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Wahn als gelungener Film oder misslungene Philosophie

 Das weiße Rauschen

 

"Gib doch zu, dass du uns nicht in den Film lassen willst, du Votze!" brüllt Lukas die Kartenverkäuferin an. Das Mädchen, das er gerade zu "Taxi Driver" eingeladen hat, würde am liebsten in den Erdboden versinken, aber "Luke" entgleiten die kausalen Zusammenhänge. Wie "Taxi Driver" Travis Bickle lässt er das erste Rendezvous bereits im Kino platzen, wie auch er steht er am Anfang eines psychotischen Schubes.

Lukas, ein ganz ein normaler junger Mann, findet sein neues Zimmer in der Kölner WG seiner Schwester mit Blick auf eine fensterlose Hausmauer "supergeil", denn Zuhause, wo er gerade herkommt, "war ja nie was los, und jetzt ist da erst gar nichts mehr los." Zur Begrüßung wird erstmal ein "Eimer" geraucht. Irritierend wirken auf ihn nur die unüberschaubaren Areale um den Hauptbahnhof und in der unpersönlichen Massen-Universität, wo er sich hoffnungslos verläuft, bevor er es schaffen könnte, sich zu immatrikulieren. "In der Uni war es voll stressig", sagt er abends und Katis Freund Jochen antwortet: "Genau deshalb meide ich die Uni." THC und Psilocibin dagegen bevorzugt und empfiehlt Jochen, und Lukas "ist zum Teil völlig weg", er hört Stimmen, was doch eigentlich nur vom Genuss der Pilze herrühren kann.

Als die Stimmen am nächsten Morgen wieder zu ihm (und surround zu den Kinosesseln) sprechen, ihn beleidigen und ihm raten, seinem sinnlosen Leben ein Ende zu bereiten, werden mögliche Schallquellen überprüft, ein Tapedeck auf Aufnahme gestellt, doch alle Ortungs-, Aufzeichnungs- und Abwehrmaßnahmen scheitern, außer der Dusche, deren Rauschen die Stimmen verdrängt.

"Ich leide an Schizophrenie, sagen die Ärzte, die anderen finden meist nur, dass ich spinne", sagt Lukas am Schluss aus dem Off, und wir Zuschauer haben dann vielleicht keine endgültigen Erkenntnisse zum Thema Psychose gewonnen,- aber die Einsicht, dass es auch in Deutschland mit geringem Budget, einer Digitalkamera und beinahe nur unbekannten Darstellern möglich ist, einen bedrohlichen und faszinierenden Film über das Innenleben einer Geisteskrankheit (siehe auch "Memento" oder "Requiem for a dream") zu drehen. Ein bißchen überfrachtet ist der Film durch LukasĎ nicht direkt in die Handlung einzuordnende Kommentare als Hintergrunderzähler, in denen versucht wird, Schizophrenie zu einer metaphysischen Erfahrung hochzustilisieren, während doch der Film zur gleichen Zeit so einfühlsam und gekonnt die subjektiv leidvolle Welt eines an bösartigem Verfolgungswahn Leidenden schildert.

Überraschende Schnitte, eine so beiläufig knappe wie souverän erzählende Szenenmontage, ähnlich (wieder einmal) dem dokumentarischen Dogma-Stil, und beeindruckende Soundcollagen lassen den Zuschauer fast nie los.

Besonders überzeugend am "Weißen Rauschen" allerdings sind die mit guten Schauspielern, vor allem Daniel Brühl als Lukas, besetzten Figuren, die Dialoge und die Settings, die (endlich einmal) durchweg authentisch und natürlich wirken, eine Seltenheit in der deutschen Kinolandschaft.

Andreas Thomas / 7 von 10 Punkten

 

 

Filmdaten

Das weiße Rauschen, D, 2001, 106 Min., Farbe, Verleih ab 31.1.02, X Verleih

Regie: Hans Weingartner; Drehbuch: Hans Weingartner, Mathias Schellenberg, Katrin Blum, Toby Amann; Kamera: Mathias Schellenberg; Schnitt: Dirk Oetelshoven; Musik: Marek Goldowski.; Produktion: Cameo

Darsteller: Daniel Brühl (Lukas), Annabelle Lachatte (Kati), Patrick Joswig (Jochen) u.v.a.

Diese Kritik ist zuerst erschienen bei: filmrezension.de

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