zur startseite

zum archiv

Der alte Affe Angst

 

In letzter Minute ist Pascal Bonitzers Bruno ("Petites Coupures") im Wettbewerb (der Berlinale 2003; die fz-Redaktion) um die unsympathischste Hauptfigur geschlagen worden, und zwar um Längen. Die Zumutung nämlich, die der Regisseur Robert (trotzdem brillant: André Hennicke) in Oskar Roehlers "Der alte Affe Angst" für den Zuschauer darstellt, ist beträchtlich. Das reine Klischee des leidenden Künstlers: egozentrisch, rücksichtslos und bis zum Kragen im Selbstmitleid schwimmend. Seine Freundin Marie (Marie Bäumer) begehrt er nicht mehr. Er betrügt sie deshalb mit Nutten, für die Frau seines Lebens hält er sie dennoch. Er macht eine Therapie, ihr zuliebe, wie er einmal sagt, der Therapeut bestätigt ihn zu allem Überfluss in seinem Selbstbild.

Oskar Roehler ist entschlossen, sich ausgerechnet in eine solche Figur zu verbohren, sie bis aufs letzte Hemd auszuziehen. Das muss man nicht mitmachen wollen - und die Buhs der Presse nach der Vorführung kann man verstehen. "Der alte Affe Angst" ist ein Trip - nicht so sehr durch die Abgründe als durch die Sümpfe einer Seele. Er bleibt hautnah dran am hysterischen Hin und Her einer Beziehung zwischen kindischem Herumtollen und kreischenden Vorwürfen, hält drauf, wenn Marie mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Wanne liegt oder Robert die Prostituierte Lisa vögelt. Damit lange nicht genug des Elends. Marie ist Ärztin in einer Kinderstation, ein Kind liegt im Sterben, die Mutter ist HIV-positiv. Sie ist die Prostituierte Lisa. Allein daran wird schon deutlich, dass Roehler kein Halten kennt, im guten wie im bösen, Angst auf Schrecken häuft, finstere Schicksale nimmt, woher er sie kriegen kann.

 

Dann ist da noch Roberts Vater (Vadim Glowna), auch er, wundert keinen mehr, todkrank. Seinen letzten Roman (komisch, dass der Plot, den er erzählt, so frappierend an "Solaris" erinnert) kann er nicht mehr fertig schreiben. Robert fühlt sich belästigt durchs Leid des Vaters. Als er sich doch noch entschließt, ihn bei sich aufzunehmen, ist er tot.

 

Was noch? Ein Theaterstück mit nackten Menschen, die im Chor brüllen, wie in einem schlechten Schleef-Imitat. "Wir haben Angst", rufen sie. Der Autor des Stücks ist Robert, der Autor des Films ist Oskar Roehler, und wir haben längst begriffen, was er uns zeigen will. Natürlich kennt er dennoch kein Pardon. Es geht immer weiter so, das Geschrei und der Streit, bei Nacht und bei Tage. Alle Subtilitäten sind von der ersten Minute an über Bord geworfen, "Der alte Affe Angst" will immer nur hinaus auf den Exzess - wenngleich er ihn gegen Kontrastmomente der Ruhe ausspielt, die mit klassischer Streichkonzertmusik unterlegt sind.

 

Was er Marie und Robert zuletzt gönnt, sieht auf den ersten Blick aus wie ein Happy End. Nach ihrem Selbstmordversuch bleibt sie unter Beobachtung, Robert kommt zu Besuch. Sie umarmen sich, die Kamera kreiselt um sie, sie tollen durchs Gras, sie flicht ihm Gänseblümchen ins Haar. Schwer zu sagen, wie ernst das gemeint ist, die Fortsetzung dieser Hölle ist nichts, das man irgendjemandem wünschen möchte.

 

Ekkehard Knörer

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen bei:  Jump Cut

Zu diesem Film gibt es im archiv der filmzentrale mehrere Kritiken

 

Der alte Affe Angst

Deutschland 2003 - Regie: Oskar Roehler - Darsteller: André Hennicke, Marie Bäumer, Vadim Glowna, Christoph Waltz, Catherine Flemming, Herbert Knaup, Nina Petri, Ralf Bauer, Jutta Hoffmann, Eva Habermann, Ingrid van Bergen - FSK: ab 16 - Länge: 92 min. - Start: 24.4.2003

 

zur startseite

zum archiv