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Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück

 

Ich will so bleiben, wie ich bin

 

Wenigstens die Zielgruppe ist deutlich erkennbar: Mädchen, die sich zum Ally Mc Beal-Gucken verabreden. Und Jungs, die sich über Einladungen zu solchen Mädchentreffen freuen und Prosecco mitbringen.

 

Das Genre ist auch erkennbar, mehr als deutlich. Wir sehen eine Romantische Komödie über Englands einsame Herzen der oberen Mittelschicht. Britischer Humor, das bedeutet High-Brow-Schrulligkeit und gezügelten Optimismus mit scharfem Zungenschlag: das Leben läuft Scheiße, klar. Aber wer will deswegen sein kulturelles Kapital unter den Scheffel stellen? Also parliert man auf Verlagspartys über "Vonnegutesquen Stil" und wenn Salman Rushdie einen dabei schäpps anschaut, fragt man ihn schnell nach dem Weg zu den Toiletten. Die richtigen Pfunde an die entscheidenden Stellen, die richtigen Bonmots zur treffenden Gelegenheit, die richtigen Leute kennen lernen - lautet der Knigge des halbintellektuellen Milieus, in dem der Film spielt.

 

Sein Sorgenkind heißt Bridget Jones und ist Verlagsassistentin. Sie glaubt ihre Pfunde an der falschen Stelle, trägt das Herz auf der Zunge und verliebt sich in Mr. Wrong, weil Mr. Right ihr im Rentierpulli vorgestellt wird. Am Ende ... na ja, alles wird gut.

 

Entstanden ist der Film nach Helen Fieldings Zeitungskolumne im "Independent", die in Tagebuchform so etwas wie das weibliche Gegenmodell zu Nick Hornbys postemanzipatorischer Identitätsfindung erprobte. Die Sache mit der Gleichberechtigung haben wir ja alle kapiert, aber warum haben Chauvis und Luder immer viel mehr Stich, wenn's um Anmache geht? In Tagebuchform, also hochgradig egozentrisch, beginnt auch der Film und macht einigermaßen Spaß. Bridget leistet sich einen heißen Flirt mit ihrem Vorgesetzten, guten Sex und schnippische Antworten. Ihre verliebt-verzerrte Wahrnehmung stichelt treffsicher in der heißen Luft herum, die das umgebende Kulturproletariat in die Atmosphäre bläst. So weitergesponnen, hätte aus dem Film eine mittelprächtige Screwballcomedy und Lektion in Sachen Lifestyleverweigerung werden können.

 

Aber dann beginnt die Liebesgeschichte, der Film verkrümelt sich in eine Beobachterposition, aus der heraus er der zunehmend verblödenden Bridget die Daumen drückt für alles, was da kommen mag. Die Genremaschine wird angeworfen, Bridgets Schwanken zwischen Casanova und Tristan über immer weitere Runden verlängert und im verkorksten Eheleben ihrer Eltern parodistisch gespiegelt. Zum Schluss war sie dann doch ein kleines Hausmamsellchen, dem die Männlichkeit zeigt, wo's langgeht.

 

Ach Bridget.

 

Dein Urs

 

Urs Richter

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei:  filmtext

 

Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück (Bridget Jones's Diary), UK/USA/FR 2001. R: Sharon Maguire, B: Helen Fielding, Andrew Davies, Richard Curtis, K: Stuart Dryburgh, Schn: Martin Walsh, Pr: Tim Bevan, Eric Fellner, Jonathan Cavendish, D: Renée Zellweger, Hugh Grant, Colin Firth, Jim Broadbent, Gemma Jones und Salman Rushdie als er selbst .

Universal, 23. August 2001

 

 

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