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The Brown Bunny

Ganz ohne Skandal: ein schöner Film

 

Zwei Jahre nach dem Aufruhr von Cannes kann man feststellen, dass "The Brown Bunny" von Vincent Gallo ganz wunderbar ist

 

Vincent Gallo, Model, Sänger, Schauspieler, in politischen Dingen um keine reaktionäre Ansicht verlegen, präsentiert im Jahr 2003 in Cannes "The Brown Bunny", seinen zweiten Film als Regisseur. Der Vorspann verkündet lapidar: Written, edited and directed by Vincent Gallo. Kamera: Vincent Gallo. Produzent: Vincent Gallo. Hauptdarsteller: Vincent Gallo.

 

Die versammelte Film-Weltpresse in der Wettbewerbsvorführung der Filmfestspiele wird schnell unruhig, und desto unruhiger, je stiller und langsamer und ereignisloser der Film selbst ist. Hunderte verlassen den Saal, es gibt Geschrei, Tumulte, und als in einer der letzten Szenen Vincent Gallo auch noch in aller Deutlichkeit von Chloe Sevigny einen Blow-Job bekommt, gibt es kein Halten mehr.

 

In den Kritiken, die hinterher geschrieben werden, ist von der Aufführung fast mehr zu lesen als vom Film. Der amerikanische Kritiker Roger Ebert nennt "The Brown Bunny" den schlechtesten Beitrag, den der Wettbewerb von Cannes je erlebt hat, und gibt damit einer allgemein verbreiteten Stimmung Ausdruck. Vincent Gallo, liest man, schwört, nie wieder einen Film zu drehen, bestreitet dann aber, das je gesagt zu haben.

 

Was Gallo tatsächlich tut: Er kürzt den Film um fast ein Viertel und zeigt diese Fassung auf den Festivals in Venedig und Toronto. Plötzlich sind die Kritiken freundlich, manche sogar hymnisch, es scheint sich um einen anderen Film zu handeln.

 

Dieser Film ist es, der nun endlich auch auf einer deutschen DVD erhältlich ist, nachdem der Film dem Kinopublikum in Deutschland - anders als in Österreich - vorenthalten blieb. Die DVD kommt, von zwei Trailern abgesehen, ohne jedes Extra aus, aber im Grunde ist das schön und gut, denn wer hätte einen Bonus gebraucht, in dem womöglich Vincent Gallo Vincent Gallo interviewt. Und vor allem spricht der Film für sich, denn "The Brown Bunny" ist, was man nach all dem Skandalgeschrei gar nicht glauben mag: still, sanft, verletzlich, eine Meditation über Tod, Trauer und Schuld.

 

Bud (Vincent Gallo) ist, wortlos fast, auf der Flucht vor sich selbst. Er fährt Motorrennen und packt sein Motorrad hinterher in seinen Transporter und fährt davon. Minutenlang zeigt Gallo diese Fahrt, die nirgendwohin zu führen scheint, er zeigt die Straßen Amerikas durch die Windschutzscheibe, er zeigt den Schmerz im Gesicht des Mannes, einen Schmerz, dessen genaue Ursache wir erst am Ende erfahren. Es wird nur klar, dass es eine Daisy gegeben hat, dass sie aus seinem Leben verschwunden ist, denn auf einer der Stationen macht er Halt bei Daisys Eltern.

 

Wenn Sich-Ereignen heißt, dass entlang den Fäden eines Plots Figuren Geschichten miteinander haben, dann ist "The Brown Bunny" ein ereignisloser Film. Er erzählt von der als Geschichte gerade nicht mehr zu fassenden Erfahrung eines Mannes, dessen Leben zerfällt, der Vergebung sucht und Nähe, und der nichts davon finden wird. Stattdessen wird er nur phantasmagorisch zurückkehren können zu dem Ereignis, das ihn verwundete. Eine Frau, die er gerade erst kennen gelernt hat, bittet er, mit ihm zu kommen. Die Frau steigt in sein Auto, dann steigt sie wieder aus, lässt ihn allein, er fährt weiter. Bewegung wird in "The Brown Bunny" ad absurdum geführt, aber nicht um der Absurdität willen, sondern als Ausdruck einer traumatischen Verletzung, die der Film einen spüren lässt, bevor er sie erklärt.

 

Bud fährt, aber er erlebt nichts. Er fährt, aber er kommt nicht voran. Einmal packt er in der Salzwüste von Salt Lake, im Nichts und Nirgendwo, sein Motorrad aus dem Kombi, steigt auf, fährt geradewegs ins Weiße hinein. Erst folgt die Kamera ein wenig, dann bleibt sie zurück, hält nur das Verschwinden fest, den Moment des Übergangs. Erst haften die Räder noch auf dem Weiß, dann gerät das Motorrad in eine Zone der Spiegelung, des Flirrens, das Motorrad schwebt wie im Nichts. Was diesem Bild alles Metaphysische austreibt, ist der sachliche Schnitt, der folgt. Die Fahrt mit dem Kombi geht einfach weiter, Straßen über Straßen, und die Erlösung bleibt aus, bis zum Ende.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der taz

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

The Brown Bunny

USA, Japan, Frankreich 2003

Regie: Vincent Gallo

Drehbuch: Vincent Gallo

Kamera: Vincent Gallo

Schnitt: Vincent Gallo

Produzent: Vincent Gallo

Soundtrack: Ted Curson, Jackson C. Frank, Vincent Gallo, John Frusciante

Laufzeit: 93 Minuten

 

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