zur startseite

zum archiv

Apartment Zero

 

Wie funktioniert ein Faszinosum'? Der argentinische Film APARTMENT ZER0 führt es vor - auf höchst faszinierende Weise, und deswegen entzieht er sich sehr eindrucksvoll jedem Versuch, ihn einzuordnen. Ein Melodram? Ein brisanter Politfilm (über die Beihilfe des CIA zum Staatsterrorismus in Südamerika)? Eine übermütige Komödie? Eine Reflexion der Filmgeschichte? Die Antwort lautet ja und nein, denn das Autobiografische, das Martin Donovan (STATE OF WONDER) in die Filmfiktion überführt hat (er schrieb die Story, das Buch und führte Regie), ist nicht logisch; auch achtet es nicht die Genres; dafür erscheint es in diesem Film glaubhaft und wahr. Und wenn das Leben so spielt, wie es in APARTMENT ZERO spielt, dann geht es uns etwas an.

 

Adrian LeDuc (Colin Firth), kontaktscheuer Programmkinomacher in Buenos Aires, macht schlechte Geschäfte. Zwei Rentnerinnen in der Abendvorstellung, das war das Publikum. Er entschließt sich, in seine Wohnung (Apartment Zero) einen Untermieter aufzunehmen. Und es erscheint Jack Carney (Hart Bochner), ein attraktiver, leicht mysteriöser Kerl, und lächelt ihn an. Das ist ein Augenblick, der dauern muß, weil er so schön ist. Wären wir in der Oper, würde eine Arie folgen. Donovan setzt in seinem Film mit Bild-Musik ein, der erste der euphorisch-manischen Schübe des APARTMENT ZERO. In einer eskalierenden Montage, während der kaum ein Wort gesprochen wird, schaut James Dean - auf einem Starfoto - dem scheuen Kinomacher ins Gesicht, aber dann sind es wieder die Untermieteraugen, die ihn treffen; der Blickwechsel kulminiert, magisch angezogen drücken sich zwei Hände, und auf der Tonspur jubilieren Engelschöre. Donovan ist stets darauf bedacht, daß ein vorsätzlicher Bild- und Gefühlserguß wie dieser ironisch in der Schwebe bleibt. Dafür sorgt ein kontrastierender Kurzdialog („I am running a cinema club"/„Ah, videos!") oder die banale Ernüchterung der Anschlußszene („Gib Deine Shirts, ich wasch die mit meiner Wäsche mit").

 

Zum Faszinosum aber wird Jack, der Untermieter, als sich immer mehr herausstellt, daß er heimlich, in schwarzem Leder, im Auftrag des CIA für die Todesschwadronen arbeitet, d.h. als Killer Angehörige der politischen Opposition umlegt. Sein Vermieter Adrian steht eigentlich im anderen Lager; das Kino hat er der Menschenrechtsbewegung zur Verfügung gestellt (es ist wieder voll); gleichwohl erliegt er dem virilen Charme des Wohngenossen und hilft ihm gar noch beim Leichentransport. Die Erklärung für das „I need you and you need me" liefern nicht die Dialoge, wohl aber die Bild-Arien dieses Films. Denn der schwarze Jack tut, vom Job einmal abgesehen, nur Gutes. Ein Bravour- und Meisterstück ist die nicht enden wollende, aber auch nicht enden sollende Sequenz, in der Jack eine Katze rettet, die sich verstiegen hat. Die Montage fordert, wie eine richtig gesetzte Arie, den Beifall gradezu heraus. Und so gewinnt Jack die Herzen der Nachbarinnen, vor denen sich sein Vermieter so sehr fürchtet.

 

Der Film montiert Dokumentarfotos zur Zeitungsmeldung „Opfer Nr. 12" und zeigt darauf Jacks nächste gute Tat. Transvestit Vanessa (James Telfer), ein Hausnachbar, wird als Opfer bürgerlicher Aggression auf der Straße zusammengeschlagen (in einem solchen Fall macht der politisch zwar richtig strukturierte Adrian schnell seine Wohnungstür zu). Wer vertreibt die Aggressoren? Eben. Vanessa schenkt Jack, dem Retter, ein Goldkettchen und haucht: „You have given me anything just by being you". - Verrückt, aber wahr, wenn man Donovan glaubt, der schwört, dies alles selbst erlebt zu haben. An Details, die man kaum erfinden könnte, fehlt es jedenfalls nicht. Und diese sind so gekonnt-grotesk und kalkuliert-pathetisch in Szene gesetzt - Regisseur Donovan war Eleve Viscontis -, daß es dem Filmfreund eine Freude ist. Wobei jeder, der von vornherein weiß, was von einem Faszinosum zu halten ist, mindestens dann sein Standbein wechseln muß, wenn der Film auf seinem melodramatisch-moralischen Höhepunkt die Täter- und Opferrollen wechselt.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 9/89

 

Apartment Zero

APARTMENT ZERO

Großbritannien 1988. R: Martin Donovan. B: Martin Donovan, David Koepp. Fi: Miguel Rodrigeez. Sch: Conrad M. Gonzales. M: Elia Cmiral. T: Jorge Stavropoulos. A: Miguel Angel Lumaldo. Kn: Angelica Fuentes. Pg: The Summit Company. P: Martin Donovan, David Koepp. V: Delta. L: 124 Min. St: 14.9.1989. D: Hart Bochner (Jack Carney), Colin Firth (Adrian Le Duc). Dora Bryan (Margaret McKinney), Liz Smith (Mary Louise McKinney), Fabrizio Berativoglio (Carlos Sanchez-Verne), James Telfer (Vanessa).

 

zur startseite

zum archiv