als Erlöser und zukünftiger Herrscher der Fremen, der Bewohner von Arakis, auserkoren ist, Arakis zu beherrschen und Frieden zwischen die feindlichen Völker zu bringen. Als Herzog Leto in der Auseinandersetzung mit Baron Harkonnen stirbt, übernimmt Paul die Führung und bildet die Fremen zu seinen Gefolgsleuten im Kampf gegen die Harkonnen aus. Diese haben sich vor allem den übermächtigen Würmern, die die Spice-Minen beherrschen, zu stellen.

 

Kritik

Der bereits 1963 erschienene erste Teil der Science-Fiction-Saga aus der Feder von Bestsellerautor Frank Herbert sollte ursprünglich schon viel früher verfilmt werden. Die komplexe und inhaltlich nicht leicht auf Zelluloid zu bannende Story verhinderte aber dieses Vorhaben zunächst. Zwei Produzenten scheiterten bereits an der Umsetzung durch ein Script, als Dino De Laurentiis, der sich bislang mit "Flash Gordon" und "Conan, der Barbar" einen Namen machte, sich der Sache annahm. Nachdem Ridley Scott  ("Blade Runner", "Alien ") letztlich wegen der Unausgegorenheit des Drehbuchs absagen musste, konnte De Laurentiis den damals eben erst durch "Elephant Man" beim breiten Publikum bekannt gewordenen David Lynch für das Monsterprojekt gewinnen. Schon damals hätte es sich Lynch lieber noch einmal überlegen sollen, denn er selbst bekannte in einem Interview, "an SF eigentlich nicht so sehr interessiert" zu sein. Viel eher begeistere ihn an Frank Herberts Roman die Vielschichtigkeit der Charaktere und deren Tiefgang.

 

Ich möchte es gleich vorwegnehmen: Dass David Lynch letztlich an der Verfilmung scheitert, liegt nicht so sehr am komplizierten Handlungsaufbau als an seiner Arbeitsweise, die diametral entgegengesetzt zum Stoff von "Dune" stand. Lynch, der sich nie so sehr um die Narration als vielmehr um Form und Struktur, um Träume und Stimmungen kümmerte, stand hier vor der unlösbaren Aufgabe, ein in der Zukunft angesiedeltes Märchen, gespickt mit mystischen und religiösen Elementen, mit Hilfe von Special Effects und einer Armada von Schauspielern und Statisten popcorngerecht aufzubereiten. Als der Erfinder und Schöpfer seiner eigenen Bildwelt war der Auftragsregisseur - und nichts anderes war Lynch im Fall von „Dune“, was er aber erst später erkannte - heillos überfordert.

 

Um keine Fehlschlüsse aufkommen zu lassen: "Dune" präsentiert sich auf der einen Seite sehr wohl als ein typischer Lynch-Film, gespickt von Elementen, wie sie nur in Lynchville vorkommen können. Beispielsweise die erste eigentliche Sequenz des Films, in dem ein Gildennavigator dritten Grades im Palast des Imperators vorfährt: Ein riesiges, aquarienähnliches Gebilde wird in den Thronsaal hineingeschoben, drinnen ein monsterartiges Wesen, das in Aussehen wie eine Mischung aus dem "Elefantenmenschen" und dem deformierten Säugling aus "Eraserhead" wirkt, in der Größe beide jedoch um ein Zehnfaches überragt. Die Kamera geht immer in Nahaufnahme auf den Mund, der wie das Tor in eine finstere Höhle erscheint. Oder die Figur des finsteren Barons Vladimir Harkonnen, dessen monströse Körperfülle ein Gesicht mit eitrigen Beulen "schmückt"; ein Sinnbild des in Lynch-Filmen so häufig vorkommenden deformierten Wesens, das von seiner Umwelt gefürchtet, verachtet und letztlich verstossen wird. Auch der Geburtsakt, das zentrale Leitmotiv bei Lynch, kommt hier vor: Im Bauch der Mutter Jessica sieht man den Fötus der späteren Schwester Pauls. Ein wahrhaft großer, aber auch zugleich für das Scheitern „Dune“’s exemplarischer Moment: In keinem anderen Film Lynchs wird der Geburtsvorgang derart real und in den zum Teil grausamen Bildern dargestellt, sondern, wenn überhaupt, nur angedeutet. Hier hingegen deckt der Regisseur alles auf, lässt keinen Spielraum mehr für Gedanken, für Fantasien; ein Spiegelbild der gesamten Misere. Alles bleibt mehr Mittel als Zweck, ohne Beziehung zur Geschichte.

 

Egal, ob man „Dune“ als politische Parabel - das Eindringen der "guten" Kolonialmacht USA in die Kultur der Ureinwohner der Indianer - oder als Schöpfungsgeschichte im Stile der Bibel oder der altgriechischen Mythologie versteht, Lynch versagt letzten Endes wegen der straffen Erzählstruktur des vorgegebenen Romans. Er ist eher damit beschäftigt, Geschichten zu beginnen und ständig Personen in die Handlung einzuführen als Konflikte dieser Personen zu entwickeln, die Figuren quasi leben zu lassen. Ein Hauptgrund dafür liegt gewiss in der Tatsache, dass auf Wunsch des Studios aus der ursprünglich 4-stündigen Fassung fast die Hälfte rausgeschnitten werden musste, um es für den amerikanischen Mainstream-Geschmack verdaulich zu machen. Lynch quittierte dies mit dem bezeichnenden Ausspruch: "Ich machte den Film für die Produzenten, nicht für mich selbst." So bleibt vieles für den Zuschauer nur fragmentarisch, ohne nähere Erklärung und Sinn.

 

Vom Inhalt her eher als B-Movie konzipiert, überzeugt "Der Wüstenplanet" hingegen voll und ganz durch seine stilistische Prägnanz. Der Regisseur schuf eine neue, durch dunkle (großteils braune) Farbe dominierte Welt, die, anders als es die Film-Zeit vermuten ließe, irgendwo am Beginn der Industrialisierung stecken geblieben ist. Denn die Maschinen der Harkonnen oder Atreiden sind nicht automatisiert, sondern mechanisch, beeindrucken eher durch Größe als durch Effizienz. Ähnlich wie bei "Twin Peaks" oder "Eraserhead" zeigt Lynch uns eine antiquierte, aber effiziente Industrielandschaft, die in „Dune“ durch ihre Schönheit und Verspieltheit noch zusätzlich an Bedeutung gewinnt. Eine Metapher, vielleicht, für eine in der Entwicklung steckengebliebene Welt; die im Film fehlende Automatisierung ist durch die Entdeckung der Wunderdroge Spice überflüssig geworden.

 

Die Industriewelt des Planeten Giedi Prime, der Heimat der Harkonnen, belegt Lynch mit einem fortwährenden pulsierenden Rauschen, etwas, das beim Zuschauer eine konstante Beklemmung und Unsicherheit auslösen soll. Derart mit Soundelementen hat er erst wieder bei "Lost Highway" gespielt. Und als Sahnehäubchen darf Lynch auch noch, bedingt durch die Story, mit Effekten spielen. Obwohl für Lynch Neuland - vielleicht mit ein Grund, warum er die Regie am dritten Teil von George Lucas’ Star Wars- Trilogie abgelehnt und sich stattdessen für dieses Projekt entschieden hatte - macht er seine Sache gar nicht schlecht, wenn man etwa an die riesigen, in der Wüste von Arakis lebenden Würmer denkt.

 

"Was Lynch an „Dune“ vor allem interessiert hatte, waren die abstrakten Dinge, die Poesie." Die Poesie ist es, die am Ende auf der Strecke bleibt. Die für Lynch so wichtigen Symbole kommen nur nebenbei vor, ohne den Zusammenhang mit Handlung oder Figuren zu veranschaulichen. Etliches bleibt somit unvollständig, was miteinander hätte verbunden werden sollen. Künstlerische Einengung durch strenge Vorgaben des Produzenten und die schon fast als Verbrechen zu bezeichnende Kürzung des Films auf normale Spielfilmlänge versetzen "Wüstenplanet" den Todesstoß und machen ihn zu einem Fremdkörper in Lynchs Oeuvre. Letztlich präsentiert sich das Werk als ein Konglomerat aus wirren futuristischen Visionen, eingebettet in monumental-kitschige Bilder - soundmäßig unterlegt übrigens mit der Musik der Bombastrocker von "Toto" - gewürzt mit den typischen surrealistischen Elementen aus der Werkstatt von David Lynch. Ein missglückter Film, der aber andererseits durch das noble Scheitern seines Schöpfers interessant wird.

 

Anmerkung: 1988 strahlte das US-amerikanische MCA-TV unter der Leitung von Harry Tatleman eine extended version aus, die von Lynch nicht autorisiert wurde und dementsprechend lieblos wirkte.

 

Reinhard Bradatsch, 25.07.2000  

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in:  videoFREAK.net

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Dune - Der Wüstenplanet

DUNE

Alternativtitel: Der Wüstenplanet

USA - 1983 - 135 min. - Scope

FSK: ab 12; feiertagsfrei

Verleih: Neue Constantin

Erstaufführung: 14.12.1984

Produktionsfirma: Dino de Laurentiis

Produktion: Raffaella De Laurentiis

Regie: David Lynch

Buch: David Lynch (ungenannt), Eric Bergren (ungenannt), Christopher De Vore

Vorlage: nach dem Roman von Frank Herbert

Kamera: Freddie Francis

Musik: Toto, Marty Paich, Brian Eno, Roger Eno, Daniel Lanois

Schnitt: Anthony Gibbs

Special Effects: Kit West, Carlo Rambaldi, Barry Nolan, Albert Whitlock

Darsteller:

Francesca Annis (Lady Jessica)

Kyle MacLachlan (Paul Atreides)

Virginia Madsen (Prinzessin Irulan)

Silvana Mangano (Reverend Mother Ramallo)

Jürgen Prochnow (Duke Leto Atreides)

José Ferrer (Shaddam IV)

Linda Hunt (Shadout Mapes)

Patrick Stewart (Gurney Halleck)

Piter de Vries (Brad Dourif)

Freddie Jones (Thufir Hawat)

Sting (Feyd-Rautha)

Dean Stockwell (Dr. Wellington Yueh)

Max von Sydow (Dr. Kynes)

Sean Young (Chani)

 

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