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Blood Diamond
Nun rückt also auch Leonardo
DiCaprio in den Kreis jener Hollywood-Stars auf, die ihre teure Haut nach Afrika
tragen, um dort unser schlechtes Gewissen zu beruhigen. Damit ist er in bester
Gesellschaft. In den vergangenen Jahren konnte man schon Bruce Willis (“Tränen
der Sonne”), Angelina Jolie (“Jenseits aller Grenzen”) und Ralph Fiennes (“Der
ewige Gärtner”)
in ähnlichen Rollen erleben. In “Blood Diamond”, dem neuen Film von “Glory”-Regisseur
Ed Zwick, spielt DiCaprio den rhodesischen Ex-Söldner Danny Archer, einen
selbsternannten ‘Glücksjäger’, der sich seine Finger mit allem schmutzig
macht, was Geld bringt. Über die Zukunft seines Kontinents hat er keine
Illusionen: “T.I.A – This is Africa,” meint er achselzuckend angesichts von Völkermord, Bürgerkrieg
und westlicher Indifferenz, während er sich an der Strandbar lümmelt.
Gerade verdient er im großen Stil am Schmuggel von ‘Blutdiamanten’, illegal
geschürften Steinen aus afrikanischen Ländern, die an der internationalen
Diamantenbörse mit einem Handelsembargo belegt sind. Sierra Leone steht
ebenfalls auf dieser Liste: ein vom Bürgerkrieg zerrissenes Land, das Ende
der neunziger Jahre fest in der Hand der so genannten revolutionären United
Forces ist.
“Blood Diamond” bedient alle aus
den westlichen Medien bekannten Afrika-Klischees: hungernde Menschen, riesige
Flüchtlingslager (“heimatlos im eigenen Land”, heißt es im Film),
Kindersoldaten, Massaker an der Zivilbevölkerung. Ein ganzer Kontinent
im Zustand der Selbstausbeutung. Die Afrikaner sind entweder zu schwach (Kiplings
‘White Man’s Burden”) oder zu böse (während der Überfälle
dröhnt HipHop aus den Boomboxen der Rebellen), um sich selbst zu helfen.
Die Klischees sind inzwischen so gefestigt, dass sie neue produziert haben.
Das Figurenpersonal des ‘Afrika’-Films ist ein solches: das Trio, bestehend
aus dem abgestumpften, zu bekehrenden Amerikaner, dem aufrechten Afrikaner und
der idealistischen weißen Frau, soll stellvertretend die Konflikte abbilden,
denen wir als Zuschauer beim Anblick der Schockbilder ausgesetzt sind. Jenniffer
Connelly spielt in “Blood Diamond” die Reporterin Maddy, die in Afrika dem Handel
mit ‘Blutdiamanten’ auf der Spur ist. Dabei soll Danny ihr helfen. Ihr Bindeglied
ist der Fischer Solomon (Djimon Hounsou), dessen Familie bei einem Massaker
von den Rebellen verschleppt wurde. Er hat im Dschungel einen taubeneigroßen
Rohdiamanten gefunden, der alle drei an ihr Ziel bringen soll: Solomon kriegt
seine Familie zurück, Maddy ihre Story und Danny das Geld, um dem verfluchten
Kontinent endlich zu entkommen.
Connelly spielt in “Blood Diamond”
unser schlechtes Gewissen, doch Zwicks Büßerhaltung wirkt unglaubwürdig,
wenn man seine filmischen Mittel in Betracht zieht. Zum einen folgen seine Bilder
der bekannten Ästhetik des Elendstourismus, vor der wohl kein Hollywoodfilm
über Afrika gefeit ist. Viel kontraproduktiver ist allerdings, dass er
den Horror der Unterdrückung und Ausbeutung mit stärkeren Gewaltbildern
zu überbieten versucht. Bezeichnenderweise kommt der Film gerade in diesen
Szenen richtig in Fahrt. Das Rattern automatischer Waffen, Explosionen und der
bombastische Hip Hop-Sound liefern den akustischen Hintergrund für actionreiche
Verfolgungsjadgen durch den Dschungel. Hier wird der alte Rassismus des amerikanischen
Großstadtfilms mit dem kolonialen Rassismus einfach mal kurzgeschaltet.
(“Afrika”, sagt DiCaprio mit Bezug auf die glitzernen Statussymbole in Hip Hop-Videos,
“ist mehr ‘Bling Bang’ statt ‘Bling Bling’”) Auch eine Leistung.
“Blood Diamond” versucht durchaus
zu relativieren; mal durch einen Schnitt nach Brüssel, wo die internationalen
Diamantenkonsortien sitzen, mal durch unverhohlene Konsumkritik (ohne die Nachfrage
nach billigen Diamanten keine Ausbeutung!). Die Problematik dieser Position
wird in der Figur Connellys besonders deutlich. Zwick legt ihr die große
Erkenntnis über die realen Ausbeutungsverhältnisse (jeder profitiert
letztlich vom afrikanischen Leiden) in den Mund. Das wahre Wesen und die ganze
Ambivalenz der westlichen Haltung kommt in der kurzen Szene zum Ausdruck, in
der ein Hilfskonvoi den Ort eines Rebellenüberfalls passiert und die Journalistenmeute
(inklusive Maddy) zum Autowrack stürmt, um Bilder zu machen. Man sollte
in dieser Szene keine Diffamierung von Connellys Figur sehen, vielmehr das Grundproblem
unserer Wahrnehmung von Afrika, besonders im Kino. “Blood Diamond” ist wie ein
Verkehrsunfall: Man ist geschockt von dem Ausmaß der Katastrophe und trotzdem
können wir unseren Blick nicht abwenden.
Andreas Busche
Dieser Text ist
zuerst erschienen in: epd Film
Blood Diamond
USA 2006 - Regie: Edward Zwick - Darsteller: Leonardo DiCaprio,
Jennifer Connelly, Djimon Hounsou, Michael Sheen, Arnold Vosloo, David Harewood,
Basil Wallace, Kagiso Kuypers, Anthony Coleman - FSK: ab 16 - Länge: 143
min. - Start: 25.1.2007
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