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Blade Runner

 

 

Retirement not Execution

 

Wie selten ein anderer Film wurde Ridley Scotts Blade Runner stilbildend für alle Sciencefiction-Filme, die nach ihm kamen. Finstere Stadtlandschaften, Gleiter zwischen riesigen Hochhaustürmen, Dauerregen, Mutanten auf der Straße, allgegenwärtige Reklametafeln und eine düstere Endzeit-Atmosphäre ohne Hoffnung. Hier wurde der Zeitgeist der 80er Jahre in seiner Mischung aus Zukunftsangst und Faszination kongenial eingefangen und hier wurde für mehr als 20 Jahre festgelegt, wie die Zukunft auszusehen hat. Ein Jahrzehnt nach seinem Scheitern an den Kinokassen erschien der Film erneut, diesmal als Directors Cut ohne erzwungenes Happy End und ohne überflüssigen Off-Kommentar. Dies alles, unterstützt von der großartigen Musik von Vangelis, trug dazu bei, dass der Blade Runner mehr wurde als nur ein Film, dies machte ihn zum Kult.

 

Doch der Blade Runner hat nicht nur eine faszinierende Oberfläche, er hat eine Geschichte, die nicht vor großer und übergroßer Symbolik zurückschreckt und die uns mit der Frage nach unserer eigenen Menschlichkeit konfrontiert.

 

Am Beginn des Films blicken wir auf eine apokalyptische Stadtlandschaft, über der gewaltige Höllenfeuer lodern: Los Angeles 2019. Dieses Panorama wird gespiegelt in einem Auge, womit gleich zu Beginn ein zentrales Motiv des ganzen Films angeschlagen wird. An den Augen kann erkannt werden, ob jemand Mensch oder Maschine ist. Mit den Augen nehmen wir unsere Umwelt wahr und unsere Erinnerungen. - Und mit Augen wird der Film gesehen.

 

Im Jahr 2019 ist es möglich, androide Replikanten zu bauen, die den Menschen täuschend ähnlich sind und die auf fernen Planeten und Weltraumstationen die Arbeit der Menschen und ihre Kriege erledigen. Trotz Verbots sind vier dieser Replikanten auf die Erde gekommen. Sie aufzufinden und zu beseitigen ist die Aufgabe des Blade Runners Deckard, gespielt von Harrison Ford. Bei den Blade Runnern handelt es sich um eine Art futuristischer Kopfgeldjäger. Ihr Tun wird euphemistisch „retirement“ nicht „execution“ genannt. Es geht ja nur darum, Maschinen außer Betrieb zu setzen. Deckard wird seine Aufgabe erfüllen, doch wird sie ihn und auch den Zuschauer an eine äußerste Grenze führen, wo die anfangs so selbstverständliche Trennung von Mensch und Maschine verschwimmen wird, ja wo sich am Ende die Frage stellt, wer von beiden der Menschlichere ist.

 

 

More Human than Human

 

Seine Nachforschungen führen Deckard zur Tyrell-Corporation, der Firma, die die bislang vollkommenste Generation an Replikanten baut, die Nexus-6-Reihe. Sie sind als vollkommene Kopien menschlicher Wesen gebaut, bis auf Gefühle, („except emotions“), wie Tyrell, der genialisch-dämonische Chef der Firma erläutert. Da Tyrell glaubt, dass sie in wenigen Jahren eigene Gefühle entwickeln würden, sind sie, um sie unter Kontrolle halten zu können, mit einer Lebenszeit von nur vier Jahren ausgestattet. Um Deckard zu testen konfrontiert Tyrell ihn mit Rachael, einer Replikantin, die ihm als Mensch vorgestellt wird. Deckard wendet einen speziellen Test an, bei dem an den Augen die Reaktionen auf emotional aufwühlende Fragen gemessen werden. Am Verhalten sind die Replikanten nicht mehr von Menschen zu unterscheiden. Sie verfügen jedoch nicht über „emotions“, so wurde uns erläutert. Emotionen werden so zum Unterscheidungsmerkmal von Mensch und Maschine. Mit Emotionen nicht umgehen zu können ist der Mangel der Replikanten. Zu Beginn des Films werden wir Zeugen eines solchen Tests. Wenn nämlich der Replikant Leon „entlarvt“ wird. Er solle sich eine Schildkröte vorstellen, die in praller Wüstensonne auf dem Rücken liegt und sich nicht umdrehen kann. Qualvoll verbrennt das Tier in der Sonne. Und er soll sich vorstellen, dass er nicht hilft. Leon wird immer unruhiger. „Was heißt „Ich helfe nicht“?“, fragt er. Das Beispiel ist unmenschlich grausam. Hierauf nicht korrekt reagieren zu können, ist Merkmal der Maschinen.

 

Auch Rachael besteht den Test nicht, wenn es auch mehr als 100 Fragen braucht, um sie zu identifizieren. Replikanten sind wie alle Maschinen, stellt Deckard fest, wenn er auch erstaunt ist, dass Rachael nicht weiß, dass sie kein Mensch ist. „Wie kann „es“ nicht wissen, was es ist?“ („How can it not know, what it is?“), fragt Deckard. Es, das Ding, die Maschine - die Trennung von Mensch und Maschine steht für Deckard außer Zweifel. Die Assoziation des Namens Deckard mit Descartes, dem Begründer der modernen Philosophie, für den die sich ihrer selbst bewusste Seele der Begründungspunkt allen Wissens ist, drängt sich hier geradezu auf. Tyrell als gottgleicher Schöpfer von menschengleichen Wesen erscheint hier als Endpunkt des modernen Wissenschaftlers. Ein Menschheitstraum hat sich in ihm erfüllt und ist zugleich zum Alptraum geworden. Als Symboltier hat Tyrell eine Eule, eine künstliche natürlich, in seinen Räumen. Die Eule ist traditionell das Wappentier der Weisheit, sie ist als Eule der Minerva das Symbol der Göttin der Weisheit, die ohne leibliche Zeugung fertig dem Haupt des Göttervaters Zeus entsprang. Der Film hat keine Scheu vor großer und übergroßer Symbolik, wie schon gesagt wurde.

 

Noch stehen für Deckard die Maßstäbe fest. Noch besteht auch für den Zuschauer die Handlung im Thema Mensch jagt Maschine. „Haben Sie jemals aus Versehen einen Menschen verabschiedet („retired“)?“, fragt Rachael. Doch Deckard sieht keinen Grund zum Selbstzweifel.

 

Das Motto seiner Firma sei „Menschlicher als menschlich“ („more human than human“), verkündet Tyrell und gibt damit gleichsam dem ganzen Film das entscheidende Leitmotiv. Rachael sei ein Experiment, sie wurde sogar mit einer künstlichen Vergangenheit, sprich Erinnerungen, ausgestattet. Diese „Erinnerungen“ geben ihr eine Gefühlsgrundlage, um sie besser kontrollieren zu können, sagt Tyrell. Seine persönlichen Erinnerungen sind so ziemlich das Intimste, worüber ein Mensch verfügt. Und dieser innerste Kern der menschlichen Seele gerät in der Welt des Films in den Bereich technisch herstellbarer Verfügbarkeit.

 

Als Deckard später in seine Wohnung kommt, findet er dort Rachael, die auf ihn gewartet hat. Sie zweifelt inzwischen und um Deckards Verdacht und ihre eigenen Zweifel zu zerstören, zeigt sie ihm Bilder aus ihrer Kindheit, Bilder von ihr mit ihrer Mutter. Das bin ich, sagt diese Geste aus, wie kann ich kein Mensch sein? Doch Deckard zerstört diesen letzten Halt, an den „es“ sich klammert. Er konfrontiert Rachael mit detaillierten Einzelheiten aus eben diesen, ihren intimsten Erinnerungen. Diese Erinnerungen sind nur Implantate, sagt er ihr. Sie stammen von jemand anderem, nämlich von Tyrells Nichte. Rachael wird damit konfrontiert, dass all das, was sie bisher als ihre Geschichte und ihre Persönlichkeit empfand, nur eine Art Programmierung ist. Ist sie damit ihrer angeblichen Menschlichkeit beraubt? In dem Augenblick, als Rachael endgültig erkennt, dass sie eine Replikantin ist, beginnt sie zu weinen. Rachael, die Maschine zeigt die menschlichste aller Regungen, sie weint. Und dies scheint auch Deckard zu berühren, denn er versucht zu beschwichtigen, es war alles nur Spaß, sagt er, wenn auch wenig glaubwürdig.

 

An dieser Stelle beginnt Deckards Zweifel an seinem Tun, zwar wird er noch drei Replikanten töten, und der Film lässt keinen Zweifel, dass dieses „retirement“ in der Praxis kaltblütiger Mord ist, außer der Replikant weiß sich zu wehren. In eben einer solchen Situation rettet Rachael Deckard das Leben, indem sie den Replikanten Leon von hinten erschießt. Zwischen Deckard und Rachael entwickelt sich eine Beziehung, für die Liebe ein zu großes Wort ist. Eher ist es ein gegenseitiges Suchen nach Geborgenheit zweier einsamer Wesen.

 

 

We are physical

 

Der eigentliche Gegenspieler Deckards ist Roy, der Kopf der flüchtigen Replikanten. Er wird verkörpert von Rutger Hauer in der Rolle seines Lebens. Beim ersten Auftreten Roys sehen wir, dass sein Sterben bereits begonnen hat. Noch gehorchen ihm seine Hände, aber der Akzent liegt auf „noch“. „Time - enough“, stellt Roy fest. Zusammen mit Leon besucht er den Augenmacher Chew, um von ihm weitere Informationen zu erhalten. Von ihm werden sie an J.F. Sebastian, einen Replikantendesigner und an Tyrell selbst verwiesen. Roys Auftritt beim Betreten von Chews Laden ist bezeichnend: „Feurig fielen die Engel, Donner umgab die Küste …“ zitiert er William Blake. Roy assoziiert sich hier als Engel und er wird später noch weiter gehen, wenn er mit Christus parallelisiert wird. Roy wird generell als eine Art Übermensch ganz im Sinne von Nietzsche gezeichnet. Er ist körperlich allen Menschen um ein Vielfaches überlegen, er stellt sie geistig in den Schatten und er ist offensichtlich auch künstlerisch bewandert. „More human than human“, dies scheint voll und ganz auf Roy zuzutreffen. Nur eines fehlt ihm und das ist Lebenszeit, denn der Übermensch hat als einzigen Makel ein Verfallsdatum.

 

Die nächste Station zum Ziel ist Sebastian, in dessen Wohnung Roy sich mit der Replikantin Pris einquartiert. Hier wird der Gegensatz zwischen Mensch und Maschine weiter nivelliert. Sebastian leidet an einem Syndrom vorzeitiger Alterung. Ihm fehlt auch der letzte Vorteil der Menschen über die Replikanten, da auch seine Lebenszeit rapide schwindet. Und Sebastian lebt mit Maschinen, seine riesige Wohnung gleicht einem gespenstischen Museum voller beweglicher Automaten. Künstliche Gnome in historischen Uniformen wandern darin umher und begrüßen Sebastian an der Wohnungstür. Diese Spielzeuge sind seine Freunde, sagt er, er hat sie gemacht. Einen fließenden Übergang zwischen Maschine und Mensch finden wir hier und es ist nicht mehr entscheidbar, wo man denn eine Grenze ziehen will.

 

Sebastian ist fasziniert von den zwei Replikanten. Er will, dass sie ihm etwas zeigen. Roy reagiert verärgert. „Wir sind keine Computer, wir sind aus Fleisch und Blut“ („we are physical“) sagt er. Und Pris fügt hinzu „Ich denke, darum bin ich“, den Grundsatz Descartes, mit dem die moderne Philosophie des Selbstbewusstseins beginnt. Dann nimmt sie mit der bloßen Hand zwei Eier aus dem kochenden Wasser und wirft sie Sebastian zu, der nicht in der Lage ist sie zu halten. Ganz nebenbei löst Roy ein kniffliges Schachproblem. In der Gestalt Sebastians wird hier die Menschheit beschämt. Ihre Kreaturen erweisen sich ihr in jeder Hinsicht als überlegen. Sebastian bringt es auf den Begriff wenn er stammelt: „Ihr seid anders, so perfekt“ („You are different, so perfect“).

 

Mit Hilfe Sebastians kann Roy sich Zutritt zu Tyrell verschaffen, der nun ähnlich wie einst Dr. Frankenstein von seinem Geschöpf zur Rechenschaft gezogen wird. Es ist nicht einfach, seinen Schöpfer („maker“) zu treffen, sagt Roy. „Kann der Schöpfer das reparieren, was er schuf?“ Roys Problem ist der Tod, er will mehr Leben. Doch der Film geht hier in seiner Wortwahl noch weit über die Reminiszenz an das Frankensteinmotiv hinaus. Ausdrücklich wird Tyrell als Gott der Biodynamik bezeichnet, Roy nennt in Vater und Schöpfer. Tyrell wiederum bezeichnet Roy als verlorenen Sohn. Und später wenn Roy sich einen Nagel in die Hand rammt, um Schmerz zu fühlen und damit seinen Verfall noch kurzfristig hinauszuzögern, wird explizit eine Assoziation zwischen Roy und Christus hergestellt.

 

Der Film Blade Runner ist voll mit mythologischen, philosophischen und religiösen Anspielungen, die sich verschränken und die doch einen Sinn ergeben. Tyrell ist zunächst der hybride moderne Wissenschaftler, der vor keiner Grenze und keinem Frevel Halt macht und letztlich zum Schöpfer eines quasi-menschlichen Lebens wird. Er wird damit zu Gott, einem Gott, der seiner Schöpfung nicht mehr gewachsen ist und vor ihrem Anspruch versagt. Seine Schöpfung, seine künstlichen Wesen sind seiner Kontrolle entglitten und zerstören ihn.

 

Roy ist zunächst das Geschöpf, das zu seinem Vater kommt und um Hilfe bittet, zwar fordernd und selbstbewusst, aber durchaus bereit den Gottvater anzuerkennen. Er ist im wörtlichen Sinne bereit, zu beichten: „Ich habe fragwürdige Dinge getan.“ Doch Tyrell fügt sofort hinzu: „Und außerordentliche Dinge.“ Tyrell ist nicht in der Lage die innere Not seines Geschöpfes zu verstehen. „Wir haben dich gemacht, so gut wir konnten“, sagt er und bezeichnet Roy als Meisterstück (quite a prize). Er ist nicht in der Lage in Roy etwas anderes zu sehen als eine gelungene Maschine. Doch Roy ist längst mehr als nur noch Maschine. Er ist im wahrsten Sinne auf dem Weg „more than human“ zu werden. Er ist im wörtlichsten Sinne der Menschensohn, die von Menschen gemachte, und doch selbst zum Menschsein aufsteigende Kreatur. Und er sucht nach Erlösung. Nicht mehr und nicht weniger. Und eben dies kann Tyrell ihm nicht geben. Der Gott versagt vor seiner eigenen, der Kontrolle entglittenen Schöpfung“.

 

Als Roy Tyrells Beschränktheit und Unvermögen erkennt erhebt er sich über seinen Gott. Er presst ihm einen Kuss der Verzweiflung auf und tötet ihn dann, und zwar, indem er ihm die Augen ausdrückt und seinen Schädel zerpresst. Das Motiv der Augen, das den ganzen Film durchzieht, findet hier seinen Höhepunkt. Augen erschienen als Merkmal der Menschlichkeit, als Fenster der Seele. Und jetzt werden die Augen Gottes zerstört. Die Schöpfung entledigt sich ihres Schöpfers. Gott konnte keine Hilfe und Antwort geben. Jetzt ist Gott tot, doch sein Geschöpf, Roy der zugleich Menschenwerk und Übermensch ist, der als gefallener Engel und neuer Christus assoziiert wird, bleibt noch immer unerlöst und allein zurück.

 

In einem Satz Tyrells jedoch liegt die Lösung bereit: „Das Licht, dass doppelt so hell leuchtet, brennt halb so lang, und du hast sehr sehr hell gebrannt, Roy.“("The light that burns twice as bright burns half as long, and you have burned so very very brightly Roy.“) Dies wird erst im Kontext von Roys Tod seinen ganzen Sinn entfalten.

 

 

Lost in Time, like Tears in Rain

 

Der finale Kampf zwischen Roy und Deckard findet in Sebastians Wohnung statt. Bei seiner Rückkehr findet Roy zuerst die von Deckard getötete Pris. Roy weint und er küsst die Tote. Es kann keinen Zweifel mehr geben, dass er, wie früher schon Rachael, authentische Gefühle entwickelt hat, dass er endgültig den Schritt von der Maschine zum Menschen vollzogen hat. Es folgt ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Deckard und Roy, bei dem Deckard sehr schnell aus der Rolle des Jägers in die des Gejagten gerät. „Four, Five -How to stay alive“ - „Six, Seven - Go to hell or go to heaven“, ruft Roy einen sinnfälligen Abzählreim. Während dieser Jagd bohrt er sich den bereits erwähnten Nagel durch die Hand und er fängt eine Taube, die ganz offensichtlich seine Seele, oder weniger poetisch seine endgültige Menschwerdung symbolisiert. Er weiß, dass seine Zeit abgelaufen ist, dass ihm nur noch Minuten bleiben.

 

Schließlich ist Deckards Lage aussichtslos. Mit gebrochenen Fingern klammert er sich an die Fassade des Hochhauses und wird doch den Absturz nicht verhindern können. Roy mit der Taube in der Hand beugt sich zu ihm: „Quite an experience to live in fear, isn’t it? That’s what it is to be a slave.“ Doch in dem Augenblick als Deckard endgültig den Halt verliert, fasst Roy mit seiner nageldurchbohrten Hand zu und rettet den Gegner, um dann zu seinem berühmten Schlussmonolog anzusetzen: „Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen nicht glauben würdet …“ Es sind seine persönlichen Erinnerungen, die er offenbart und die niemand teilen kann. „All these moments will be lost in time, like Tears in Rain - Time to Die.“ All diese Ereignisse sind einmalig, verloren in der Zeit, wie Tränen im Regen. Doch sie sind Erinnerungen des Wesens Roy, er besteht aus diesen Erlebnissen und Erinnerungen, sie machen seine innerste Seele, seine Menschlichkeit aus. Und darin erkennt Roy im Augenblick des Sterbens den Sinn seines Lebens, darin findet er seine Erlösung. Der Sinn des Lebens liegt im Leben, im Erfahren und Erinnern der Augenblicke. Dies war sein Leben, das helle intensive Verbrennen einer Kerze. Darin unterschied ihn nichts von einem Menschen und durch die Intensität seines Lebens war er mehr Mensch als irgend einer. Im Augenblick seines Todes wirkt Roy glücklich und seine letzten Worte „Zeit zu sterben“, enthalten die Bejahung seiner Existenz und das Akzeptieren seines Schicksals. Ein Ja zu seiner Existenz und ihrer Endlichkeit, ganz im Sinne von Nietzsches amor fati. Einen letzten Gipfel findet die Symbolik des Films im Aufflattern der Taube im Moment des Todes. Diese letzte Szene mit der Kamera auf dem toten Roy weckt die Assoziation an den toten Christus und seine letzten Worte „Es ist vollbracht.“ Roy, der den alten Gott Tyrell tötete wird hier zum idealen Menschen, der in der Bejahung seiner Endlichkeit Erlösung findet.

 

 

But then again, who does?

 

Deckard überlebt und in der Schluss-Szene des Films sehen wir ihn mit Rachael aus seiner Wohnung fliehen. Der Directors Cut verzichtet auf das ursprünglich erzwungene Happy End und gibt dem Film vielmehr eine letzte dialektische Wendung. Als Deckard seine Wohnung verlässt, findet er ein Origami, ein gefaltetes winziges Einhorn. Das bedeutet, dass Gaff hier war, jene rätselhafte Figur, die Deckards Ermittlungen immer überwachte, und von dem nie ganz deutlich wird, ob auch er ein Blade Runner ist, oder ob er eine übergeordnete Funktion einnimmt. Gaff hat die Gewohnheit Origamis an Tatorten zu hinterlassen. Die Bedeutung des Einhorns erschließt sich erst im Zusammenhang mit einer kurzen Traumsequenz, die nur im Directors Cut enthalten ist und in der Deckard von einem Einhorn träumt. Denkt man daran, wie Deckard Rachaels Erinnerungen kannte, da sie nur Implantate waren, so stellt sich natürlich die Frage, wie Gaff von dem Einhorn wissen kann. Die Frage, die sich hieran entzündet und die seit Jahren unter den Fans des Films diskutiert wird, ist die, ob nicht auch Deckard ein Replikant ist und somit der Einhorntraum ein Implantat. Es gibt einige kleine Hinweise im Film, die dafür sprechen und es lassen sich Argumente dagegen finden. Es gibt aber keinen eindeutigen Beweis. Nach einem solchen zu suchen und den Film auf versteckte Hinweise abzuklopfen, halte ich auch für müßig. Es gilt hier keine Tatsachen zu enthüllen, sondern wir haben es eben mit einem Film zu tun. Es wäre möglich, dass Deckard ein Replikant sein könnte, mehr lässt sich nicht sagen.

 

Und genau dies setzt den grandiosen Schlussakkord des ganzen Werkes. Es ist dieses erschrockene „Was wäre wenn…“, dieser Moment des Innehaltens, der auch dem Zuschauer einen letzten Anstoß gibt. Im Augenblick als Deckard das Einhorn-Origami sieht, erinnert er sich an Gaffs Worte „Zu schade, dass sie nicht leben wird. Aber dann, wer wird es tun?“. Und dann nickt er in Gedanken zustimmend. In dieser kurzen Szene wird gleichsam nochmals der ganze Film fokussiert: Die Frage, was den Menschen zum Menschen macht, was wenn nicht unsere intimsten Erinnerungen und Träume unsere Persönlichkeit und damit unser Menschsein ausmachen sollte, was Leben überhaupt bedeutet. Es ist das kurze Erschrecken Deckards darüber, ob vielleicht seine Erinnerungen gar nicht echt sind und davon ausgehend das Gedankenspiel des Zuschauers, was denn wäre, wenn seine eigenen Erinnerungen gar nicht wirklich erlebt wären. Hier knüpft thematisch der Film „Matrix“ an. Hängt es wirklich an so etwas, ob jemand ein Mensch ist? Und daneben in Erinnerung an die Figur Roys steht die Einsicht, dass die Menschlichkeit des Menschen in etwas Tieferem liegt.

 

Siegfried König

 

Dieser Text ist nur in der filmzentrale erschienen

Zu diesem Film gibts im archiv mehrere Texte

 

 

Blade Runner

USA 1982, Regie: Ridley Scott, Buch: Hampton Fancher, David Webb Peoples, Kamera: Jordan Cronenweth, Musik: Vangelis, Produzent: Michael Deeley. Mit: Harrison Ford, Rutger Hauer, Sean Young, Edward James Olmos, Daryl Hannah, M. Emmet Walsh, Joe Turkel, Brion James, William Sanderson, Joanna Cassidy, Joseph Turkel, James Hong, Morgan Paull, Kevin Thompson, John Edward Allen, Hy Pyke.

 

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