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BOB ROBERTS

 

Frisch, frech und zynisch, ist dieser aggressive und witzige „Dokumentarfilm" gleichzeitig Fiktion wie die volle Wahrheit über das Rollback der neuen Rechten in den USA. Tim Robbins' (THE PLAYER) Regiedebüt gibt vor, den Wahlkampf des jung-konservativen Yuppies Bob Roberts um den Senatorensitz von Pennsylvania zu begleiten. Eine TV-Reportage: die Handkamera fischt Statements, wackelig torkelt sie den Ereignissen hinterher, verschwörerisch fängt sie den Blick eines Insiders auf, dann stürzt sie sich mit dem Reißschwenk in neue Abenteuer. Am 15. Januar 1991 wird das Wahlergebnis verkündet. Aber vorher ist noch Senator Paiste (Gore Vidal) zu erledigen, der amtierende Senator, dem Meinungsumfragen einen Vorsprung geben, obwohl er so haarsträubende Ansichten vertritt wie die, daß die Staaten immer weniger parlamentarisch, sondern immer mehr von einer Koalition von Verteidigungsministerium, CIA und Rüstungsindustrie regiert werden. Für Bob Roberts (Tim Robbins), jungenhaft, Millionär, Folksänger, eine strategische Frage, dies zu ändern. Seine Wahlkampagne wird zu einer perfekt inszenierten Schlammschlacht gegen den Konkurrenten. Unser Kieler Barschel war dagegen ein übler Stümper. Denn die TV-Gucker - und natürlich ist dies exklusiv ein Medienkampf - wollen strahlende Sieger sehen, am besten „einen jungen George Bush mit Gitarre" (Robbins). Freilich ist noch der lästige Journalist von „Troubled Times" (Giancarlo Esposito) auszuschalten, und zur Not kommt man selbst als strahlender Märtyrer durch.

Da auch die Filmzuschauer lieber strahlende Helden sehen als miefige Journalisten oder querulierende Greise, selbst wenn diese absolut recht haben, macht Robbins seinen singenden Kandidaten genau zu dem, wozu „think positive", „think big" auffordern. Denn man muß glücklich strahlen, locker und leicht sein, wenn man unter den begeisterten Schreien der Menge die Mundharmonika vor das Mikrofon hält und das Lied vom Lvnchen (“String' em up") singt. Im klassischen Folkstil:   “Drugs stink  /  They make me sick / These that sell'em / And those that do'em / String'em up from the highest tree". Hängt sie auf, die lazy people in the slums, die Drogies und die Perversen. Folk und auch Gospel sind die Argumente, ja die siegreichen Waffen gegen die intellektuellen Systemveränderer aus den sechziger Jahren, Gegen diese stolze Musik fruchtet keine jammernde Gegenrede. Wenn Populist Roberts singt, recken die Massen die Schilder hoch: „PRIDE". und wenn er die faulen Arbeitslosen verhöhnt, dann singt man fröhlich den Refrain mit: „Some people will work, some simplv will not, but they'll complain and complain and complain and complain and complain".

Die Musik ist das Programm. Die sprechenden Titel der Bob-Roherts-Lieder sind die Analyse; „The Times They Are a’Changin’ Back" oder „Retake America" oder „This Land Was Made for Me" oder „Wall Street Rap". Dagegen können nur Spielverderber auftreten. „Scheiß Nazi", ruft jemand und schaltet während der Live-Show den Strom ab, zwischen den Auftritten der Kornhausers und der Lobsters. Das überzeugt niemanden, weil kein Ton mehr da ist. Was überzeugt, ist Robbins' Filmstrategie, mit eben den TV-Bildern zu arbeiten, die uns Informationen suggerieren, und ganz nebenbei kann er dann auch den Bush von der Operation Wüstenschwert einschneiden, und zwar erst ihn, dann die Geschäftsbesprechung mit der Rüstungslobby und dann erst den Ausländer Saddam. Robbins also gelingt es auf geniale Weise, das Positive seines Helden in den Exzeß zu treiben, ihm immer noch eins nachzuschenken und dem Populistischen populistisch zu kommen. Wir kommen ihm so nah, wie die Jugend Amerikas, die ihm in diesem Film zujubelt, wir spüren die Faszination des singenden Kandidaten und kämpfen dann erst mit Ekel und Widerwillen. Wer das erfährt, wird böse und gemein. BOB ROBERTS macht auf eine körperliche und daher gesunde Art und Weise aggressiv. Durch Körpersprache wird die Realität faßbar. Sowohl Supertalent Tim Robbins wie “Troubled Times"-Journalist Giancarlo Esposito spielten bei Spike Lee mit (JUNGLE FEVER, SCHOOL DAZE, MALCOLM X).   

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in:  epd film

 

BOB ROBERTS

USA 1992. R und B: Tim Robbins. P: Forrest Murray. K: Jean Lépine. Sch: Lisa Churgin. M: David Robbins. T: Stephen Haibert. Ba: Richard Hoover. A: Gary Kosko. Ko: Bridget Kelly. Pg: Polygram & Working Title/Barry Levinson/Mark Johnson. V: Concorde. L: 105 Min. St: 8.10,1992. D: Tim Robbins (Bob Roberts), Giancarlo Esposito (Bugs Raplin), Ray Wise (Chet MacGregor), Brian Murray (Terry Manchester), Gore Vidal (Senator Brickley Paiste), Rebecca Jenkins (Delores Perrigrew), Harry J. Lennix (Franklin Dockett), John Ottavino (Clark Anderson).

 

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