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Beautiful Girls

Heute ist der 15. Januar 2002. Am gestrigen Montag verstarb Ted Demme im Alter von 37 Jahren aufgrund eines Herzinfarktes während eines Benefiz-Basketballspiels in Los Angeles. Für gewöhnlich stirbt man nicht einfach so mit 37 Jahren an einem Herzinfarkt, vor allem nicht in Hollywood, und dass Demmes letzter Film das überdrehte Kokser-Drama "Blow" mit Johnny Depp war, mag einmal als zynische Anekdote in die Annalen der Traumfabrik eingehen. Doch bisher sind das nur unbestätigte Vermutungen, und hier und heute sollte Ted Demme für das in Erinnerung gehalten werden, was er zurück ließ, und das sind seine Filme. Denn auch wenn er als Neffe von Regisseur Jonathan Demme (Das Schweigen der Lämmer, Philadelphia) quasi immer nur die zweite Geige im Demme-Clan gespielt hat, so hat er doch einige bemerkenswerte Werke auf seiner Filmografie stehen, wie z.B. die kurios-komische Weihnachtssatire "No Panic - gute Geiseln sind selten" (Originaltitel: The Ref) mit Denis Leary und Kevin Spacey. Und auch ein kleines, vielfach übersehenes Juwel von "Coming of Age"-Film, das immer mal wieder im Spätprogramm öffentlich-rechtlicher Fernsehsender auftaucht und vielleicht auch in einer stillen Ecke in der Videothek deines Vertrauens darauf wartet, entdeckt zu werden. Also genau richtig in dieser Rubrik. Dieses Juwel trägt den Titel "Beautiful Girls", und es ist ein "Coming of Age"-Film, auch wenn alle Hauptcharaktere stramm auf die dreißig zu gehen, denn sie haben ihre Lektion immer noch nicht gelernt. Zumindest nicht die Männer.

 

Im Zentrum steht Willie (Timothy Hutton), der zu einem High School-Klassentreffen in seine verschneite kleine Heimatstadt in Massachusetts zurück kehrt. Als Barpianist hängt er immer noch seinen Idealen nach, doch eine ordentlich laufende Beziehung lässt ihn darüber nachgrübeln, was "Stabiles" anzufangen. Die Frage ist nur, ob er sich mit dem zufrieden gibt, was er hat. Womit ihn eigentlich die selbe Frage plagt wie all seine alten Kumpel, die sich seit der Schule kaum verändert haben: Tommy (Matt Dillon) war in der High School der große Held, heute arbeitet er auf dem Bau und räumt im Winter mit seinem Truck Schnee weg, hat aber nach wie vor eine Affäre mit seiner Schul-Flamme Darian (Lauren Holly) - obwohl die längst verheiratet und Mutter ist und Tommy mit der süßen Sharon (Mira Sorvino) liiert. Auch Paul (Michael Rapaport) räumt Schnee weg, außer in der Einfahrt seiner Ex-Freundin Jan (Martha Plimpton), da häuft er ihn jede Nacht auf. Eine ähnlich unreife Geste wie Paul's jungenhafte Begeisterung für Supermodels. Die mögen für ihn vielleicht das Versprechen einer perfekten Partnerin verkörpern, seine wirkliche Partnerin zieht indes allerdings weiter. Nur Mo (Noah Emmerich) scheint die Kurve gekriegt zu haben. Mit seinem braven High School-Sweetheart glücklich verheiratet und zwei Kindern im Haus hat er es sich in seinem Mittelstandsdasein richtig schön gemütlich gemacht - und wird von seinen alten Kumpels dafür aufgezogen. Doch vielleicht hat er längst die Antwort akzeptiert, die seine Freunde erst noch verstehen müssen.

 

"Beautiful Girls" ist ein Film über Männer, auch und vor allem, weil die Frauen schon längst alles begriffen haben, aber reichlich Schwierigkeiten haben, das den Kerlen auch beizubringen. Gina (Rosie O'Donnell) versucht es mit einer klipp und klaren Standpauke, indem sie Willie und Paul mit einem "Penthouse" vor der Nase rumwedelt und ihnen einbläut, dass reale Frauen so nicht aussehen: "Große Brüste, großer Hintern. Kleine Brüste, kleiner Hintern. So ist das nun mal." Die Jungs hören nicht zu. Andera (Uma Thurman), eine Großstadt-Traumfrau auf Familienbesuch, erscheint wie die Verkörperung ihrer Idealvorstellungen - doch sie hat den Horizont der Männer-Clique schon lange hinter sich gelassen und ihren kleinen Fleck im Leben gefunden. Mindestens genauso reif ist Marty (Natalie Portman), doch die Tochter von Willie's Nachbarn ist erst 13. "Aber ich habe eine alte Seele" meint sie und hat damit mehr als Recht. Zwischen ihr und Willie entspringt eine idealistische Liebe, die ebenfalls ihre Lektion parat hält. Die tollste Frau, die Willie je treffen wird, ist 16 Jahre jünger und noch fast ein Kind.

Die leise Beziehung zwischen den beiden ist der Höhepunkt vom Wunderwerk "Beautiful Girls". Wegen der genial-grandiosen Vorstellung Natalie Portmans, die nach "Leon - der Profi" und lange vor "Episode I" hier die vielleicht beeindruckendste Leistung ihrer jungen Karriere abliefert. Wegen der widerstandenen Versuchung, dies nicht in eine billige Lolita-Nummer abdriften zu lassen, sondern das Verhältnis der beiden rein und unschuldig zu halten. Und wegen der stillen und nie ausgesprochenen Übereinkunft der beiden, ihr Glück anderswo zu suchen - wo es vielleicht nicht perfekt, aber zumindest erreichbar ist.

Diese Botschaft haben alle Männer in "Beautiful Girls" zu verstehen. Dass sie es mit 29 Jahren immer noch nicht getan haben und auch ihre Zeit brauchen werden, spiegelt sich in den minimalen Fortschritten des Plots wider. Am Ende des Films hat vielleicht jeder ein bißchen was gelernt, aber nur genug, um einen Schritt in die richtige Richtung zu tun. Ob sie auch wirklich am Ziel ankommen, bleibt fraglich.

"Beautiful Girls" ist ein Film der leisen Töne, dialoglastig, aber ohne aufgesetzt zu wirken. Die Figuren sind grandios ausgearbeitet und wirken tatsächlich direkt aus dem Leben gegriffen, perfekt abgeschmeckt mit den so wichtigen kleinen Details. Wenn die Jungs sich nach langer Zeit wieder gemeinsam in ihrer Stammkneipe treffen und Neil Diamond's kitschigen Mitgröhler "Sweet Caroline" schmettern, ist das genauso komisch wie tragisch. "Good times never seemed so good" heißt es da im Refrain, und dass die tollen Tage ihrer Jugend für Tommy, Willie, Paul und Mo mit wachsender Distanz immer goldener erscheinen, macht den Abschied von alten Idealen um so schwerer. Ihre Clique hat versucht, ihren Traum zu leben, und vor lauter Träumen das Leben vergessen.

Diese Geschichte hätte leicht in eine deprimierende Erzählung abdriften können über ein paar Kerle, die den Abschied von ihrer Jugend nicht auf die Reihe bekommen haben, mit Ted Demme's humorvoller Inszenierung und dem wundervollen Skript von Scott Rosenberg verwandelt sich "Beautiful Girls" aber ins genaue Gegenteil: Eine hoffnungsvolle Perspektive auf das schöne Leben, dass diese Burschen haben können, wenn sie endlich erkennen, was direkt vor ihnen liegt. Man sagt, dass Männer etwas länger brauchen, um Dinge zu begreifen. In diesem Falle ist das ganz sicher so. Oder, um mit den Worten Roger Eberts zu schließen, der zu diesem Kleinod bemerkte:

"The men insist that women correspond to some sort of universal ideal, and the women sometimes blame themselves when they cannot, but somehow, doggedly, true love teaches its lesson, which is that you can fall in love with an ideal, but you can only be in love with a human being." 

 

Frank-Michael Helmke

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: filmszene.de

 

 

beautiful girls 

usa 1996

regie: ted demme 

drehbuch: scott rosenberg 

cast: timothy hutton,

matt dillon,

michael rapaport,

lauren holly,

uma thurman,

mira sorvino,

natalie portman,

rosie o'donnell,

noah emmerich, u.a.

spielzeit: 112 min. 

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