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Blair Witch Project

 

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Endlich der Film zum Hype

 

Es geht um drei junge Leute, Filmstudenten, die 1994 bei den Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm in den Wäldern hinter Burkittsville, Maryland, verloren gegangen sind, und das spurlos. Ein Jahr später wird doch etwas gefunden: Videocassetten, 16-mm-Filmrollen, die Kameras sowie das Tagebuch von Heather Donahue. Die war sozusagen die Chefin des Teams, die Initiatorin des Dokumentarfilms, der von einer regionalen Legende handeln sollte: von der Blair-Hexe, die seit etwas über 200 Jahren in besagter Gegend ihr Unwesen treiben soll. Interessanterweise lagen die Fundstücke nicht irgendwo herum, sondern waren unter dem Fundament einer Waldhütte vergraben. Auch um diese Ungereimtheit zu vertuschen, wird das Material von der örtlichen Polizei unter Verschluss gehalten. Erst drei Jahre nach dem Verschwinden der Studenten werden die Filme den Hinterbliebenen übergeben. Angie Donahue, Heathers Mutter, beauftragt die Firma Haxan Films mit der Sichtung des Materials. Haxan Films stellt außerdem die aussagekräftigsten Teile des Materials zu einer Montage über die letzten Tage im Leben der jungen Leute zusammen.

Und das ist es, was wir als The Blair Witch Project  zu sehen bekommen. Heather und ihre beiden Kommilitonen Joshua (Kamera) und Michael (Ton) filmen sich gegenseitig bei den Vorbereitungen der Exkursion, fahren nach Burkittsville, fragen die Einheimischen nach der Hexe, erfahren allerlei interessante Dinge und machen sich zu Fuß auf den Weg zum Coffin Rock, wo im März 1886 fünf Mitglieder eines Suchtrupps gefunden wurden, die Körper an Armen und Beinen zusammengebunden, ausgeweidet, im Zustand fortgeschrittener Verwesung, mit eigenartigen Schnittwunden an Gesichtern und Händen. Heather und ihr Team verirren sich. Der Oktober in den Wäldern Marylands ist nicht gemütlich, außerdem beginnen die Drei, sich zu streiten, der Kompass geht verloren, und schließlich bekommen sie es mit der Angst zu tun, als sie eigenartige Zeichen finden, nachts Geräusche hören, über Steinhaufen stolpern, die gestern ganz sicher noch nicht da waren, und überall kleine Puppen an den Bäumen hängen.

Die Kamera ist immer subjektiv, es gibt keine Musik, nur O-Töne im Heimvideo-Sound. Soll ja alles echt authentisch wirken. Angesichts dieser Selbstbeschränkung (und des knappen Budgets von $ 40.000) ist der Film dann auch relativ unterhaltsam geworden. In The Blair Witch Project wird das Grauen nicht neu definiert, der Film ist weniger spannend als interessant. Letzteres wegen der Machart und der erwähnten Hintergrundgeschichte (Original: www.blairwitch.com oder die deutsche Fanseite www.fortunecity.de/ spielberg/charlesb/52/, auch nicht schlecht). Die macht Spaß, da kann man Fäden verfolgen, von erschröcklichen Dingen erfahren, die alle so bierernst und zuverlässig rübergereicht werden, dass sich die Gemeinde Burkittsville, Maryland, zu einer Reaktion gezwungen fühlte (www. burkittsville.org, sehr komisch).

The Blair Witch Project wird Geschichte machen, allerdings nicht als innovatives Horrorstück. Vielleicht als außergewöhnlich profitabler Kinofilm (den Herstellungskosten steht ein Einspiel von $ 150 Mio. allein in den USA gegenüber). Bei The Blair Witch Project sind erstmals Marketingidee und -ausführung ungleich unterhaltsamer, interessanter, spannender und auch inhaltsreicher als das Produkt selbst. Der Film ist nur ein Teil davon, nicht ganz der beste, aber der einzige, für den bezahlt werden muss.

 

 

Jens Steinbrenner

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen bei:  ULTIMOs Film-Kritik-Archiv

 

 

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