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Before Sunrise

 

Half of the people can be part right all of the time

Some of the people can be all right part of the time

But all of the people can’t be right all of the time

I think Abraham Lincoln said that

“I’ll let you be in my dreams if I can be in yours.”

I said that

 

(aus “Talkin’ World War III Blues” - Bob Dylan)

 

Boy trifft fille. Ethan Hawke trifft Julie Delpy, Amerika trifft Frankreich, Hollywood begegnet dem europäischen Kino. Und das alles geschieht in Wien. Dieses sind die wesentlichen Parameter, aus denen „Before Sunrise“ gemacht ist, und ganz wie ein französischer Film, etwa eines Eric Rohmer, verlässt er sich dabei auf den Dialog, das heißt, auf die Lebendigkeit und die innere Plausibilität seiner beiden Hauptfiguren, die sich kennenlernen - vor allem, weil sie miteinander reden.

 

Celine und Jesse, beide Anfang Zwanzig, lernen sich bei einer Zugfahrt durch Österreich kennen. Schnell merken die beiden, dass sie nicht nur gerne miteinander reden, sondern sich auch sehr gut zu verstehen scheinen. Kurzerhand entscheiden sie sich, die Flüchtigkeit ihrer Reisebekanntschaft für einen Tag und eine Nacht aufzuheben und ihrem Bedürfnis, mehr voneinander zu erfahren, nachzugeben. Jesse überredet Celine dazu, zusammen mit ihm in Wien auszusteigen und erst einen Tag später ihre Reise nach Paris fortzusetzen. Aber Celine muss nicht lange überzeugt werden, denn die gegenseitige Anziehung des hübschen Paares von „Before Sunrise“ ist unübersehbar, greifbar und spürbar. Die erste Stärke des Films.

 

Spürbar und nachvollziehbar, da sensibel beobachtet, sind auch die kleinen Momente der Schüchternheit, dem Entgegenwirken durch Witz, Selbstironie, Blicke, Lächeln, Charme. Einer der schönsten Flirts, die je in Film verwandelt wurden, und doch mit jedem Augenblick immer ein bisschen mehr als nur ein Flirt. Auf ihrem Weg durch die Stadt Wien begegnen sie ein paar skurrilen Leuten (die in der deutsch synchronisierten Fassung leider in Wienerischem Idiom reden, als wäre das direkt auch in die englische O-Version übertragbar gewesen), Kleinkünstlern, kauzigen Theaterleuten, einer hexenähnlichen Wahrsagerin, die Celine die Hand liest und nur Bestes über ihre Zukunft verrät, einem Dichter, der wie ein Goethe malerisch am Donau-Ufer drapiert ihnen ein Spontangedicht schreibt.

 

Bei den Einheimischen gingen mit dem Regisseur Linklater manchmal ein wenig zu viele lokalkolorierte Klischees durch, so sind die Wiener doch ein wenig zu beschaulich, zu verschroben und zu lieb geraten – man vergleiche dieses Wien einmal spaßeshalber mit dem Wien eines Michael Haneke aus Filmen wie „71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“ oder „Bennys Video“. Nehmen wir mal an, dass die Wirklichkeit irgendwo zwischen Haneke und Linklater liegt. Nachhaltig schaden können diese schwachen „Wiener Originale“ den starken Protagonisten in „Before Sunrise“ aber nicht. Ihre Auftritte geben der Geschichte Celines und Jesses trotz allem gar etwas Schicksalhaftes, Märchenhaftes.

 

Die beiden stecken voller Fragen, Träume, Phantasien, die, angeregt durch ihre Ausnahmesituation, in die sie sich freiwillig und voller Neugierde begeben haben, und durch ihre Verliebtheit, hellwach geworden sind, offen liegen und empfänglich sind für Zeichen, Gesten oder Orakel. Diese Orakel - im normalen Alltag blieben sie ihnen wahrscheinlich unsichtbar. Es scheint, als würden bedeutungsvolle, wunderbare Zufälle nur Verliebten geschenkt, aber auch, als erhielten die Kleinigkeiten in der Welt ihren Sinn erst, wenn man sie mit vier Augen sieht, sie durch die Augen des anderen sehen kann, sie teilt, sie versteht, weil man sich gegenseitig versteht.

 

„Also ich glaube, falls irgendein Gott existiert, dann ist er in keinem von uns, nicht in dir, nicht in mir, vielmehr irgendwie zwischen uns, und wenn es tatsächlich etwas Wunderbares auf dieser Welt gibt, dann muss es der Versuch sein, für den Verständnis zu haben, der mit uns etwas teilen will.“ Celine fasst in Worte, was ihr mit Jesse geschieht, aber auch, was ihr gemeinsames Erlebnis mit einer humanen Utopie von einer schöneren, menschlicheren Welt verbindet.

 

Je länger sie durch das sommerliche Wien mit seinen Friedhöfen, Fußgängerzonen, Kirchen oder Kneipen gehen (stehen bleiben, spielen, streiten, sich einhaken, sich küssen), desto weniger vorläufig ist ihre Bekanntschaft, desto vertrauter werden sie sich und desto realer werden sie füreinander. Und langsam verändert sich die leichte, freie, ungezwungene Situation ihres Augenblicks, ihrer Gegenwart ohne eine Zukunft, also ohne eine Verpflichtung oder Planung in etwas Schwereres. Ihr Verhältnis wird durch die Tiefe der Einblicke in den anderen gewichtiger, und gerade durch die Offenheit für und die Erkenntnis von ihrer Verschiedenartigkeit kommen sie sich so nahe, dass sie insgeheim an mehr zu denken beginnen.

 

Immer wieder wird ihr Redefluss inspiriert durch die Ideen, Theorien, Träume, Erinnerungen des anderen. Selten ist es einem Film besser gelungen, eine sich entspinnende Liebe mit so viel Feingefühl für die emotionale Nuance nachzubilden. Ihre Gespräche handeln von Tod, Einsamkeit, Sex, Männerrollen, Frauenrollen, der Konkurrenzgesellschaft, dem Erwachsen-werden-müssen, dem Rebellieren-wollen – nur gegen was eigentlich in den 90er Jahren? – und sie reden über ihre Herkunft, ihre Familien, ihre letzten, gescheiterten Liebesbeziehungen, darüber, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen, darüber, was überhaupt der Sinn dieses Lebens sein könnte. Banalitäten, Albernheiten wechseln sich ab mit schwerwiegenden Gesprächen. Dazwischen tiefromantische Augenblicke des gemeinsamen Schweigens, der Zärtlichkeit - eine Romantik, die in den wenigen letzten, bis zum Tagesanbruch in einem Park verbrachten, Stunden, „Romeo-und-Julia“-Format annimmt .

 

„Ich bin in deinem Traum und du in meinem.“ sagt Celine. Das ist mehr als Verliebtheit, denn es setzt Offenheit und die Bereitschaft voraus, den anderen und seine Welt auch tolerieren, begreifen, verstehen zu wollen. Und das ist auch die im ganz Kleinen verwirklichte Utopie des Bob Dylan („I’ll let you be in my dreams, if I can be in yours“) von einer anderen, besseren Gesellschaft. Der Mut, von einer anderen Welt zu träumen. An diesem Punkt ist  „Before Sunrise“ beides gleichzeitig: Eine wunderschöne Liebesgeschichte und ein Pamphlet der Hoffnung.

 

Linklater, der unkonventionelle amerikanische Regisseur (der mit "Before Sunrise" seinen bis dato stilistisch konventionellsten - und erfolgreichsten - Film gedreht hatte), ist ein engagierter Beobachter der Jugend und in einem Film wie "Slacker" z.b. auch der einer Jugendbewegung, der des Grunge in Seattle, aus der uns -wenn auch kaum anderes - immerhin ein Phänomen, wie die Band "Nirvana" erreicht hatte. In seiner Suche nach aktueller jugendlicher Identität und nach Überbleibseln von gegenkulturellen Lebensentwürfen in der Generation X und danach, ist er eigentlich noch aus dem inzwischen seltenen Holz der Hippie- und Endsechziger-Bewegungen geschnitzt. Linklater hat eines vielen anderen voraus: Er glaubt an die Träume der Jugend,

 

Knapp zehn Jahre nach „Before Sunrise“ realisierte Richard Linklater in enger Zusammenarbeit (auch am Skript) mit seinen Hauptdarstellern Ethan Hawke und Julie Delpy die Fortsetzung der Geschichte von Jesse und Celine, die einander beim Abschied versprachen, sich in genau fünf Jahren wieder an derselben Stelle zu treffen. Was daraus wurde, weiß ich nicht, weil ich „Before Sunset“ (2003), der letzte Woche in die deutschen Kinos kam, noch nicht kenne.

 

Andreas Thomas, 20.6.2004

 

Diese Kritik ist erschienen in der www.filmzentrale.com

 

Before Sunrise

BEFORE SUNRISE

Before Sunrise - Zwischenstopp in Wien

USA / Österreich - 1994 - 101 min.

FSK: ab 6; feiertagsfrei

Prädikat: besonders wertvoll

Verleih: Concorde, Col.TriStar (Video)

Erstaufführung: 30.3.1995/10.10.1995 Video/15.10.1996 premiere

Fd-Nummer: 31270

Produktionsfirma: Detour

Produktion: Anne Walker-McBay

Regie: Richard Linklater

Buch: Richard Linklater, Kim Krizan

Kamera: Lee Daniel

Schnitt: Sandra Adair

Darsteller:

Ethan Hawke (Jesse)

Julie Delpy (Celine)

Andrea Eckert (Frau im Zug)

Hanno Pöschl (Mann im Zug)

Karl Bruckschwaiger

Tex Rubinowitz (Männer auf Brücke)

Erni Mangold (Wahrsagerin)

Dominik Castell (Straßenpoet)

 

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