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Collateral

Am dramatischen Höhepunkt einer ungewöhnlichen Nacht scheint die Zeit plötzlich still zu stehen. Das nächtliche Los Angeles wirft ein fahl-blaues Licht auf die Gesichter von Jamie Foxx und Tom Cruise, die Szenerie ist in bedeutungsvolles Schweigen gehüllt, als vor ihnen wie aus dem Nichts ein Coyote die Straße überquert und für einige Sekunden die beiden Männer im Taxi fixiert. Dann ist das Tier wieder aus dem Blickfeld verschwunden, und wortlos setzen die beiden ihre Fahrt fort. Die seltsame Begegnung findet keine weitere Erwähnung, soll aber lange nachwirken. Das Rudeltier auf einsamer Migration durch einen fremdartigen Lebensraum ist das Thema von Michael Manns neuem Großstadt-Thriller “Collateral”. Erzählt wird von Männern, die sich freiwillig für den Weg des lonesome wolf entschieden haben – jeder jedoch mit anderen Konsequenzen.

 

Das hier bemühte Bild des einsamen Wolfs ist natürlich reichlich überstrapaziert. Aber es zeigt auch, wie Regisseur Michael Mann die männlichen Figuren in seinen Filmen am liebsten sieht. Tom Cruise, hier mit angegrauten Schläfen und maßgeschneidertem Anzug, erinnert mit seiner stets alert gespannten Körperlichkeit tatsächlich an einen Räuber auf der Pirsch. Sein Vincent kommt als Fremder nach Los Angeles; er benötigt dringend einen Ortskundigen. Fünf Menschen sollen diese Nacht sterben, und als Partner wider Willen hat er Max auserkoren, einen rechtschaffenden Taxifahrer, der Woche für Woche die Nachtschicht schiebt, um sich irgendwann seinen Lebenstraum von einem eigenenen Limo-Service zu erfüllen.

 

In der engen Fahrzeugkabine treffen zwei Weltbilder aufeinander, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Der eiskalte Soziopath und das um sozialen Status ringende Muttersöhnchen gondeln durch die nächtliche Stadt, von einem Tatort zum nächsten, und je weiter die Nacht voranschreitet, desto deutlicher wird, dass sich Vincents sorgfältig zurechtgezimmerter Killer-Existenzialimus an Max’ unkompliziertem Pragmatismus die Zähne ausbeißen muss. Erfrischend ist, dass moralische Ständeschranken in “Collateral” unangetastet bleiben. Mann versucht gar nicht erst, die Wertekonzepte ineinander zu spiegeln, um etwaige Gemeinsamkeiten in seinen Figuren herauszuarbeiten. Der Film lebt von seinen Gegensätzen: die Guten sind grundgut, die Bösen sind erzböse, und je klaustrophobischer die Situation im Fahrzeug wird, desto unendlicher erstreckt sich draußen die Stadt.

 

“Collateral” ist das Werk eines modernen Ästheten, der seine Bilder aus der Interaktion von Architektur und Mensch, von Stadt und Mann, entstehen lässt. Wie falsch gepolte Vampire werden Manns Figuren permanent vom Neonlicht angezogen. Manchmal sieht es sogar aus, als sei nicht die Stadt erleuchtet, sondern die Menschen selbst. Wie sie sich auch durch diesen Lebensraum bewegen, immer scheinen sich die Menschen zu den Gebäuden und Straßenzügen zu verhalten. Besonders anschaulich wird das beim Showdown, wenn Foxx und Cruise in einer Hitchcock-ähnlichen Situation durch Glasfassaden füreinander gut sichtbar und doch - von zwei Bürotürmen getrennt - unerreichbar bleiben. 

 

Mit “Collateral” hat sich in Manns Gesamtwerk ein formaler Gestaltungswille ausgeformt, der den Bogen von der bonbonfarbenen Pop-Ästhetik seiner TV-Produktion “Miami Vice” zu den monochromen, Neo Noir-angehauchten Bildern aus Manns letztem Los Angeles-Film “Heat” allerdings auch etwas überspannt. Zwischenzeitig zieht es ihn immer wieder zu biografischen Stoffen (“The Insider”, “Ali”), doch mit “Collateral” outet Mann sich endgültig als unverbesserlicher Großstadt-Cowboy, der seinen Blick verklärt über die urbane Landschaft streifen lässt. Nicht hoch zu Ross, dafür immer auf Augenhöhe aus dem fahrenden Auto heraus. Einmal sogar aus der Vogelperspektive, im 90°-Winkel über der Stadt – und für einen Moment ist Los Angeles, als Muster aus der Luft betrachtet, was es ist: Straßen und Wolkenkratzer. Ein von Menschenhand geschaffener Moloch, dessen formvollendete Schönheit sich nicht jedem Betrachter zu erschließen vermag.

 

Cruise bringt seine Abneigung gegen dieses Los Angeles gleich am Anfang des Filmes zum Ausdruck. Es sei eine Stadt ohne Zentrum, ohne Gleichgewicht. Michael Manns good guys würden so nie reden.

 

Andreas Busche

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Die Zeit

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Collateral

USA 2004 - Regie: Michael Mann - Darsteller: Tom Cruise, Jamie Foxx, Jada Pinkett Smith, Mark Ruffalo, Peter Berg, Bruce McGill, Irma P. Hall, Barry Shabaka Henley, Richard T. Jones, Klea Scott, Bodhi Elfman - FSK: ab 16 - Länge: 120 min. - Start: 23.9.2004

 

 

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