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Armee der Liebenden oder Revolte der Perversen

Die Gruppe Gay Sweatshop erinnert in einem Kurzmusical an »Dear Darling Dr. Magnus« Hirschfeld und damit an das Berlin von 1929, von dem aus sich das schwule Selbstbewußtsein entwickelte. - Die Gründer amerikanischer Schwulenorganisationen der fünfziger Jahre geben über die Entwicklung in den USA Auskunft. In Wort- und Bildzitaten wird der weitere Gang der Schwulenbewegung belegt: von der Christopher Street Gay Parade Juni 1971 in New York bis zur Schwulendemonstration im Juni 1977 in San Francisco mit ihren 250.000 Teilnehmern. Zu ihnen gehört Praunheim mit seinem lover Mike. Sie sind glücklich. Doch die Gruppe Gay Sweatshop erinnert an ein vergessen geglaubtes Kampflied: »SA marschiert, die Reihen fest geschlossen«.

 

Die Dokumentation der amerikanischen Schwulenbewegung verfolgt gleichzeitig den Zweck, die Privatheiten des Regisseurs - Neigungen, Ansichten, Urteile, Vorurteile - öffentlich zu machen. - Den Beginn der Geschichte der Schwulenbewegung datiert der Film auf das Jahr 1929, in welchem Dr. Hirschfeld in Berlin sein Institut gründete. Die Sternstunde wird von der Theatergruppe Gay Sweatshop in einem Kurzmusical dargestellt: »Dear Darling Dr. Magnus«. Ein Interview mit Christopher Isherwood, dessen Berlin-Geschichte Mr. Norris steigt um den plot für den Film Cabaret abgab, leitet auf die USA über und insbesondere auf das tragische Schicksal von Montgomery Clift und James Dean, welche, glaubt man dem Kommentar, Opfer psychischer Repression waren: das coming out war damals unvorstellbar. Doch die Tom Robinson Band spielt »Power in the Darkness«, denn es regt sich etwas in einer Minderheit - einer Minderheit von schätzungsweise 20 Millionen schwuler Frauen und Männer. Zum erstenmal in ihrer Geschichte gibt es eine, in den 50er Jahren noch zaghafte, Organisation. Auf die Statements von Harry Hay, dem Gründer der ersten amerikanischen Schwulenorganisation (Mattachine Society, 1950, Los Angeles), sowie Del Martin und Phyllis Lyon, den Gründerinnen der ersten lesbischen Organisation (The Daughters of Bilitis, Mitte der 50er Jahre), folgen in einer Montagesequenz Fotos (Bettye

Lane) und Zeitungsausschnitte vom Stonewall-Bar-Aufstand 1969 in New York. Eine Million Schwule in New York waren die Basis für die Gay Liberation Front. In einem Interview erinnert sich Bob Kohler dieser Zeit, da der politische Kampf dieser Organisation um die Rechte aller Minderheiten ging. Arthur Bell (Redakteur von The Village Voice) erzählt, warum sich schon 1970 als Gegenreaktion eine rein schwule Organisation gründete: die Gay Activists Alliance. Die tausend Mitglieder im Firehouse waren militante Päderasten, radikale Tunten, solidarische Lederleute, Alte und Junge, Arm in Arm. Zum Stichwort New York schwenkt die Kamera Fassaden ab. Es sind die bekannten Aufnahmen von der Christopher Street Gay Parade, die Praunheim im Juni 1971 in New York aufgenommen hatte (Ausschnitt aus HOMOSEXUELLE IN NEW YORK). Eine längere Sequenz beschäftigt sich mit Bruce Voeller, dem ehemaligen Präsidenten der Gay Activists Alliance, der 1974 die mächtige National Gay Task Force gründete, welche erstmals die schwule Minderheit in allen Staaten der USA erfaßte. Während Voeller im Anzug mit weißem Hemd und Schlips durch die 5`h Avenue schreitet, verdächtigt ihn Praunheim aus dem off, Cocktailparty-Politik zu betreiben und im Weißen Haus zu antichambrieren, statt kompromißlos und radikal das System zu verändern. Der Kommentar verdächtigt auch Jean O'Leary, die innerhalb der National Gay Task Force die Lesbierinnen repräsentiert, allzu eng mit Midge Constanza, einer Beraterin von Carter, zusammenzuarbeiten. Das laufe nur auf reformatorische Gesetzesänderungen hinaus und, vielleicht, auf eine private politische Karriere - für sie. Die Gruppe The Pink Satin Bomber bringt Praunheims offensichtliche Aversion gegen die Anpassung auf eine viel zitierte Formel: »Haben wir Schwule Revolution gemacht, um 700 neue Leder-Bars zu haben oder das Recht, in der Armee zu dienen

 

Das Jahr 1977 bringt die Lösung. Das absolute Feindbild - »es konnte nichts Besseres passieren« (Praunheim) - zwingt zur Solidarität der Schwulen. Anita Bryants antischwuler Kreuzzug löst die erste große Massenbewegung aus. DIE ARMEE DER LIEBENDEN präsentiert ein dessertsüßes Filmdokument von der Anita-Bryant-Pressekonferenz in Des Moines, Iowa: der schwule Tom Higgins aus Minneapolis schüttet der Totalfeindin eine Schüssel Bananencreme ins Gesicht. In der Nahaufnahme rutscht ihr das Dessert über Antlitz und Busen. Ehemann Bob Green, verklemmt-souverän, spricht in eines der vielen Mikrofone: »We forgive you and we love you«; denn Gott ist mit ihnen.

 

Der Film geht die Ränder der neuen Schwulenbewegung ab. Sarah Montgomery, 79, berichtet vom schwulen coming out ihres Sohnes (da war er 35) und über seinen Selbstmord zusammen mit dem lover (da war er 46). - Die blinden Schwulen und die Dritte-Welt-Schwulen, gefilmt auf dem Gemeinschaftsdachgarten der new yorker Praunheim-Wohnung, bekommen ihren Platz im Film: der schwule Indianer Rainbow Silverfire und Salih-Michael Fisher (Tri Base Collectives). Die doppelte USA-Minderheit fühlt sich erstens als Dritte Welt und dann erst als schwul.

 

Discosuperstar Grace Jones singt während der Gay Pride Rallye 1978 in New Yorks Central Park - eine sehr häßliche Einstellung - »I need a man«. Haare und Hals sind unter einer kappenähnlichen Vermummung verborgen, doch werden ihre kleinen nackten Brüste von der Kamera erfaßt. Die lesbische Separatistin Rose Jordan, auf der Stelle von Praunheim interviewt, ist aufs äußerste empört: »Alle Männer sind gleich, ob hetero, ob schwul

 

Als ob Praunheim diesen Satz beweisen möchte, zieht er sich aus und geht mit dem Pornohelden und Supermacho Fred Halstead zum Fick in die freie Natur. In Anspielung auf den Halstead-Film L.A. Plays Itself weist der Kommentar darauf hin: Halstead plays himself. »Jeder weiß, daß ich eine Tunte bin«, bekennt der Held, der den schwulen Machotyp propagiert. Praunheim bemüht sich, den Mundverkehr zu bewerkstelligen. Der Versuch mißlingt.

 

Ein Höhepunkt des Films ist der Auftritt eines schwulen Nazis. Russel Veh ist Direktor der National Socialist League. Der schöne junge Mann posiert vor einer Hakenkreuzfahne, die Hakenkreuzbinde um den Arm. Die Kamera nimmt ihn imposant von unten auf, er reckt die Hand. Er erklärt die Demonstranten für Bolschewisten, Kommunisten und Anarchisten und nimmt für sich in Anspruch, die schwule schweigende Mehrheit zu vertreten, die konservative Mittelklasse. »Ich glaube, irgendwie werden wir die Endlösung für die Judenfrage finden müssen. Ich glaube nicht, daß Hitler die Juden vergast hat. Aber wenn, dann hätte er Deutschland für das westliche Christentum freigemacht

 

Der Film zeigt eine schwule kirchliche Trauung, die Rev. Troy Perry von der schwul-katholischen Church for the Beloved Disciple in Los Angeles vornimmt. Dann folgen beschwingte Aufnahmen von der »größten Schwulendemo der Welt«: Juni 1977, San Francisco, 250 000 Teilnehmer. Eine der sieben Kameras der ARMEE DER LIEBENDEN zeigt Praunheim selbst mit seinem lover Mike. Mike war es, der sich bereiterklärte, mit Rosa von Praunheim (»Ich finde es wichtig, privates Leben öffentlich zu machen«) vor der Kamera zu ficken. Die entsprechende Sequenz wird gezeigt. Sie entstand, wie der Film mitteilt, im Sommer 1977 am San Francisco Art Institute. Praunheim hatte sich den Studenten seiner Produktionsklasse Film persönlich als Studienobjekt für das Thema Homosexualität zur Verfügung gestellt. Die Kamera (Werner Schroeter) nimmt im Vorlesungssaal auf, wie der Lehrbeauftragte Praunheim - eine Naheinstellung - den Schwanz seines Partners lutscht und mit vollem Mund selig die Augen schließt.

 

Der Film wendet sich nunmehr dem Thema schwuler Sex mit Kindern und Jugendlichen zu. Die schwulen Teenager von Boston geben sich im Gruppeninterview locker und fröhlich. Tom Reeves, Professor für Zeitgeschichte an einem College in Boston, erklärt im Kreise seiner Familie (das sind sein Freund und einige Knaben), daß er soviel wie möglich Teenager verführe, die in einer repressiven, autoritären Familie großwerden, um ihnen zu zeigen, daß sie andere und freiere Möglichkeiten jenseits der Familie haben. Die Boston-Sequenzen schließen mit einer Demonstration »radikaler Tunten und Päderasten« die für »Sex mit Jugendlichen« kämpfen.

 

John Rechy berichtet in Hollywood über seine Erlebnisse als Strichjunge; er ist der gefeierte Autor des Buches The Sexual Outlaw. Die Kamera zeigt Bilder von Sexmodellen. - In New Orleans wird mardi gras als schwuler Karneval vorgestellt, als »größtes schwules Fickfest«. Die Kamera jagt geilem Fummel nach und freien Ärschen. Doch jäh drückt die Videoaufzeichnung eines Interviews mit State Senator Briggs auf die Stimmung, denn dieser fordert ein Berufsverbot für schwule Lehrer. Der 7.November 1978, die Abstimmung in Kalifornien über Briggs Antischwulen-Gesetze, wird erwähnt (der Film zeigt sie nicht, da die Aufnahmen im Sommer 1978 beendet waren), doch erfahren wir durch Praunheims off-Stimme zu seligen Bildern von Sonnenuntergängen, Palmen und Meer, daß die Wähler gegen Briggs entschieden haben. Daraufhin verliest Praunheim das Schlußmanifest: »Nicht Gesetze müssen wir ändern, sondern Stimmungen. Nur die Schwulen können das ändern - und die Gefahr sehen, daß die Bewegung mit einem kleinen Erfolg zufriedengestellt wird. Nur wenige begreifen, wie wichtig es ist, für alle Minderheiten zu kämpfen Schlußbild ist ein Gruppenhändedruck der Theatergruppe Gay Sweatshop. Als akustisches Menetekel ist ein altes Kampflied unterlegt: »SA marschiert, die Reihen fest geschlossen«.

 

ARMEE DER LIEBENDEN ist eine direkte Fortsetzung der Bestandsaufnahme des ersten Homosexuellenfilms (NICHT DER HOMOSEXUELLE IST PERVERS). Dieser endet mit dem Satz »Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen! FREIHEIT FÜR DIE SCHWULEN!« - ARMEE DER LIEBENDEN zeigt die Freiheit auf den Straßen, die Organisation der Bewegung und die Geschichte der Organisationen. Der Untertitel AUFSTAND DER PERVERSEN, unter dem der Film ebenfalls gelaufen ist, ist einem haßerfüllten antischwulen Zeitungsartikel zum ersten Schwulenfilm entnommen. Armee der Liebenden oder Aufstand der Perversen heißt auch das von Praunheim 1979 bei Trikont veröffentlichte Buch, das umfangreiches, über den Film hinausgehendes Material (Interviews, Statements) zugänglich macht.

 

Praunheim berauscht sich in ARMEE DER LIEBENDEN geradezu am Feindbild der Anita Bryant. Der öffentliche homosexuelle Akt im San Francisco Art Institute richtet sich expressis verbis gegen die Kreuzfahrerin, die er sich als Voyeurin wünscht. Im Film trägt sie zickigzüchtig »You are my lucky star« vor (ein Filmausschnitt), während er den Satz von dem besten Ding sagt, das je der Schwulenbewegung passieren konnte. (Im Buch Armee der Liebenden schlägt er zwecks Erzielung ähnlicher Solidarisierungseffekte in Deutschland vor: »Wie wärs, wenn Herr Strauß die Macht ergreift)

 

Innerhalb des Films erliegt Praunheim eingestandenermaßen der Faszination dessen, was er gleichzeitig auf höherer Bewußtseinsebene angreift. Der schwule Nazi wird liebevoll als junger schöner Held fotografiert. Der schwule Macho Halstead vertritt die von Praunheim zentral befehdete Ideologie der schwulen Männlichkeit (macho clone) und des Faustficks; gleichwohl treibt er es mit ihm nackt auf der grünen Wiese (und beklagt sich im Buch bitter, daß er nur »einen kleinen zusammengeschrumpelten Schwanz« vorgefunden habe).

 

Die Abneigung und Faszination zugleich, die Praunheim mit dem Film öffentlich macht, überträgt sich auf den Zuschauer. Entsprechend unsicher bleibt die Einschätzung des Films. Die Zielrichtung ist klar. In Form einer subjektiven Dokumentation wendet sich Praunheim gegen die Entwicklung der amerikanischen Schwulenbewegung: gegen ihre Entpolitisierung auf der einen Seite, ihre Kommerzialisierung auf der anderen. Wenige Jahre nach dem Aufstand in der Stonewall Bar und in der Christopher St. findet er in New York weder ein schwules Kommunikationszentrum vor noch irgendeine politische Organisation, sondern nur noch Saunas, Orgienbars und Sextheater. Der Schwule kann nur noch fremde (vom Kommerz diktierte) Identitäten annehmen - als Leder-, Sadomaso-, Disco-, Drogenschwuler. Seine wahre (schwule) Identität zu entwickeln, wird ihm vom »System« verwehrt. Daher Praunheims erzieherisches Manifest: die »Haltung der Leute zu verändern«.

 

Die Forderung nach Systemveränderung und Entwicklung politischen Bewußtseins verdarb manchem, der dem Film den moralisch-pädagogischen Zeigefinger übelnahm, den Spaß. Andererseits - bildlich gesprochen - steckt Praunheim den Finger in des Nächsten Arsch, und das hinwiederum verdarb denjenigen den Spaß, die mitnichten Praunheims Lustknabe sein und statt dessen den Film als seriöses Argument benutzen wollten. »Diejenigen, die sich der Bewegung anschlossen, weil sie nicht mehr hören wollten, daß sie nicht schwul sein sollen, kriegen nun gesagt, wie sie schwul sein sollen. Dagegen müssen wir kämpfen, und Praunheim bringt uns dazu in die Stimmung«, drohen die Gay News.

 

Adressat des Films ist in der Tat der Schwule selbst, dem in bezug auf das Wie entschiedene Ratschläge erteilt werden. Auf der Ebene des Bewußtseins vermittelt der Film daher Mutlosigkeit, auf einer darunter liegenden Schicht jedoch, und das gehört zu seiner kreativen Ambivalenz, das Gegenteil: Mut und Einladung zur Solidarität. Lähmend wirkt der Film, wenn er den Stand der schwulen Bewegung verdammt, die Schlips- und Kragen-Schwulen diffamiert, Fraktionskämpfe anheizt und in eine Art spießiger Argumentation des Früher-war-alles-besser verfällt. In der Geste jedoch, wie der Film extreme Facetten schwuler Bewegungen zusammenbringt, analytische und strukturelle Formen dreist mißachtet und sich selbst aufs Innigste mit allen (bösen und guten) Ausdrucksformen schwulen Seins verschmilzt -: in dieser lustvollen Anarchie ist der Film in der Tat die schönste Ermunterung, aus dem »kommerziellen« schwulen Getto auszubrechen, transschwule Freuden zu suchen und transschwule Minderheitenpolitik zu machen.

 

Die ARMEE DER LIEBENDEN macht klar, daß dazu nicht eine politische, sondern eine persönliche Entscheidung erforderlich ist. Praunheim ist selbstredend das persönliche Vorbild. Das ist Aspekt des »Weißt du noch des Films. Die alten Bilder und Ausschnitte, die Erinnerungen vor der Kamera sind ein gut Teil Heimkino. In Anlehnung an den Halstead-Film könnte man sagen: die Bewegung spricht zu sich selbst. Oder konsequenter: Praunheim spricht zu sich selbst. Spätestens hier stößt man auf sein Konzept, Privates publik zu machen. Seine Liebesgeschichte mit lover Mike, mit dem er, zusammen mit 249 998 anderen, im Sommer 1977 durch San Francisco zog, küssend, schmusend, Händchen haltend, ist prototypisch. (Die ausführliche Liebeskorrespondenz ist im Buch Sex und Karriere abgedruckt.) Praunheim hatte Mike in einem Pornobuchladen in San Francisco kennengelernt. Es ist zu beachten, daß es sich nicht um den Filmmitarbeiter Mike Shephard handelt. Zwar hat Praunheim auch ihn im Jahr 1977 kennengelernt, jedoch in Florida als Hotelmanager in Sanibel Island unter pensionierten CIA-Agenten. Da beide Mikes gleichaltrig sind, ist Verwechslungen vorzubeugen.

 

Praunheim wollte so, wie er sich selbst in Szene setzt, ARMEE DER LIEBENDEN als Mittel benutzen, »eine Art Zentrum schwulen Bewußtseins zu bilden. Ich würde gern den Film in Verbindung mit schwulen Aktivitäten zeigen wie Diskussionen, Vorträgen, anderen Filmen, Parties«, um Schwule dazu zu bringen, wieder zu erwachen und (unkommerziell) zu kommunizieren."' Das Ziel war sehr positiv und sehr ehrgeizig, und natürlich hat er es nicht erreicht. Das feedback, das er sich von diesem Film erhoffte, hätte ein zwanzigmillionenfaches sein müssen. Davon ging in den USA nichts in Erfüllung. Der Film lief dort (und in Kanada) nur in einigen wenigen Kinovorstellungen. In Deutschland jedoch wurde der Film zu Praunheims bis dahin größtem Erfolg. Er lief in einzelnen Kinos bis zu sieben Wochen lang.

 

Die Uraufführung im März 1979 auf der Los Angeles International Film Exposition Hollywood (Filmex Society) brachte einen Publikumserfolg und böse Verrisse. Gezeigt wurde die längste Fassung (107 Minuten). Der Hollywood Reporter (16.März 1979) sah »eine krude, oft rüde Leistung« und sagte ahnungsvoll voraus, daß daran eine große Anzahl Menschen Anstoß nehmen würde, »sowohl Schwule als Heteros«'". Variety äußerte ernsthaft den Verdacht, Praunheim habe den Film nur gedreht, um zum (darin dokumentierten) Geschlechtsverkehr zu kommen. Damit aber stelle der Film eine Art von Homosexualität ins Rampenlicht, die der Schwulenbewegung einen schlechten Namen gebe.

 

Die Schwulenpresse reagierte reserviert. Die Gay News schrieben im Mai 1979 zu den new yorker Aufführungen, daß ARMEE DER LIEBENDEN den »Fortschritt« in etwas suche, was als verlorene Schlacht erscheine, und daß aus dem spärlichen Besuch der letzten Aufführungen zu schließen sei, daß niemand das Schlachtfeld besichtigen wolle. Es wird moniert, daß dem Film Menschlichkeit, Liebe und Sinn für Humor fehle. Mit dieser Einschränkung empfehlt die Zeitschrift den Besuch des Films."' Dagegen entdeckte The Advocate im Januar 1980, daß der Film, den Praunheim »als Waffe für seinen Kreuzzug benutze«, »wie die Schwulenbewegung eine Fülle on Energie und Freude aufweist und daß die kumulative Wirkung in der Tat stark ist« . Le Berdache würdigt den Film anläßlich der Aufführung im September 1979 auf dem Festial der Filme der Welt, und Lindzee Smith bringt im East Village Eye ebenfalls im September 1979 Praunheim zu diesem Film ausführlich zu Gehör. Im Village Voice vergleicht Hoberman die ARMEE DER LIEBENDEN mit NICHT DER HOMOSEXUELLE IST PERVERS: »Während NICHT DER HOMOSEXUELLE IST PERVERS mehr vom Typ der Frankfurter Schule ist, ist ARMY OF LOVERS freischweifender und amerikanischer in seiner Vielfalt: eine gesunde Kakophonie von Stimmen.«

 

Daß der Film für die schwule Massenbewegung keine Rolle spielen würde, stand schon im Juni 1979 fest, als er im Rahmen des umfangreichen Veranstaltungsprogramms zur 10. Wiederkehr des Christopher St.'s Day eingesetzt werden soIlte und vom Veranstalter, dem Gay Pride Committee Christopher Street, abgelehnt wurde. Der Leiter des Schwulenmarsches Juni 1979 war Seth Lawrence von der Gay Activists Alliance, eben der Organisation, die einen ausführlichen Platz im Film (und im Buch) erhalten hatte. Die Organisatoren hatten den deutschen Störenfried ausgeschlossen. Praunheim fand das »in gewisser Hinsicht gut. Denn für mich ist es wichtiger einen Film zu machen, der zu einer Kontroverse führt

 

In Deutschland war die Presse »von der Vielfalt der Aspekte überrascht«(FAZ, 28.7.79) und sprach von einem »Kampffilm«(SZ, 21./22.4.79, der eher Konfrontation als Koexistenz suche; trotzdem sind hier genügend Anregungen, die eigene Zagheit zu überwinden«(Tagesspiegel, 1.6.79).

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Rosa von Praunheim; Band 30 der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien 1984, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags

 

 

ARMY OF LOVERS OR REVOLT OF THE PERVERTS. ARMEE DER LIEBENDEN ODER REVOLTE DER PERVERSEN.

BRD 1972-1979

Regie, Drehbuch, Kommentar, Schnitt, Ton: Rosa von Praunheim. - Mitarbeit: Mike Shephard. - Kamera: Rosa von Praunheim, Lloyd Williams, Juliana Wang, Michael Oblowitz, Ben Van Meter, Nickolai Ursin, John Rome, Bob Schub, Werner Schroeter. - Musik: Tom Robinson Band. - Songs: »I Need a Man«, gesungen von Grace Jones; »Power in the Darkness«, gespielt von Tom Robinson Band; »As Time Goes By«, »Dear Darling Dr. Magnus«, »Horst Wessel-Lied«, arrangiert und gesungen von Gay Sweatshop. - Darsteller: Harry Hay, Anita Bryant, Arthur Bell, Sarah Montgomery, Salih-Michael Fisher, John Silva, Rainbow Silverfire, Grace Jones, Rose Jordan, Del Martin, Phyllis Lyon, Ed Murphy, Seth Lawrence, Pink Satin Bomber, Bruce Voeller, Jean O'Leary, Fred Halstead, Russell Veh, Troy Perry, Sally Walker, Gordon Guy, Nancy Rough, Tom Reeves, John Rechy, John Briggs, Michael Kearns, Morris Knight, G 40 Plus, Gay Sweatshop. - Unterstützung und Mitarbeit: Gay Sweatshop, Joey Knutson, Fred Halstead, Tom Reeves, Alexander von Wechmar, Bill Rushton, Randy Shilts, Bettye Lane, Walter Gross, Brandon Judell, San Francisco Art Institute. - Sprecher: Rosa von Praunheim. - Produzent: Rosa von Praunheim im Auftrag des WDR. - Redaktion: Michael Gramberg. - Drehzeit: Sommer 1972 - Sommer 1978. - Drehort: New York, San Francisco, Florida, Los Angeles, Boston, New Orleans. - Format: 16 mm, Farbe (Eastmancolor). Original-Länge: 107 min; TV-Länge: 52 min. - Uraufführung: 12.3.1979, Filmex Hollywood. - New Yorker Premiere: 30.12.1979, Performing Garage Soho, New York. - Deutsche Erstaufführung: 20.4.1979, Türkendolch, München. - Kinostart: 4.5.1979. - TV: 14.8.1979 (WDRIII). - Verleih: Filmweit (16 mm).

Der Film verwendet Ausschnitte aus HOMOSEXUELLE IN NEW YORK. Der Titel des Films wird allgemein Mit ARMEE DER LIEBENDEN ODER AUFSTAND DER PERVERSEN zitiert. Der hier genannte Titel ... REVOLTE DER PERVERSEN folgt den credits der Kopie. - Es existieren eine deutsche und eine amerikanische Version des Films.

 

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