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 Außer Atem (A bout de souffle)

 

 

"Alles, was man für einen Film braucht, ist eine Knarre und ein Mädchen" (JLG)

 

Meine Lieblingsszene ist der Schluß. Der ganze Film nimmt noch mal Haltung an: Tragik, die grinsen muß, Zynismus, der provisorisch bleibt und voll Witz. Seberg hat Belmondo an die Polizei verraten, die schießt ihn über den Haufen. Er liegt auf der Straße, stirbt und schimpft: "C'est vraiment dégueulasse". Die deutsche Fassung übersetzt mit "Du bist wirklich zum Kotzen". "Qu'est-ce que c'est, dégueulasse?" kommt die Rückfrage. Der entzückendste Kinotod der Filmgeschichte wäre gar nicht zu Stande gekommen, hätte Godard sich an die Drehbuchvorlage von Truffaut gehalten. Dort heißt Michel noch Lucien und das Ende geht so:

 

"Le lendemain matin, alors que Lucien se prépare à plier bagages avec l'argent que Berruti lui apporte, Patricia lui annonce qu'elle a changé d'avis. Elle vient de le dénoncer à la police qui sera là dans dix minutes. Lucien est furieux. Mais il est obligé de s'enfuir. Il démarre dans la voiture dans laquelle Berruti est venu le chercher. De la portière, il lance des injures à Patricia. Le dernier plan montre Patricia regardant partir Lucien et ne comprenant pas, car son français est encore imparfait. Fin."

 

Echte Tragik hat Jean Seberg elf Jahre später, 1970, eingeholt. Das FBI startet unter J. Edgar Hoover eine Dreckschleuderkampagne gegen Black Panther Sympathisanten. Ihr wird eine ehebrüchlerische Schwangerschaft von einem BPP-Aktivisten angedichtet und in der konservativen Presse lanciert. Seberg erleidet eine Fehlgeburt. Auf einer Pressekonferenz konfrontiert sie die Journaille mit dem Tod ihres Kindes. Es war weiß. 1979 hat sie sich nach jahrelangen Depressionen in Paris das Leben genommen.

 

"Außer Atem" ist Godards unpolitischstes Werk und sein einzig kommerziell erfolgreiches. Es ist unbekümmertes Herbeizitieren all jener Hollywoodroutiniers, die Godard als Kritiker in den Cahiers de Cinéma bauchpinselt. Ray, Preminger, Hawks, Wilder. Seine Verehrung läßt die Verehrten ziemlich unsexy aussehen. Berühmt die Szene, in der Belmondo vor dem Bogartplakat steht, die Kippe im Mund, mit dem Daumen die Unterlippe entlangfährt und dem Idol Rauch ins Gesicht bläst. "Außer Atem" bietet beides: den Film und den Filmfilm. Den Beat und die Klassik. Kurze Röckchen und lange Tradition.

 

Seitenweise wird spekuliert, wie Godard auf seine ruppigen Schnittfolgen gekommen ist. Beim Tennis? Theorieschulen kreuzen die Degen. Der Meister selbst sieht's gelassen und antwortet im Gespräch mit Andrew Sarris: "The fact is that, unless you are very good, most first movies are too long, and you lose your rhythm and your audience over two or three hours. In fact, the first cut of Breathless was two and a half hours and the producer said, "You have to cut out one hour." We decided to do it mathematically. We cut three seconds here, three here, three here, and later I found out I wasn't the first director to do that. The same process was described in the memoir of Robert Parrish, who was an editor on Robert Rossen's All the King's Men [1949]-he was the third or fourth editor, actually, because his predecessors weren't capable of making the cuts. Parrish told Rossen: "Let's do something different. We'll look at each shot and we'll only keep what we think has more energy. If it's the end of the shot, we'll throw out the beginning. If it's at the beginning, we'll throw out the end. They did exactly what I did later, without knowing what they had done. Only, I said, "Let's keep only what I like.""

 

Einer anderen Legende zufolge hat Godard irgendwann eine Münze geworfen. Bei Kopf wurde Seberg, bei Zahl Belmondo aus der Szene geschnitten.

 

Wie auch immer, verspätet zum 70. Geburtstag soll in den nächsten Monaten eine kleine Godard-Auslese in bundesdeutschen Programmkinos eintrudeln. Neue Kopien eines ewigjungen Werkes.

 

Urs Richter

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen bei: filmtext.com - Texte zum Film

Zu diesem Film gibt es im archiv der filmzentrale mehrere Kritiken

 

Außer Atem (A bout de souffle) Frankreich 1959. R: Jean-Luc Godard, B: Francois Truffaut und Jean-Luc Godard, K: Raoul Coutard, Sch: Cécile de Cougis, M: Martial Solal, W.A. Mozart, P: Georges de Beauregard, D: Jean Seberg, Jean-Paul Belmondo, Henri-Jaques Huet, Van Doude, Daniel Boulanger, Liliane David, Jean-Luc Godard.

Neue Visionen Filmverleih, ab Juli 2001 

 

 

 

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