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Disturbia 

Vater und Sohn vergnügen sich im Angelurlaub. Der Fluss plätschert lieblich, den Hintergrund bildet ein mächtiges Bergpanorama. Dass dieses Naturidyll nur Vorspiel zu einer ganz anderen Geschichte sein kann, in der sich Verstörendes in einer amerikanischen Vorstadt („Suburbia“) ereignen wird, verrät schon die Wortschöpfung des Filmtitels: „Disturbia“. Fast zwangsläufig endet die Rückfahrt aus den Bergen mit einem Unfall, der ein jähes Loch ins Leben des Schülers Kale Brecht reißt: Sein Vater stirbt im Autowrack, während der Sohn unversehrt davonkommt, körperlich zumindest. Psychische Nöte sind indes vorprogrammiert, und so kommt es, dass Kale ein Jahr nach dem Prolog seinen Spanischlehrer verprügelt und zu mehreren Wochen Hausarrest verurteilt wird. Eine elektronische Fußfessel reduziert seinen Aktionsradius von der heimischen Küche aus auf 30 Meter. Gerade so viel, um den Rasen zu mähen. „Beschäftige dich mit nützlichen Dingen“, mahnen die Polizeibeamten, aber Kale betäubt sich erst einmal mit Computerspielen und Dauerfernsehen, bis seine Mutter beherzt das Antennenkabel kappt. Also wendet sich Kale der Realität zu, Risiken und Nebenwirkungen eingeschlossen.

 

Filmthriller unterwerfen ihre Helden harten Prüfungen, lassen sie ein Fegefeuer der Widrigkeiten durchschreiten, bevor die Bewährungsprobe in der Regel gut ausgeht. Protagonisten mit Handicaps können den Thrill verstärken, minimieren allerdings den möglichen Handlungsspielraum. In solchen Fällen müssen (oder wollen) die Autoren oft auf Querfeldeinjagden und Schauplatzwechsel verzichten. Alfred Hitchcock wusste aus der „Bühnensituation“ beschränkter Schauplätze das meiste Thrillerkapital zu schlagen: „Das Fenster zum Hof“ (fd 3934) öffnet sich für einen mit Gipsbein festgesetzten James Stewart zum Mikrokosmos von Liebe, Einsamkeit und Verbrechen. Ähnlich ist es bei „Disturbia“, der sich als verkapptes Remake des Hitchcock-Klassikers erweist, nur mit jüngerem Personal besetzt, mit inzwischen genreüblicher Gewalt gepflastert und in Charakterzeichnung und Story weniger konsequent als das Vorbild.

 

Nicht aufgrund einer „déformation professionelle“, sondern aus purer Langeweile beginnt Kale, seine Umgebung auszuspionieren. Sein Fernglas streift nachbarliche Gärten, Swimmingpools, familiäre Probleme und Marotten – und bleibt an einer gleichaltrigen Bikini-Schönheit hängen, die sein Herz und sein Jugendzimmer erobert. Die gewitzte Ashley wird Kales Mit-Detektivin, als der Verdacht aufkommt, ein Nachbar mittleren Alters könnte ein gesuchter Frauenmörder sein. Während das Paar zeitweise so mit sich selbst beschäftigt ist, dass ihm entscheidende Vorfälle im Nachbarhaus entgehen, hat der Zuschauer (dank einer Blutfontäne, die drüben ans Badezimmer klatscht) früh, allzu früh Gewissheit über das Hobby des Mr. Turner. Ohnehin entspricht sein Darsteller David Morse dem Klischee-Triebtäter, dessen schmierige Freundlichkeit schnell zu durchschauen ist. Auf der anderen Seite gewinnt Carrie-Anne Moss als Kales Mutter Sympathiepunkte, überzeugt Shia LaBeouf in der Rolle des seelisch angeknacksten, in gefährlicher Mission über sich hinauswachsenden Kale.

 

Trotz der ordentlichen Schauspielerriege und einem gerüttelt Maß an Schockeffekten will sich bei „Disturbia“ kein durchgehender Spannungsbogen einstellen; denn die entscheidenden Raffinessen hat sich D.J. Caruso eben nicht bei Hitchcock abgeschaut, etwa wie man die Neugier des Zuschauers so anstachelt, dass Paranoia und Sensationsgier blühen. Bei „Fenster zum Hof“ lotete das Voyeur-Thema moralische Dimensionen aus – weil man auf die Enthüllung eines Verbrechens hoffte, das womöglich nur in den Köpfen der Filmfiguren existierte. Auch aus der Tatsache, dass jeder Voyeur sich eine gewisse Zeit lang unbeobachtet fühlt, schlägt Caruso kein Kapital. Ein Höhepunkt bei Hitchcock war der spät platzierte, lähmende Moment, als der Mörder direkt in James Stewarts Teleobjektiv blickte; in „Disturbia“ wird die dramaturgisch wichtige Distanz-Schranke zwischen den Parteien schnell gehoben: Der Killer taucht schon im ersten Filmdrittel bei Kale auf. Hier tarnt sich Turner noch als hilfsbereiter Nachbar, aber bald schon liegen die Karten offen, womit alle Erzähl-Trümpfe aus der Hand gegeben werden.

 

Es kracht mächtig im Gebälk der Konstruktion, wenn sich die Polizei im Finale als unfassbar phlegmatisch erweist, wo doch zuvor jeder Fußfesselalarm das Aufkreuzen einer Funkstreife nach sich zog. Gänzlich ins Albtraumhaft-Irreale driftet die Handlung, wenn Kale, von Blitz und Theaterdonner begleitet, in die „Höhle des Löwen“ vordringt und ihm das komplette Horror-Instrumentarium der Filmgeschichte entgegenpurzelt. Turner, der mit Kales Mutter angebandelt hat und sie ins Verlies schleppt, fesselt, knebelt und kopfüber aufhängt, damit der Sohn sie retten kann, ist zum Gegenbild des Vaters mutiert, der vom Sohn schmerzlich vermisst wird. Da wird es dann doch interessant, denn die innere Logik einer ins Monströse gesteigerten Trauerarbeit ist nicht unbedingt von der Hand zu weisen. Wenigstens hier beschreitet „Disturbia“ einen eigenen Weg abseits zertrampelter Hitchcock-Pfade. 

 

Jens Hinrichsen

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-dienst

 

Disturbia

USA 2007 - Regie: D.J. Caruso - Darsteller: Shia LaBeouf, Carrie-Anne Moss, David Morse, Sarah Roemer, Aaron Yoo, Matt Craven, Viola Davis, Kurt David Anderson, Elyse Mirto, Jose Pablo Cantillo - Prädikat: wertvoll - FSK: ab 16 - Länge: 104 min. - Start: 20.9.2007

 

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