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Charade

 

 

Ein bemerkenswertes, eins der besten Produkte der amerikanischen Unterhaltungsindustrie seit den letzten Jahren. Der Rezensent bekennt, daß er einen solchen Film aus den USA nicht mehr erwartet hatte. Man muß schon eine ganze Weile in der amerikanischen Filmgeschichte zurückgehen, um ein Vorbild zu finden. Bettgeflüster wird zum Konversationsstück, Ladykillers zur komischen Nummer und Manche mögen’s heiß zum Märchen. Arsen und Spitzenhäubchen - ihm käme die Charade noch am nächsten, aber gerade bei diesem Vergleich zeigt sich, wie optimal Stanley Donen die filmischen Mittel der Kamera, der Montage und des Geräusches entfaltet hat. So darf man Charade das Kompliment machen, ohne unmittelbares Vorbild zu sein, wobei es sich versteht, daß der Film mit allen Raffinessen der Unterhaltungsindustrie produziert wurde.

 

Die Charade lebt von ihren Pointen, und da sie ein Kriminalfilm ist – es passieren Morde; wer ist der Täter? -, verbietet sich eine korrekte Inhaltsangabe. Bleibt die Exposition zu berichten. Reggie (Hepburn),  gelangweilte amerikanische Ehefrau, flirtet in einem französischen Skiparadies hinter einem Beau mit ergrauten Schläfen her (Grant). Derweil wird ihr Ehemann so gezielt aus dem fahrenden Zug gestoßen, daß er mit dem zerschundenen Gesicht unter die Gleise und vor die Kamera gerät. Das war der erste Mord, weitere folgen, und auch Reggie ist bedroht. Ein gewisser Tex (Coburn) foltert sie, indem er rücksichtslos und in Sekundenschnelle kleine brennende Streichhölzer auf Ihren Hubert-de-Givenchy-Mantel schnippt. Und Scobie (Kennedy) ist mit seinem künstlichen Greifarm aus frisch geputztem Stahl hinter ihr her. So oder so wollen die Übeltäter von ihr 250 000 Dollar haben. Diese Summe vermuten sie seit dem Kriege (daher der Greifarm) bei ihr versteckt. Denn: im Kriege vergruben diese ehemaligen GIs - und Reggies seliger Mann gehörte dazu - als wenig patriotische Amerikaner das Geld in die Erde, statt es den französischen Widerständlern auszuhändigen. Klar, Reggie braucht Hilfe und sowieso einen Mann, drum schläft der graue Beau im Hotelzimmer gleich nebenan. Unpatriotische US-Soldaten, die Resistance um Geld betrogen, Leichen-Ulk im Gotteshaus, und was singt, wer hilflos an der Dachrinne hängt? Oh näher mein Gott zu Dir. - Gut,

 

Donen hat kecken Mut gefaßt und treibt mit dem Makabren Scherz. Das hat es schon gegeben. Wohltuend aber ist, daß die Filmautoren ihr zynisches Vergnügen mit den verschiedensten filmischen Mitteln bewerkstelligen und dabei auf allerlei Einfälle gekommen sind. Hier macht sich angenehm bemerkbar, daß einmal nicht eine literarische Vorlage verfilmt worden ist. So kommt beispielsweise der irreführende Wiederholungsschwenk zum Zuge. Schwenk 1: Winterlandschaft - Eisenbahn  -  Leichensturz  in die Großaufnahme. Schwenk 2: Winterlandschaft mit Schnee - Hotelterrasse - Pistole dräut in  Großaufnahme und Reggie löffelt Sahneeis; was passiert? Der kleine Jean-Louis schießt ihr ins Gesicht, mit seiner Wasserpistole. Oder die Montage von Halbnah- und Großaufnahme: Auf eine Zimmerkonversation folgt, hart geschnitten, in Großaufnahme etwas heftig Schlagendes - der Kaspar und der böse Feind im Vrai Guignolet, wie man erst nach der Schocksekunde festzustellen Gelegenheit findet. Oder die ungewöhnlichen Kameraperspektiven: eine Leiche wird ins Kühlfach geschoben - mitsamt der Kamera. Oder die unvermutete Sequenz: ein Tonarm in Großaufnahme; eine Platte, die sich dreht; ein Lautsprecher in Großaufnahme; ein Choral ertönt; dann erst der Kirchenraum mit aufgebahrter Leiche. Bei allen Gags wird nichts expliziert; Dialoge sind lobenswert reduziert und reihen sich gleichberechtigt in die anderen Filmmittel ein.

 

Mit einer Aufzählung der Einfälle ist freilich noch nichts über die Wirkung des Films gesagt. Stanley Donen hat sie in ein fast unglaubliches Balanceverhältnis zum Fortgang seiner Geschichte gebracht. Gruselig ist es, wenn der Kriegsversehrte mit dem Greifarm durch die Holztür haut. Gleichzeitig aber erlaubt Donen dem Zuschauer, sich über das eigene Gruselgefühl lustig zu machen. So nimmt er, was er gibt, und schafft doch ein doppeltes Vergnügen: über die Aktion selbst und über die Reaktion darauf. Daß dieses komplizierte Amüsement anhält, ist eine Frage des guten Geschmacks, und darin zeigt sich Donen hier als Meister. Er ist mit seinen Darstellern freilich auch aufs beste eingespielt. 1956 drehte er mit der Hepburn Funny Face (Ein süßer Fratz, „Filmkritik“ 1/58); mit Grant gründete er gar eine Produktionsfirma, die Grandon. Bemerkenswerterweise ging dieses Zusammenspiel nicht in Routine unter, sondern erlaubte, Nuancen auszukosten.

 

So hat die Hepburn sich durchaus entwickelt. Sie tritt nicht mehr als Europablütige auf, sondern als Amerikanerin. Als solche ergreift sie vom anderen Geschlecht selbstsicher Besitz; sie ist es, die den Flirt führt (dem guten Jungen Grant - freilich vollendet er in diesem Jahr sein sechstes Jahrzehnt – bleibt nur, sie mit der ausgefüllten Heiratsurkunde zu überraschen).

 

Donens Film, keck, übermütig, unsentimental, ohne Rücksicht auf höhere Werte, ist alldies aus Selbstzweck. Er verkündet keine Botschaft. Aber er kultiviert das "Prinzip des Artifiziellen um des Artifiziellen willen" (Fk 2/59), wie Kotulla schon zu Indiskret formulierte. Hier liegt die Grenze zwischen Unterhaltung und Kunst. Ein Film wie Der Teufel mit der weißen Weste („Filmkritik“ 1/64) erhebt sich im Vergleich mit der Charade zum Kunstwerk: dort wird der unernste Held ernst genommer. Hier, in Donens Film, geht es geradezu inhuman zu: den Menschen gilt kein Mitgefühl, weil ihre Rolle augenzwinkernd nur der Vermittlung hübscher Gags dient (das "Gesellschaftsspiel" im Night-Club; die "Wash-and-Wear"- Demonstration unter der Brause), über ihr Schicksal braucht man sich so wenig Gedanken zu machen wie über das der Clowns zwischen den Circus-Nummern, und Donen, der Spielleiter, hat die volle Übersicht.

 

So bleibt es dabei, daß der Kinogänger sich genießerisch in seinen Sessel lehnt; er hebt den kleinen Finger wie weiland Schwager Olivier vor Ronceval und "fordert den Fremden auf, zu zeigen, was er Schönes und Ergötzliches zu bringen verstehe. / Ei, was er nun der Herrlichkeiten vor ihm aufschloß!"                     

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in der Februarausgabe 1964 von „Filmkritik“

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