Eigentlich müßte man schreiben, daß der Film Klischees zusammenbastelt und eins der üblichen Fernsehspiele ist. Aber das geht nicht. Es läßt sich nicht leugnen, daß er seinen eigenen Charme hat. Und wenn die Handlung auch vorhersehbar ist, "Asfalto" langweilt nicht.
Der Plot kanns also nicht sein. Trotzdem sagen wir, systembedingt, worum es geht. Drogen- und
Prostitutionsszene. Eine Dreierbeziehung. Zwei Freunde, der eine Drogenfahnder, der andere Krimineller,
lieben dieselbe schöne Frau. Sie sind zusammen im Bild. Dann küßt sie erst den einen, dann den anderen und sagt
zur Verdeutlichung: "Entscheidet Euch, das ist Euer Problem". Damit könnte alles gut sein, wenn es nicht, wie es
zum Kammerspiel gehört, zwei interferierende Personen gäbe. Das ist zum einen der Betonkopfbruder,
gleichfalls Bulle und hart drauf. Zum andern, wir sind in Spanien, die Mutter. Dialog: "Ich bin deine Mutter", sagt
sie zur schönen Tochter und fördert dadurch das narrative Verständnis. Die Tochter muß daheim bleiben, in der
Wohnküche. Sie legt eine Atemschutzmaske an und streckt den Stoff (Verhältnis eins zu vier). Dann wird gedealt.
Mutter und Tochter müssen aus ihrem Kleinunternehmen die Miete erwirtschaften und Geld für ihr eigenes
Aussteigerprogramm zurechtlegen. Wir müssen uns ihre Symbiose als B-Version von Hanekes "Klavierspielerin"
(epd Film 10/01) für schlichte Gemüter vorstellen.
Ja, der Film ist schlicht und gradlinig. Aber er hat seinen aufrechten Gang. Und warum sollte man etwas gegen
Gesundes haben? Es gibt im Film nichts Unterschwelliges, wir müssen uns nicht um eine Subschiene kümmern, die
Kamera beschränkt sich im Prinzip auf eine einzige Einstellung: sie zeigt die Brustbilder der handelnden
Personen. Und die sind so unneurotisch, wie wir es uns nur wünschen können. Andererseits sehen wir in der
untertitelten Fassung kaum etwas von den Bildern, weil der Dialogreichtum, der ja dankenswerter Weise keine
Frage offen läßt, uns den lieben, langen Film hindurch damit beschäftigt, in größter Eile jeweils zwei Zeilen Text
zu lesen.
Und warum wendet sich all das, was sonst für einen Film vernichtend wäre, zum Genuß? Nicht intellektuell, nicht
ästhetisch, aber einfach so, wie man am Tag das erste frisch gezapfte Bier trinkt? Ich finde den Effekt exemplarisch,
auch wenn er nicht grade Parameter dieser Zeitschrift ist.
Versuchen wir es so: was sonst ärmlich sein könnte, wird in "Asfalto" gemütlich. Es wird geraucht den Film
hindurch, das hat nichts zu sagen. Es sediert. - Es wird den Film hindurch Auto gefahren, das beruhigt, wir sind in
einem Zentrum, und wir sind geborgen. Selbst wenn es zu einem exorbitanten Crash kommt, wissen wir, daß das,
was sonst spektakulär wäre, uns nicht aufregen kann. Die Insassen kriechen aus dem Wrack heraus, und wir
bleiben zusammen.
Vielleicht sollte man den Film nicht als den Drogenkrimi nehmen, dessen Anschein er ist. Zwar läuft der
kriminelle Freund wie ein glubschender Stallone herum, mit bloßen Armen in der Lederweste. Aber kann es nicht
Spaß machen, sich mit ein bißchen Travestie auf dem öffentlichen Forum zu bewegen? Dann könnten wir, statt
überreiche Dialoge sowie schamlose Klischees zu beanstanden, in diesem spanischen Film ein beneidenswertes
gesticolare und parlare goutieren. Und richtig: in den schönsten - und stets langen - Sequenzen des Films laufen
die Dreierhelden durch belebte Stadtstraßen, offensichtlich im laufenden Verkehr gedreht. Wie nett, wenn wir
einmal nicht außerhalb des Bildrahmens die Absperrung spüren.
Ich fasse allen Mut zusammen und nehme "Asfalto" als unspektakuläre, eher alltägliche Iberoballade. Die Musik
auf der Tonspur stützt meine Hypothese. Sie beginnt mit einem sehr schönen Trommelsolo, gewinnt beruhigende
poetische Qualitäten (während der sehr langen Fahrt am Zaun der Strafvollzugsanstalt entlang) und endet mit
seelenvollem Saxofoneinsatz. Ja, das ist die selbstverständliche Harmonie, wie sie sich auf der Passeggiata abends
zwischen sechs und acht geziemt.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen bei: epd film
Asfalto (1999)
Regie: Daniel Calparsoro
Drehbuch:
Daniel Calparsoro
Frank Palacios
Santiago Tabernero
Darsteller:
Najwa Nimri .... Lucía
Juan Diego Botto .... Charly
Gustavo Salmerón .... Chino
Alfredo Villa (III) .... Antonio
Antonia San Juan .... Clarita, the mother
Roger Ibanez .... Luis
Javier Nogueiras .... Paco
Produzenten:
Mima Fleurent .... associate producer
José María Lara .... producer
Yvonne Ruocco .... associate producer
Musik:
Mastretta
Najwajean
Schnitt:
Julia Juaniz