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Das
Boot (Director’s Cut)
Unser
Boot
Fast
ein Vierteljahrhundert, scheint es, war Wolfgang Petersens "Das Boot"
nach dem Roman Lothar-Günther Buchheim "unser Film", bevor "Der
Untergang"
dieses Prädikat übernehmen sollte - ein Film über das "Dritte
Reich" aus der Enge eines U-Boots, in technischer und dramaturgischer Brillanz
gedreht, Petersens Eintrittskarte in Hollywood, ein Film, den man "uns
Deutschen" kaum zugetraut hätte, ein Film, der den Maßstäben
des Hollywood-Kinos entsprach, ein Film, den selbst der bekannte amerikanische
Filmkritiker Roger Ebert als Antikriegsfilm einstufte, dessen großartige
schauspielerische Leistungen allerorts gelobt wurden und so weiter und so fort.
Schäme sich der, der auch nur ein Fünkchen Kritik an diesem Meisterwerk
äußert?
Der
Schluss des Films, der Moment, in dem fast alle Besatzungsmitglieder des U-Boots
in La Rochelle bei einem Luftangriff getötet werden, scheint zu der Frage
zu zwingen: Wofür sind sie gestorben? Und der Anfang des Films, ein feucht-fröhliches
Männerbeisammensein vor dem Auslaufen (Motto: Erst ordentlich einen tanken,
dann auslaufen), scheint dieses Wofür sogar durch seinen Anti-Hitler-Touch
zu bestätigen, als der Marinesoldat Thomsen (Otto Sander) in volltrunkenem
Zustand das Mikrophon ergreift und den versammelten und zumeist torkelnden Kameraden
zuruft: "Unser herrlicher, wertgeschätzter abstinenter und unbeweibter
Führer, der in glorreicher Karriere vom Malerlehrling zum größten
Schlachtenlenker aller Zeiten ... stimmt's etwa nicht?" ... "Also,
der große Flottensachverständige, der unübertroffene Seestratege,
dem es gefallen hat, in seinem unermesslichen Ratschluss ... wie geht's 'n weiter?"
Die
aussagekräftige Klammer des Films scheint zu funktionieren. Eine Anti-Hitler-Koalition
der besonderen Art, sozusagen eine unter Wasser, scheint sich zusammen zu schmieden.
Eine Männergemeinschaft scheint entschlossen, ja, aber zu was?
Im
Herbst 1941 müssen die Marine-Verantwortlichen zur Kenntnis nehmen, dass
Churchill sich durch die deutsche U-Boot-Flotte nicht in die Knie zwingen lässt.
Immer jüngere Soldaten werden in die U-Boote abkommandiert. Am Ende des
Krieges wird selbst 20jährigen ein Kommando auf U-Booten erteilt. 1945
steht fest: 30.000 der 40.000 Männer in deutschen U-Booten sind bei ihren
Einsätzen ums Leben gekommen.
•
I N H A L T •
Kapitänleutnant
Lehmann-Willenbrock (Jürgen Prochnow) - genannt der Kaleu (Kapitänleutnant)
- und seine 50 Marinesoldaten gehen zu Wasser. Sie sollen im Atlantik mit der
U-96 nach feindlichen Schiffen fahnden. Mit an Bord sind u.a. der Kriegsberichterstatter
Werner (Herbert Grönemeyer), Lehmanns Stellvertreter Fritz Grade (Klaus
Wennemann), der am liebsten nach Hause zu seiner schwer kranken Frau möchte,
der erste Offizier (Hubert Bengsch), der einzig 150%ige Nazi an Bord und der
leicht zynische zweite Offizier (Martin Semmelrogge). Bei einem Manöver
gegen feindliche Schiffe wird die U-96, nachdem sie Torpedos abgeschossen hat,
von einem Zerstörer in arge Bedrängnis gebracht. Lehmann lässt
das U-Boot immer tiefer tauchen, 150 Meter und mehr; das Boot droht zu zerbersten.
Erst nach etlichen Stunden wagt Lehmann es, wieder aufzutauchen - und schießt
auf ein brennendes feindliches Schiff erneut einen Torpedo ab. Erst danach bemerken
die Besatzungsmitglieder, dass sich an Bord des beschossenen Schiffs noch Lebende
befinden, die allesamt umkommen.
Nach
der Rückkehr der U-96 erhält Lehmann den Auftrag, durch die Meerenge
von Gibraltar in den italienischen Hafen La Spezia einzulaufen - ein mörderisches
Unternehmen. Lehmann will die nur sechs Kilometer breite Meerenge, die von englischen
Schiffen natürlich stark kontrolliert wird, bei Nacht anlaufen, dann tauchen,
die Motoren abstellen in der Hoffnung, die Strömung treibe die U-96 ins
Mittelmeer. Doch das Boot wird von einem feindlichen Flugzeuggeschwader entdeckt,
beschossen und sinkt bis auf eine Tiefe von 260 Metern. Wasser dringt durch
die platzenden Wände ein. Lehmann allerdings gibt nicht auf. Zum Glück
setzt das Schiff vor einem weiteren Absinken auf. Nach den notwendigen Reparaturen
und dem Ausschaffen des Wassers sieht Lehmann nur noch eine Chance, das Boot
wieder flott zu machen, sprich aufzutauchen ...
•
I N S Z E N I E R U N G •
Ein
typisch deutscher Film? Ja und Nein. Petersen orientierte sich vor allem an
der Art und Weise, wie Hollywood solche (Kriegs-)Filme inszeniert. Und vieles
an "Das Boot" erinnert tatsächlich in Machart wie Aussage an
bekannte US-Kriegsfilme. Man könnte sogar andererseits sagen, dass "Das
Boot" einige spätere US-Filme geradezu inspiriert hat, etwa "Pearl
Harbor",
auch wenn dieser Film auf wesentlich weiter entwickelte technische Möglichkeiten
zurückgreifen konnte. Die Frage, die sich mir stellt, ist eher: Wozu dieser
Film? Buchheim verarbeitete in seinem Roman eigene Kriegserlebnisse als Kriegsberichter
in U-Booten und war mit der filmischen Umsetzung durch Petersen in verschiedenen
Punkten nicht einverstanden. Da ich sein Buch nicht kenne, erspare ich mir,
auf diese Kritikpunkte hier einzugehen (1).
Was
zeigt Petersen? Zunächst einmal und ganz überwiegend zeigt er eine:
Männergemeinschaft. Diese Männergemeinschaft, gekennzeichnet durch
das, was man gemeinhin als "Kameradschaft" tituliert, und durch eine
klare hierarchische Struktur, präsentiert einen Kapitänleutnant, der
durch Jürgen Prochnow als eine Art Vaterfigur, also eine Person, die in
jeder Hinsicht durch Verantwortung und Zuneigung für seine Untergebenen
gekennzeichnet ist, dargestellt wird. Diese Interpretation des U-Boot-Kommandanten
durchzieht den gesamten Film. Und viele, auch ich übrigens beim ersten
Sehen des Films vor etlichen Jahren, werden durch die Art und Weise, wie Prochnow
diesen Mann spielt, tief beeindruckt gewesen sein. Inwieweit Prochnow speziell
aus diesem Gesichtspunkt heraus für die Rolle ausgewählt wurde, kann
ich nicht sagen. Er präsentiert uns diese Rolle jedenfalls durchweg als
das, was man gemeinhin "Sympathieträger" zu nennen pflegt. Mit
dieser Darstellung ist die halbe Ernte des Films bereits eingefahren. Damit
korrespondiert eine Besatzung, die - bis auf den überzeugten Hitler-Anhänger,
den ersten Offizier, dessen ideologischer Fanatismus allerdings zum Schluss
des Films hin auch eher bröckelt - "ihrem" Kaleu treu ergeben
ist - wie eine Kinderschar, die auf Papa hört, geeint in ihrer kritischen
Distanz zu Marineführung und Hitler.
Neben
Kameradschaft und "väterlicher" Befehls- und Gehorsamsstruktur
tritt ein Drittes: Ideologie. Gerade die mehr oder weniger scharfe Distanz der
Besatzung und ihres Kommandeurs zum Nationalsozialismus - der erste Offizier
ist in dieser Hinsicht "kalt gestellt", sprich: hat keinen Einfluss
auf die Truppe - scheint eine ideologiefreie Atmosphäre an Bord zu implizieren,
obwohl man sich fragen muss, ob es in den U-Booten damals wirklich so wenig
überzeugte NS-Anhänger gegeben haben mag. Dazu trägt auch bei,
dass - außer bei einem kurzen Aufenthalt beim Heil-Hitler-posaunenden
Kapitän der "Weser" (Günter Lamprecht)- das politisch destruktive
und skrupellose nazistische Milieu der Zeit ganz überwiegend außen
vor scheint. Alles konzentriert sich auf den Zusammenhalt der Besatzung gegenüber
den Risiken im Atlantik und bei Gibraltar. Also doch ideologiefrei? Keineswegs.
Petersen
unterlässt es, wie in amerikanischen Militärschinken üblich,
mit schwammigen Begriffen wie Ehre, Pflicht und Vaterland um sich zu werfen
und fokussiert ganz auf die klaustrophobische Umgebung und das Verhalten einzelner
Besatzungsmitglieder. Und gerade hier wird der Film - gewollt oder nicht - eben
doch ideologisch.
Man
mag einwenden, ein väterlicher Kommandeur sei immer noch besser als ein
skrupeloser nazistischer Haudegen, der seine Männer in die Vernichtung
führt. Aber dieses Argument trügt. Denn gerade dadurch, dass Petersen
Abstand von solchen Verhältnissen nimmt, reproduziert er die Ideologie
von "Kameradschaft", Pflichtgefühl und Ehre in einer scheinbar
neutralen Weise. Die Bilder des Films sprechen in dieser Hinsicht Bände.
Über weite Strecken - vor allem im Director's Cut ging mir dies allmählich
auf die Nerven - sieht man ängstliche Gesichter von Männern, die sich
aber dennoch zusammenreißen, die Ruhe bewahren (der Kaleu ermahnt sie
dessen mehrfach), wie sie nach oben schauen, von wo aus die Gefahr naht, hört
beschwichtigende Worte des Kaleu, sieht Prochnow leise lächeln, voller
Zuversicht angesichts des Zusammenhalts der Truppe, sieht den unterwürfigen
Gehorsam seiner Männer usw. Mehrfach eingeblendet wird ein Foto des Großadmirals
Dönitz, den Hitler kurz vor seinem Tod zum Reichspräsidenten ernannte
- einer jener typischen stockkonservativen Militärs, die nie hinter der
Weimarer Demokratie standen. Noch am 1. Mai 1945 forderte er über den Rundfunk
die kämpfende Truppe zum weiteren Krieg gegen "den Osten" auf:
"Im Bewusstsein der Verantwortung übernehme ich die Führung des
deutschen Volkes in dieser schicksalsschweren Stunde. Meine erste Aufgabe ist
es, deutsche Menschen vor der Vernichtung durch den vordrängenden bolschewistischen
Feind zu retten. Nur für dieses Ziel geht der militärische Kampf weiter."
Sieben Tage später ließ Dönitz durch Jodl die bedingungslose
Kapitulation unterschreiben.
Zurück
an Bord: Als dort dann doch einer - Johann (Erwin Leder) - die Nerven nach einem
Angriff verliert, zieht der Kaleu die Pistole, während Grade und zwei andere
den entnervten Johann, der seinen Gefechtsstand verlassen hat, schützen
und den Kaleu daran hindern, ihn wegen Befehlsverweigerung zu erschießen.
Der Kaleu begreift schnell und lässt von seinem Vorhaben ab. Später
entschuldigt sich Johann, der Angst vor dem Kriegsgericht hat, bei ihm und der
Kaleu schaut ihn ruhig, milde gestimmt und väterlich an. Die Sache ist
erledigt.
Was
sehen wir also? Wir sehen, wie im Film die Grundvoraussetzung von Kampfbereitschaft
und militärischem Gehorsam entwickelt wird. In dieser Hinsicht unterscheidet
sich Petersens Film in keinem Punkt von US-amerikanischen Kriegsfilmen, die
die "Kameradschaft" feiern. Diese Ideologie der Männergemeinschaft,
deren Ausdruck militärische Kameradschaft ist, ist aber ein Produkt der
noch zivilen Gesellschaft und Grundvoraussetzung auch heutiger militärischer
Einsatzbereitschaft. Man mag das für banal halten. Aber letztlich liegt
hier ein wichtiger Grund, warum Krieg überhaupt funktioniert. Das Wesen
der Kameradschaft ist nicht Freundschaft, sondern eiserne Disziplin im Hinblick
darauf, jederzeit auch unter eigener Lebensgefahr für den anderen einzustehen,
ohne nach dem Zweck dieses Bündnisses noch zu fragen. Verkauft man dieses
Prinzip in der Weise, wie im Film geschehen, durch die Präsentation eines
Kommandanten, der geradezu väterliche Züge in Bezug auf seine Truppe
und das Element des gnadenvollen Verzeihens in sich trägt, wird es umso
überzeugender, zumal man von der NS-Ideologie Abstand genommen hat.
Auch
die an einigen Stellen eingebauten Szenen, in denen ein Soldat Briefe an seine
Braut schreibt bzw. Grade verzweifelt an seine todkranke Frau denkt, ändern
nichts an meiner oben dargestellten Sicht. Diese Szenen kaschieren nicht etwa
irgend etwas. Mit der "Kameradschaft" in der Ferne oder Fremde korrespondiert
vielmehr dieser Blick auf die "Heimat", für die man Opfer bringt.
Etwas ähnliches gilt auch für die Figur des Berichterstatters Werner.
Grönemeyer wurde die Funktion des Soldaten zuteil, der erst im Kampf unter
Wasser richtig begreift, was Krieg eigentlich ist. Und selbst der NS-gestählte
zweite Offizier ist am Ende tief beeindruckt vom Männerbund, den der Kaleu
anführt.
Es
ist - um es noch einmal zu betonen - diese Männerbündelei, diese internalisierte,
aber eigentlich fremden Zwecken dienende Kameradschaftsideologie, die neben
anderen Dingen Krieg erst möglich macht; sie wird auch in "Das Boot"
"leise" gefeiert. Man stelle sich den gleichen Film vor, aber ausschließlich
mit Frauen in den Rollen. Das ist schlichtweg nicht vorstellbar. Kennzeichen
einer solchen "Kameradschaft" ist es eben, nach den Gründen nicht
mehr zu fragen, die die Truppe zum Einsatz bringt. Derlei militärische
Einheiten können letztendlich für fast jeden Zweck eingesetzt werden.
Gerade ihre scheinbare Entideologisierung - nur "das Vaterland zu verteidigen"
bleibt als letzter, aber eben entscheidender Rest - schafft ihre Einsatzbereitschaft.
Das in diesem Bezugsystem die Kapitulation oder das Überlaufen zum Feind,
also Desertieren, keine Alternative ist, ergibt sich zwingend aus der vaterländischen
Männerbündelei. Man beachte, wie viele Jahrzehnte nach 1945 Deserteure
der Wehrmacht auch weiterhin verunglimpft wurden, bis endlich an wenigen Orten
in der Bundesrepublik Deutschland auch ihnen positiv gedacht wurde.
Man
vergleiche schließlich "Das Boot" etwa mit Kubricks "Full
Metal Jacket", in dem diese auf amerikanische Soldatenschmieden zugeschnittene
Männerbündelei im ersten Teil des Films gnadenlos bloßgestellt
und im zweiten Teil jegliche Kriegsideologie und -wirklichkeit ebenso gnadenlos
dekonstruiert wird. Gerade "Das Boot" zeigt unmissverständlich,
dass ein Anti-Kriegs-Film letztlich gar nicht nur im Krieg spielen könnte,
sondern in einer Gesellschaft beginnen müsste, die Kriegsbereitschaft erzeugt,
zeigen müsste, wie sie diese erzeugt.
Petersen
erzeugt Helden, die sich im Kampf bewähren und die am Schluss dennoch nur
der Tod erwartet. Die damit verbundene Spekulation ist Rettung des Kameradschaftsgedankens
angesichts der nazistischen "Verunreinigung" dieser "Idee".
Es käme vielleicht eher darauf an, Helden zu zeigen, die sich nicht im
Kampf bewähren, sondern in dessen Verhinderung.
P.S.
Ich beziehe mich in diesem Bericht auf den Director's Cut, ein um eine gute
Stunde längere Fassung des Films, der am 30.4.2005 im Fernsehen lief, nicht
auf die DVD.
Wertung:
5 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in:
(1)
Vgl. Buchheims Kritik in Auszügen, zu finden in: http://www.staff.uni-marburg.de/~naeser/buchheim.htm
Die
gesamte Kritik ist zu finden in GEO 10/1981 unter dem Titel "Die Wahrheit
blieb auf Tauchstation".
Das
Boot
(Intern.
Titel:
The Boat)
Deutschland
1981, 149 Minuten (Director's Cut: 216 Minuten)
Regie:
Wolfgang Petersen
Drehbuch:
Wolfgang Petersen, nach dem Roman von Lothar-Günther Buchheim
Musik:
Klaus Doldinger
Kamera:
Jost Vacano
Montage:
Hannes Nikel
Produktionsdesign:
Rolf Zehetbauer
Darsteller:
Jürgen Prochnow (Kapitänleutnant Henrich Lehmann-Willenbrock), Herbert
Grönemeyer (Lt. Werner), Klaus Wennemann ("Der Leitende" Fritz
Grade), Hubertus Bengsch (Erster Leutnant), Martin Semmelrogge (Zweiter Leutnant),
Bernd Tauber (Kriechbaum), Erwin Leder (Johann), Martin May (Ullmann), Heinz
Hoenig (Hinrich), Uwe Ochsenknecht (Chief Bosun), Otto Sander (Thomsen), Günter
Lamprecht (Kapitän der "Weser")
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0082096
©
Ulrich Behrens 2005
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