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Do the Right Thing

 

Rassismus ist…

 

“Doctor, this is da mayor talkin’:” sagt der alte Heer mit dem Hut und dem Goldzahn, der auf der Treppe eines Brown Stones sitzt, während die Quecksilbersäule des Thermometers bereits morgens ins Unermessliche steigt, „allways do the right thing!“ Mookie (Spike Lee) nimmt diesen Tipp zunächst mit einem Achselzucken auf, wird seiner aber später noch gedenken. Mookie ist schwarz und arbeitet für Sal (Danny Aiello), der seit langer Zeit mit seinen beiden Söhnen Pino (John Turturro) und Vito (Richard Edson) eine Pizzeria in Bedford Stuywesant, einer ärmeren Gegend von Brooklyn, die zum größten Teil von Afroamerikanern bewohnt wird, betreibt. Sal hängt an seinem Laden und auch an dieser Gegend, aber problemlos ist sein Alltag nicht. Etwa weil sich ein Gast darüber mokiert, dass an der „Wall of Fame“ in seinem Laden keine „Brothers“ hängen oder weil sich „Radio“ Raheem weigert, seine Musik leiser zu drehen. Sie alle sind nur eine kleine Auswahl der vielen Figuren, deren Wege sich an einem Hitze-Rekord-Tag in Bed Stuy, Brooklyn immer wieder kreuzen.

 

Auch wenn sich am Ende dieses Tages die angestauten Aggressionen in einem exzessiven  Gewaltausbruch entladen, betont Lee das Alltägliche der Konflikte. In Do the Right Thing geht es nicht um Schwarze, die Schwarze töten (und Weiße, denen das wahrscheinlich nur recht ist, wie in Boyz ´n da Hood), und nicht um Schwarze, die Weiße töten, die Schwarze töten (wie in American History X). Es geht um Schwarze, die den Mann nicht mögen, bei dem sie tagtäglich ihre Pizza essen, weil er Italiener ist und die Koreaner, bei denen sie ihr Bier kaufen, nicht ausstehen können, weil sie gerade mal ein Jahr in den USA leben, gebrochen englisch sprechen, aber schon ein eigenes Geschäft haben. Um einen jungen Italiener, der die Schwarzen, denen er tagtäglich Pizza verkauft, für Tiere hält und den seine Freunde auslachen, weil er sein Geld damit verdient „Nigger zu füttern“ und um den koreanischen Ladenbesitzer, der einfach nur seine Familie ernähren will und gerade genug englisch spricht, um zu verstehen, dass der schwarze Hüne, der Batterien braucht, ihn unentwegt beleidigt. Um eben jenen Hünen, der mit „Public Enemy“ aus seinem Ghettoblaster die Salsa-Musik einer Gruppe von Puertoricanern überschallen muss und um und ein paar farbige Jungs, die sich unter dem Strahl eines Hydranten abkühlen und auch einem in seinem Oldtimer vorbeifahrenden Italiener eine kleine Erfrischung gönnen, was auf wenig Gegenliebe stößt.

 

So sehr Lee merklich ein „schwarzes Kino“ schaffen möchte, das Probleme der Afroamerikaner behandeln, farbigen Künstlern eine Plattform bieten und schwarze Popkultur (auch jenseits des Mainstreams) einem größeren Publikum zugänglich machen soll, so wenig glorifiziert er die schwarzen Figuren seines Films oder dreht rassistische Stereotypen des Hollywoodfilms einfach um, wie es das Blaxploitation-Kino der Siebziger so gerne tat. Keine seiner Figuren fungiert als übergeordnete moralische Instanz. Sal, der stolz darauf ist, dass die schwarzen Kids mit seinem Essen aufwachsen, hängt eben trotzdem keine farbigen Promis an seine Wand und reagiert auf Provokationen äußerst cholerisch. Mookie, der oft Konflikte zwischen Sal und der Kundschaft zu schlichten versucht, betrügt seinen Boss und auch der „Mayor“, ein liebenswürdig verrückter alter Säufer und selbsternannter Bürgermeister des Blocks, beschimpft die asiatischen Ladenbesitzer, weil sie seine Biermarke nicht haben. Die rassistischen Ressentiments haben (teilweise) Jahrhunderte lange Tradition. Ausgelebt aber werden sie dort, wo Menschen verschiedener Herkunft und Hautfarbe auf engem Raum zusammenleben, in der Großstadt und nur dort, so hört man aus einigen hoffnungsvollen Obertönen, die der Film trotz seines pessimistischen Schlusses auch bietet, könnten sie auch überwunden werden.

 

US-Filmkritikerpapst Roger Ebert schrieb, dass kein anderer Film es so sehr ermögliche, sich ein Bild vom zeitgenössischen Rassismus in den USA zu machen. Vielleicht ist das Beste für einen nichtamerikanischen Kritiker, dass der Film - im Gegensatz zu manch anderem, der dasselbe Milieu zeigt - keine Gelegenheit dazu gibt, über „amerikanische Verhältnisse“ zu faseln, sondern eher zu einer Reflexion des Rassismus, dort wo man selbst lebt, anregt. Sicherlich ist Do the Right Thing ein Brooklyn-Film, der die Situation eines New Yorker Stadtteils beschreibt, der alleine gerechnet die viertgrößte Stadt der Vereinigten Staaten ist, in dem 2,5 Millionen Menschen aus 140 Nationen, Menschen aller erdenklicher Hautfarben und Religionen leben und die beiden überwiegenden ethnischen Gruppen, Weiße und Afroamerikaner, heute, etwa gleich groß sind. Und dennoch, die Mechanismen, die gezeigt werden, sind mit den Problemen zwischen deutschen und türkischen oder türkischen und arabischen Jugendlichen in einigen Stadteilen Berlins durchaus vergleichbar. Wenn die Currywurst-Verkäuferin am Berliner Hermannplatz sich beklagt, dass die niedrigen Dönerpreise ihr das Geschäft versauen oder ein türkischer Imbiss in einer brandenburgischen Kleinstadt zum dritten Mal von Neonazis abgebrannt wird, begegnet man einer ähnlichen Mischung aus Neid, kulturellem Unverständnis, Klischees und Vorurteilen, die Lee in seinem Film skizziert. Das ist einer der Gründe, warum Do the Right Thing trotz seines starken 80er Jahre-Couleurs, heute, siebzehn Jahre später, so aktuell und unverbraucht wirkt.

 

Von Lees neueren Filmen mag man halten, was man will. Für viele US-Kritiker ist die charakteristische Ankündigung „A Spike Lee Joint“ inzwischen zu einem roten Tuch geworden und anlässlich seines letzten Films She Hate Me, der in Deutschland bislang keinen Verleih gefunden hat, sank das Tomatometer auf unterirdische 20%. Soviel aber steht fest: 1989 machte Spike Lee alles richtig. Do the right Thing besitzt die treibende Dynamik eines „Public Enemy“-Tracks, ist aufregend und abwechslungsreich wie ein brütend heißer Sommertag und vielleicht der intelligenteste, ehrlichste und stylischste Film zum Thema Rassismus, der bisher gedreht wurde.   

 

Nicolai Bühnemann

 

Do the Right Thing

USA 1989; Buch, Regie, Produktion: Spike Lee; Musik: Bill Lee; Darsteller: Spike Lee (Mookie), Danny Aiello (Sal), John Tuturro (Pino), Richard Edson (Vito), Da Mayor (Ossie Davis), Länge: 119 Minuten; FSK: ab 12; Erstaufführung: 13. 7. 1989/ Video: 5. 6. 1990.

 

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